Zirkusleben heute: Stets ein Auf und Ab am Rand der Existenz

Von: Anna Petra Thomas
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„Herein spaziert, herein spaziert!“ In das Zirkuszelt an der Oberbrucher Deichstraße passen bis zu 120 Besucher. Zirkusdirektor David Bossle hofft auf möglichst viele Gäste über die Ostertage. Foto: Anna Petra Thomas
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„Herein spaziert, herein spaziert!“ In das Zirkuszelt an der Oberbrucher Deichstraße passen bis zu 120 Besucher. Zirkusdirektor David Bossle hofft auf möglichst viele Gäste über die Ostertage. Foto: Anna Petra Thomas
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Akrobatin Loreen und Clown Antonio Bossle mit der kleinen Ziege Peter, die vor zwei Wochen im Zirkus geboren ist.

Heinsberg-Oberbruch. „Ich bin doch noch gar nicht rasiert!“, sagt David Bossle und lacht. Noch sind er und der Rest seiner großen Familie kräftig damit beschäftigt, alles herzurichten für die Premiere des kleinen Zirkus gleichen Namens. Der hat über die Ostertage sein rot-gelbes Zweimastzelt auf dem Parkplatz hinter den Diskotheken an der Deichstraße in Oberbruch aufgeschlagen. Die erste Vorstellung beginnt am Donnerstag um 16.30 Uhr.

Es dauert nur wenige Minuten, da ist aus dem Zirkuschef im schwarzen Trainingsanzug ein richtiger Clown geworden, mit fein karierter Hose, schickem Jackett, viel zu großen Schuhen und einer ebenso roten Schlägermütze aus Samt. Sogar schon fertig geschminkt hat er sich, ehe er zusammen mit seiner Frau Tunita Einblick gibt in diejenigen Facetten der Zirkuswelt, die der Besucher während der Vorstellung nicht sieht.

Dabei wird es hinter der roten und weißen Schminke ernst, das Gesicht von David Bossle. In Süsterseel, wo der Zirkus zuvor sein Lager aufgeschlagen hatte, sei es gar nicht gut gewesen, räumt der Chef ein und meint damit die Zahl der Besucher in dem Zelt, das etwa 120 Besucher fasst. „Wir schlagen uns halt so durch.“ Seit sieben Jahren, seit sein Zirkus existiere, sei es ein Auf und Ab. „Manchmal reicht das Geld gerade fürs Tanken, um von Ort zu Ort zu fahren und für das Bisschen, das uns noch zum Leben bleibt“, sagt der Clown, der aus dem Selfkant stammt. Sein Vater habe einst die Indianer-Show im Selfkantpark gemacht, erzählt er.

„Es wäre so schön, wenn das Zelt mal wieder voll wäre“, gerät seine Frau Tunita fast ins Schwärmen. Aber auch sie weiß, dass diese Zeiten des wandernden Zirkus vorbei sind. Früher, da hätten die Kinder auf der Straße laut „Hurra!“ gerufen, wenn ein Zirkus in den Ort gekommen sei. Die Oma, 87 Jahre alt, die auch heute noch mit der Familie unterwegs ist, könne davon erzählen. Sie sei noch mit Pferd und Wagen gefahren, berichtet Tunita Bossle.

Heute säßen die Kinder jedoch lieber vor dem Computer. „Und viele Leute haben auch einfach kein Geld“, fügt sie hinzu. Neben den großen Plakaten an der Straße würden sie sogar von Haus zu Haus für den Zirkus mit Handzetteln werben und in den Schulen Freikarten für Kinder abgeben. „Aber die werden dort dann manchmal gar nicht weitergegeben“, sagt sie traurig.

Fehlende Besucher in der Saison sind auch der Grund dafür, dass über Weihnachten ein Zirkus in der Innenstadt war und die Bossles jetzt über Ostern in Oberbruch Station machen. „Früher haben wir eine Winterpause gemacht“, erzählt Tunita Bossle. „Das geht heute nicht mehr.“ Auch sie wären gerne in die Innenstadt gegangen, doch da sei kein Platz für sie gewesen. Daher stehen sie jetzt in Oberbruch und hoffen, hier über die Ostertage auf mehr als nur ein paar Besucher.

Ein Landwirt in der Nähe habe ihnen dieses Mal Heu für die Tiere geschenkt, freut sich der Zirkuschef. Nicht von alleine, nein. Sohn Leon, eines von vier Kindern der Bossles, übernimmt es an jedem Standort, sich ums Futter zu kümmern und aktiv bei Landwirten um Spenden zu bitten. „Auf Deutsch kann man auch sagen betteln“, fügt der Vater hinzu. „Aber was sollen wir machen? Irgendwie müssen wir uns ja selbst helfen.“

Manchmal sei auch eine Spedition so nett, ein bisschen Diesel für die Fahrzeuge zu sponsern, fügt er hinzu. Der Fuhrpark des kleinen Zirkus umfasst immerhin zwei Lkw, zwei Transporter, sechs Wohnwagen und einen Wagen für die Tiere, also für vier Pferde, zwei Esel, zwei Lamas und drei Ziegen.

Für die Tiere ist gerade auch noch Tierärztin Anne Kreth vom Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt des Kreises Heinsberg vor Ort, um nach dem Rechten zu sehen. Praktikantin Ute Houben sucht dabei zum Beispiel mit einem speziellen Gerät nach dem Chip, den die Tiere tragen müssen. „Aber hier ist ja alles top!“, so das Fazit von Anne Kreth. Das müssten auch die Tierschützer wissen, die vor dem Zelt schon demonstriert hätten, sagt Tunita Bossle. „Die sollten erst einmal in den Zirkus gehen.“ Tierquälerei gebe es in ihrem Zirkus keine, erklärt sie. „Die Tiere sind doch unsere Existenz. Und die Kinder kommen doch, um die Tiere zu sehen.“

Dann kann‘s ja losgehen. „Ja, Zirkus ist Kultur und sollte nicht aussterben!“, betont Tunita Bossle. „Besucher, die bei uns waren, gehen immer mit einem strahlenden Lächeln wieder nach Hause“, fügt sie hinzu. „Solange es Kinder gibt, muss es auch noch Zirkus geben!“, ergänzt ihr Mann. Und so ist der älteste Sohn Dennis gerade dabei, zusammen mit seiner Frau einen neuen Zirkus aufzubauen, mit dem er ab Sommer in den Niederlanden über die Campingplätze touren will.

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