Zwischen Zuversicht und Schweigen: Türken über den Putsch

Von: Ingo Kalauz
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Ali Genc lebt seit 1973 in Hückelhoven. Der Ratheimer war bis zur Schließung 1997 Bergmann auf Sophia-Jacoba. Genc ist Stadtverordneter der SPD im Rat der Stadt Hückelhoven.
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Mehmet Yilmaz vom Integrations- und Bildungsverein in Hückelhoven gab sich wortkarg.

Hückelhoven. Die Türkei ist nach dem Putschversuch ein aufgepeitschtes Land. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat dem Volk eine „lichte Zukunft ohne Verräter“ versprochen. Bei den türkischen Mitbürgern herrscht in der Bewertung des Putschversuchs in ihrer alten Heimat und den Folgen vor allem eins: Verunsicherung.

Inzwischen wurden tausende Richter und Staatsanwälte ihres Amtes enthoben, es wird laut über die Einführung der Todesstrafe nachgedacht, zigtausende Professoren, Lehrer und Beamte werden entlassen, Akademiker dürfen das Land nicht verlassen, Zeitungen müssen ebenso schließen wie tausende gemeinnütziger Einrichtungen, Medien sind gesperrt worden – die „Säuberungen“, wie der türkische Staatspräsident das bezeichnenderweise nennt, sind in vollem Gange.

In einer Demokratie ist der Souverän das Volk; der Souverän in der Türkei ist seit dem gescheiterten Putschversuch Recep Tayyip Erdogan. Die Anhänger Erdogans gehen täglich mit Fackeln und Fahnen in den Händen für ihn auf die Straße; Kritiker Erdogans halten sich eher bedeckt. Wie sieht es eigentlich in Hückelhoven mit der Stimmung der türkischen Mitbürger aus? Immerhin leben in der Stadt rund 2500 Menschen mit einem türkischen Pass, und es sind tausende mehr mit türkischen Wurzeln, die inzwischen eingebürgert und deutsche Staatsbürger sind.

Wir wollten das von Adem Onur, einem der Dialogbeauftragten der DITIB wissen; die Moscheegemeinde ist seit über 30 Jahren auch an der Hilfarther Straße in Hückelhoven beheimatet. Aber Adem Onur ist nicht zu einer Einschätzung bereit: „Das ist noch zu frisch, um dazu etwas zu sagen. Alles Wichtige können Sie auf unserer Internetseite lesen“.

Auf der Internetseite der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (türkisch: Diyanet leri Türk slam Birlii) liest man über den Putsch vom 15. Juli und die Lage in der Türkei danach: Nichts. DITIB ist im übrigen nicht unumstritten: Für ihre Kritiker könne „der verlängerte Arm des türkischen Staates“ als „Vorfeldorganisation der türkischen AKP“, der Partei von Recep Tayyip Erdogan, bezeichnet werden.

Mehmet Yilmaz gehört in Hückelhoven dem Integrations- und Bildungsverein an und ist Stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbandes Islamischer Kulturzentren (VIKZ). Nein, auch er könne dazu konkret nichts sagen. Und nein, er wolle sich auch in seiner Eigenschaft als sachkundiger Bürger der CDU im Rat der Stadt Hückelhoven zur Stimmung der türkischen Mitbürger in seiner Heimatstadt Hückelhoven zur Situation nach dem Putsch in seinem Heimatland nicht öffentlich äußern.

Beim jährlich in der Moschee an der Ludovicistraße stattfindenden Fastenbrechen mit vielen geladenen Gästen aus dem Stadtgebiet wie auch bei anderen Gelegenheiten ist Mehmet Yilmaz sehr viel gesprächiger...

In den drei Moscheen im Hückelhovener Stadtgebiet, an der Hilfarther Straße 49 (DITIB), an der Ludovicistraße 3 und an der Jacobastraße 93 (beide VIKZ) treffen sich wöchentlich im Schnitt übrigens 676 Muslime. Die Türken alevitischer Glaubensrichtung, die in Hückelhoven wie im Bundesdurchschnitt auch rund 30 Prozent ausmachen, besuchen keine Moschee.

Für Ali Genc ist der Putschversuch vom 15. Juli in der Türkei nichts Neues: „Den ersten Putsch des Militärs 1960 habe ich als Kleinkind erlebt, dann kam der Putsch von 1971. Beim Putsch von 1980 war ich schon in Hückelhoven, bei dem von 1997 natürlich auch“. Seit 1973 lebt der im mittelanatolischen Sivas geborene Ali Genc jetzt in Hückelhoven; seit 1987 ist er Mitglied der SPD und sitzt in der dritten Legislaturperiode als Stadtverordneter für die Sozialdemokraten im Rat der Stadt.

„Ein Putsch, egal ob von links oder von rechts, bedeutet immer die Aushebelung der Demokratie“, sagt er. „Für mich als Sozialdemokrat hat eine pluralistische Demokratie die höchste Wichtigkeit“, fügt er hinzu. „Gerade jetzt“, sagt er, „müssen alle demokratischen Kräfte und Parteien danach streben, eine Demokratiekultur in der Türkei aufzubauen, wie es uns hier in Deutschland vorgelebt wird.“ Von daher verurteile er den Putschversuch.

Und? Findet er es richtig, das der türkische Staatspräsident das Scheitern des Putsches jetzt nutzt, um sich in groß angelegten „Säuberungsaktionen“ seiner Gegner zu entledigen? Quasi einen Staatsstreich von oben durchführt? Da wird der Ratheimer mit den türkischen Wurzeln sehr ernst: „Du musst vorsichtig mit dem sein, was du sagst. Erdogan ist nicht berechenbar.“

Wieder lachend fügt er an: „Ich will ja noch mal in Urlaub in die Türkei fahren.“ Seine Heimat, das sei inzwischen Deutschland: „Auch von der Mentalität her. Für meine fünf Kinder ist Deutsch schon die Muttersprache. Wenn wir in die Türkei kommen, nennen sie uns dort Deutschländer.“

Ali Gencs Vater kam 1964 aus Anatolien auf die Zeche nach Hückelhoven, neun Jahre später holte er den Sohn an die Rur. Der malochte dann wie rund 700 andere Männer aus der Türkei auf Sophia-Jacoba als Bergmann „bis der Deckel zugemacht wurde“, also bis Ende 1997.

Nein, er glaube nicht, dass es in Hückelhoven zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern von Erdogan kommen werde: „Die Türken in Hückelhoven fühlen sich hier Zuhause, die kennen sich untereinander. Auch wegen der Vergangenheit mit Sophia-Jacoba. Nein, da wird es wegen der politischen Situation in der Türkei in Hückelhoven keinen Zoff geben.“ Er rechne auch nicht damit, dass es in Hückelhoven zu einer Demonstration kommen werde wie sie für Köln angekündigt ist. „Für die allermeisten Türken, die hier leben, ist Hückelhoven auch ihre Heimat. Für die gibt es keinen Grund zu demonstrieren“, sagt Ali Genc.

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