Zustrom stellt Heinsberger Tafel auf eine harte Probe

Von: Rainer Herwartz
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Mittwochs und vor allem samstags ist der Andrang bei der Heinsberger Tafel an der Erzbischof-Philipp-Straße groß. In dem etwas düsteren, an eine Kellerbar aus den 1970er Jahren erinnernden Verteilraum drängen sich die Menschen an der Lebensmittelausgabe. Foto: Rainer Herwartz
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Mittwochs und vor allem samstags ist der Andrang bei der Heinsberger Tafel an der Erzbischof-Philipp-Straße groß. In dem etwas düsteren, an eine Kellerbar aus den 1970er Jahren erinnernden Verteilraum drängen sich die Menschen an der Lebensmittelausgabe. Foto: Rainer Herwartz
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Tafel-Geschäftsführer Heinz-Werner Küpper (links) und stellvertretender Vorsitzender Kurt Kornmesser haben alle Hände voll zu tun.

Heinsberg. Liegen die Nerven nun schon blank, oder doch noch nicht? Eines ist jedoch unübersehbar. Die Stimmung ist gereizt. Beim Heinsberger Tafel-Geschäftsführer Heinz-Werner Küpper werden die Ansagen knapper und bestimmter.

„Ein Glück, dass der Werner so ein lautes Organ hat“, sagt der stellvertretende Tafel-Vorsitzende Kurt Kornmesser und lächelt. Dabei ist beiden gar nicht so recht nach Lachen zumute, denn die Termine zur Lebensmittelausgabe mittwochs und samstags führen die Senioren und ihre Mitstreiter regelmäßig an die Grenzen der Belastbarkeit.

„Wie lange ich das noch mache, weiß ich nicht“, sagt Kornmesser, der seit 2010 einen Großteil seiner Freizeit in den Dienst der Heinsberger Tafel gestellt hat. „Wir haben derzeit jede Woche 20 neue Haushalte, die es zu versorgen gilt“, beschreibt Küpper die Situation. Der Ausländeranteil an den bedürftigen Haushalten liege bei geschätzten 80 bis 90 Prozent, erklären beide übereinstimmend. Da löst Angela Merkels Ausspruch „Wir schaffen das!“ bei den zupackenden Männern und Frauen bestenfalls noch ein zweifelnd-unsicheres Grinsen aus.

„Heute sind es 62 Haushalte, die sich Waren abholten“, sagt Kornmesser. Der an einen alten, etwas düsteren Partykeller aus den 1970er Jahren erinnernde Ausgaberaum für die Lebensmittel ist prall gefüllt mit Menschen. Die meisten sitzen, manche müssen stehen. Alle blicken gebannt auf die digitale Anzeige über der Ausgabetheke. Blinkt ihre Nummer auf, dürfen sie sich ihre Ration, die sich nach der Zahl der Haushaltsmitglieder richtet, bei den Helfern abholen.

Nicht alle jedoch scheinen das Prinzip verinnerlicht zu haben. Immer wieder drängen einige an den Tisch von Küpper und Kornmesser, die die Verteilung über die Bedürftigenausweise und ein Eingabesystem regeln. „Wir haben einen Leitfaden gemacht auf Englisch, aber die meisten können auch den nicht lesen“, sagt Kornmesser. Am Samstag würden der Lärmpegel und das Gedränge in der Tafel sicher noch größer. Denn dann gelte es erstens in der Regel, so um die 80 Haushalte zu bedienen und zweitens kämen die Familien oft auch noch in Begleitung ihrer Kinder. Nach einem Rotationssystem werden einmal die Haushalte mit vielen Personen zuerst bedacht und umgekehrt.

„Der Anteil der deutschen Bedürftigen wird immer geringer, nicht weil sie nicht mehr bedürftig sind, sondern weil sie quasi überrannt werden“, schildert Küpper seine Empfindungen. Rund 400 Not leidende Haushalte stünden in der Liste allein bei der Heinsberger Tafel. Viele kämen jedoch „zum Glück“ nur einmal im Monat oder noch weniger. Die 70-jährige Oma scheue es zudem, sich dem Lärm, und dem Gedränge auszusetzen oder womöglich eineinhalb Stunden stehen zu müssen, bis sie an der Reihe ist, meint der frühere Lebensmittelhändler. Vor drei Jahren, sagt Kornmesser, sei die Lage noch ganz anders gewesen.

Ein immenser Teil derjenigen, die heutzutage die Tafel in Anspruch nehmen, seien nicht unbedingt Flüchtlingsfamilien mit Kindern, sondern Einpersonenhaushalte, erklärt Küpper. Von den 62 Haushalten, die gerade Vertreten sind, seien dies immerhin 34, und davon wiederum 25 junge männliche Asylbewerber. An den Samstagen stelle diese Gruppe mittlerweile sogar etwa die Hälfte aller Haushalte. Allesamt seien sie Flüchtlinge, denen Heinsberg als fester Wohnsitz zugeteilt worden sei.

Noch scheint die Versorgung zu funktionieren. „Textilien kommen nach wie vor in Massen“, sagt Kornmesser. „So viele können wir gar nicht unterkriegen.“ Eine grundsätzlich wohl eher erfreuliche Entwicklung, auch wenn Küpper augenzwinkernd nachschiebt: „Ein Drittel der Spender hat aber auch einfach seinen Keller entleert.“

Morgens um Halbacht machen sich die Mitarbeiter der Heinsberger Tafel auf den Weg zu den 15 Läden und Supermärkten, die sie mit Lebensmittel unterstützen. Samstags geht es sogar bis in den Selfkant hinein. „Wir würden uns freuen“, so Küpper, „wenn wir auch Geldspenden bekämen, damit wir genau das davon kaufen können, was fehlt. Auch wenn das nicht im ursprünglichen Sinne der Tafel ist, aber anders geht es nicht mehr.“

Vielleicht kann ja in dieser Hinsicht das Treffen des Landesverbandes in Köln helfen, an dem Küpper und Kornmesser am Samstag teilnehmen werden. Bisweilen komme der Landesverband durch Zuwendungen schon einmal zu Geldern, die dann verteilt würden. Für die Umrüstung der Heinsberger Tafel auf LED-Licht erhielten die Ehrenamtler auf diesem Weg in der Vergangenheit schon einmal 1750 Euro, wie Kornmesser erzählt. Doch nicht immer sind die Angebote so sinnvoll. Neulich bestand zum Beispiel die Möglichkeit, sich in Oberhausen eine Fuhre Tiefkühlware abzuholen. Doch ohne entsprechenden Kühlwagen versprach dieses Unterfangen nur wenig Erfolg.

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