Selfkant-Saeffelen - Zweite Chance für gestrauchelte Mädchen

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Zweite Chance für gestrauchelte Mädchen

Von: dawin
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Natürlich muss ein Mädchen aus der Punk-Szene nicht zwangsläufig gestrauchelt sein. Oftmals ist das provokative Outfit aber auch ein Ausdruck für den mangelnden Willen und die fehlende Fähigkeit, sein Leben in vernünftige Bahnen zu lenken. Foto: Stock/People
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Josef Werny, Geschäftsführer und Mitbegründer des Heilpädagogischen Zentrums in Saeffelen. Foto: dawin

Selfkant-Saeffelen. Das Konzept mag zunächst etwas merkwürdig anmuten: Nicht die Stadt in ihrer prallen Vielfalt, sondern die ländliche Provinz in ihrer Beschaulichkeit ist die richtige Umgebung für junge Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft gestrandet sind und die den Weg in ein normales Leben suchen – und dort zum allergrößten Teil auch finden.

Dass dies funktioniert, zeigt das Heilpädagogische Zentrum (HPZ), mit Hauptsitz in Selfkant-Saeffelen. Seit 20 Jahren ist die gemeinnützige Einrichtung, die dem Diakonischen Werk angeschlossen ist, für Mädchen in besonderen Problemlagen eine wichtige Anlaufstation.

Die Bilanz im runden Jubiläumsjahr kann sich sehen lassen. Sozialpädagoge Josef Werny, Geschäftsführer und Mitbegründer des HPZ, lässt Zahlen sprechen: „In den zwei Jahrzehnten haben wir etwa 200 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren betreut. Und dies sehr erfolgreich, wenn man bedenkt, dass pro Jahr vielleicht nur ein bis zwei Mädchen die Betreuung abbrechen.“

Das HPZ stößt mit seinem Konzept in eine Lücke. Werny erläutert: „Eine geschlossene Betreuung von Kindern und Jugendlichen ist in Deutschland gesetzlich nicht gewollt. Die Jugendhilfe bei den Kommunen bedient sich daher in aller Regel der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wohin die Problemfälle mit richterlichem Beschluss abgeschoben werden. Aber das kann es doch nicht sein, weil die meisten Kinder, die dort landen, nicht psychiatrisch behandelt werden müssen.“

Im Gegensatz hierzu setze das HPZ ausschließlich auf sozialpädagogische Betreuung, sagt der Geschäftsführer. Die jungen Menschen sollen während ihrer in aller Regel einjährigen Verweildauer in den vier Wohngruppen (siehe Zusatzkasten) den „Plan für ihr Leben“ erkennen und verinnerlichen. „Die reizarme Umgebung ohne Verlockung und die schlichte ländliche Normalität im positiven Sinn“ seien ein Schlüssel für den Erfolg. Die jungen Klienten, die von den Jugendämtern aus dem gesamten Rheinland in die HPZ-Obhut gegeben werden, haben Gewalt und Missbrauch erlebt, sind daheim vernachlässigt worden und sind irgendwann auf die schiefe Bahn geraten.

„Erschreckend ist, dass die Mädchen nicht mehr allein aus der Unterschicht stammen, sondern auch zunehmend aus gut situierten Normalfamilien. Wir beobachten immer mehr eine gewisse Erziehungsunfähigkeit der Eltern“, klagt Werny. Der Grund: Den Kindern würden heute keine Grenzen mehr aufgezeigt, sie würden vielmehr in einer TV-Scheinwelt leben und die Wirklichkeit nicht mehr richtig wahrnehmen.

„Die ideellen Werte haben sich in vielen Familien komplett und dramatisch verändert“, stellt Josef Werny fest. Er nennt ein Beispiel: Früher hätten die Eltern noch Geld in die Nachhilfe des Sprösslings reingesteckt, heute gebe es stattdessen ein Handy. An diesem um sich greifenden negativen Wertwandel trage auch der Sozialstaat bei, der Sozialpädagoge moniert: „Der Staat gibt Knete, aber keine Perspektiven.“

Und Perspektiven will das HPZ bieten. Doch auf den Weg dorthin gilt es für die Mädchen in den vier Wohngruppen, von denen die meisten bislang nur in den Tag hineingelebt haben, strikte Regeln einzuhalten. So ist der Schulabschluss ein Muss. „Notfalls gehen wir mit in die Schule und setzen uns daneben.“ Ohne Wenn und Aber wird auch der werktägliche Stundenplan abgearbeitet: Aufstehen um sechs, gemeinsames Frühstück, Schulbesuch, Mittagessen, Aufräumen der Zimmer und Hausaufgaben (mit Betreuung).

Darüber hinaus haben die Bewohnerinnen in Eigeninitiative auch für ein blitzblankes Zuhause zu sorgen. „Dreh- und Angelpunkt für die Umsetzung unserer Erziehungsziele ist die Schaffung von vielfältigen gruppen- und individualpädagogischen Lern- und Übungsfeldern in einer intakten Wohn- und Lebensgemeinschaft“, betont Werny.

Entscheidend für ein künftiges wohlgeordnetes Leben ist auch und vor allem ein Berufsabschluss. Und deshalb hat das HPZ auch dort die Weichen gestellt. „Wir haben in den vergangenen Jahren vier am realen Wirtschaftsleben orientierte Zweckbetriebe gegründet – ein Friseurgeschäft, ein Reisebüro mit Postagentur, einen Handyshop und ein Bürodienstleistungsprojekt. Und in diesen Betrieben können wir unsere Mädchen ausbilden“, erklärt der Sozialpädagoge.

Sicher, nicht alle Mädchen finden den Weg in die Gesellschaft, aber auch die Rückmeldungen bei Josef Werny zeigen, dass das Konzept Früchte trägt. „Da kommen ein paar ehemalige Mädchen aus der Wohngruppe mit einem Kuchen zu mir und berichten aus ihrem normalen Leben. Da gibt es eine Klientin, die es zur Friseurmeisterin gebracht hat.“

Und gerne erinnert sich Werny an jenes Mädchen, das im Gründungsjahr 1994 von Duisburg kommend als Erste in die Saeffelener Wohngruppe einzog – zunächst Zeder und Mordio schreiend und die Provinz verfluchend. „Heute wohnt sie noch immer, jetzt mit eigener Familie, in der hiesigen Region. Wie konstatiert der Sozialpädagoge nach 20-jähriger Erfahrung: „Das Landleben hat für viele eine ausgleichende Wirkung.“

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