Zweijährige aus Wut gegen hölzernes Bettteil geschlagen

Von: Heike Ahlen
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Hückelhoven/Mönchengladbach. Weinend sitzt die zierliche Sonja D. (31) auf dem Zeugenstuhl im Mönchengladbacher Landgericht. „Für mich war meine Welt in Ordnung, ich wollte nur zufrieden und glücklich leben mit meiner kleinen Familie”, sagt sie.

Dieses kleine Glück wurde am Abend des 20. Mai dieses Jahres jäh zerstört. Um kurz vor 20 Uhr erhielt sie einen Anruf, der ihr ganzes Leben veränderte: Ihr Lebensgefährte Rainer B. (44) teilte ihr mit, dass ihre Tochter Leonie (damals 2) aus dem Bett gefallen sei.

Es folgte ein Horrortrip für die junge Mutter von drei Kindern. Sie selbst rief den Rettungswagen. „Als ich in das Zimmer kam, hat Leonie die Augen aufgemacht und Mama gesagt”, berichtet sie. „Dann verdrehte sie die Augen nach hinten.” Apathisch habe das Mädchen im Bett gelegen. „Ich habe noch zum Täter gesagt: Das ist doch nicht Deine Schuld”, sagt sie. „Aber er war vollkommen regungslos. Ich habe gedacht, er steht unter Schock.” Niemals habe sie ihm zugetraut, ihrer Tochter etwas antun zu können.

Im Aachener Klinikum, wohin die Kleine mit dem Hubschrauber gebracht wird, eröffnet man ihr, dass das Kind wahrscheinlich die Nacht nicht überleben werde. „Ich habe ihr immer wieder gesagt: Egal, wie Du zu Deiner Mama zurückkommst, ich nehm Dich”, erzählt sie unter Tränen. „Aber wenn es Dir zu viel wird, Du damit nicht klarkommst, dann geh.” Leonie kämpft, bis zum 6. Juni besteht Lebensgefahr. Und ihre Mutter geht unterdessen durch die Hölle.

Sturz kann nicht Ursache sein

Denn die Polizei findet schnell heraus: Ein Sturz aus dem Bett, wie ihn Rainer B. vorgegeben hat, kann unmöglich diese Verletzungen hervorrufen. „Ich habe dann im Zimmer eine Hand voll Haare gefunden”, so die Mutter weiter. Sie stellt ihren Lebensgefährten zur Rede. „Er hat starr geradeaus geblickt, aber als ich dann gefragt habe, ob er ihr vielleicht aus Versehen die Tür vor den Kopf geschlagen habe, da schaute er plötzlich geradezu euphorisch und hat nur gesagt: Ja, genau so war es.”

Inzwischen hat Rainer B. aber weitgehend eingeräumt, dass es so war, wie es in der Anklage steht: Er soll das Mädchen in Wut auf das Bett geworfen und mit dem Kopf vor das hölzerne Betthaupt geschlagen haben - auch auf die Gefahr hin, dass das Mädchen dabei stirbt.

„Leonie war nie ein Problemkind, nie böse”, sagt Sonja D. „Das ist nicht fair”, fügt sie leise hinzu. Denn Leonie hat zwar überlebt, trug aber schwerste Schäden davon. „Sie kann nicht mehr sehen, sie tastet nur”, berichtet ihr Vater Stefan D. (39) im Gericht. „Ihren rechten Arm kann sie nicht gebrauchen.” Inzwischen könne die Dreijährige knien und sich mit der linken Hand vorwärts ziehen, aber auch ihr Sprechvermögen sei gestört. „Wir müssen davon ausgehen, dass sich daran nichts mehr ändert”, sagt der Mann aus Gangelt. Zwar gebe es die Wunder, in denen bei Kleinkindern die eine Gehirnhälfte die Funktion der geschädigten mit übernehme, aber bislang sehe es bei Leonie nicht nach diesem Wunder aus. Er hat inzwischen seine Söhne zu sich genommen, seine Ex-Frau kümmert sich voll und ganz um die Pflege der kleinen Tochter.

Die Staatsanwaltschaft wirft Rainer B. versuchten Totschlag, Misshandlung von Schutzbefohlenen und schwere Körperverletzung vor. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft. Am Freitag, 23. Dezember, wird weiter verhandelt. Das Urteil soll am 23. Januar gesprochen werden.
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