Zeugnis eines mutigen Mannes: Für Glauben und Vaterland, aber gegen Nazis

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
7762988.jpg
Karl Beumers mit den acht Tagebüchern von Christian Schreinemachers. Im NS-Dokumentationszentrum (NS-DOK) der Stadt Köln werden sie derzeit ausgewertet. Repros: Anna Petra Thomas
7762995.jpg
Christian Schreinemachers verlor als Fallschirmjäger sein Leben im Zweiten Weltkrieg.

Heinsberg-Kirchhoven. Mit seinen Recherchen, seinen mittlerweile drei Büchern und seinen Vorträgen über die Zeit des Nationalso-zialismus und des Zweiten Weltkriegs hat sich Karl Beumers aus Kirchhoven einen Namen gemacht. Besonders gut Bescheid weiß er über die Geschichte seines Geburtsorts Birgden und über die seiner Wahlheimat Kirchhoven.

Aus Kirchhovens Ortsteil Vinn stammte auch der Soldat Christian Schreinemachers. Dessen spannender und zum Teil auch bedrückender Nachlass in Form von sieben, teilweise in Sütterlin-Schrift gefassten Tagebüchern mit insgesamt 1220 Seiten will Beumers im nächsten Jahr in einer rund 200 Seiten starken Zusammenfassung unter dem Titel „Christians Jugendleben“ veröffentlichen. Erhalten hat er die Tagebücher von Schreinemachers jüngster Nichte Marlies Poschen. Ein achtes, das sogenannte Sturmschar-Tagebuch, das sich im Besitz von Käthe Peters aus Birgden befindet, hat Beumers bereits in seinem jüngsten, gerade erschienenen Buch „Geschichten von gestern und vorgestern“ vorgestellt.

Schreinemachers, 1919 in Vinn geboren, musste 1941 als Fallschirmjäger auf Kreta sein Leben lassen. „Ihn kann man als einen der ersten Heinsberger Widerstandskämpfer gegen die Nazis bezeichnen“, so Beumers. Trotz aller Anfeindungen von Hitlerjugend und Lehrern, aber auch aus der Bevölkerung, sei Schreinemachers eisern geblieben und keiner nationalsozialistischen Gruppierung beigetreten. Aus der Sichtung der Tagebücher weiß Beumers, dass der Widerstand von Schreinemachers sofort nach der Machtübernahme begonnen hat.

„Mit der Machtergreifung Adolf Hitlers stellte man uns in Kirchhoven eine neue Jugendorganisation zu Seite, die Hitlerjugend“, schreibt der damals 14-Jährige. „Wir alle waren bereit, nicht zu weichen“, lobt er seine Freunde in der Sturmschar. Schreinemachers besuchte zu dieser Zeit das Gymnasium in Heinsberg. „Auch auf der Schule merkte man den Umschwung“, schreibt er. Alle Lehrer und Beamten krochen vor der neuen Macht zu Kreuze, wechselten ihre Gesinnung, wie man auch einen Anzug wechselte.“ Für ihn habe es nur noch das Sturmschargesetz gegeben. „Ich hatte mich dem Christusbanner verschrieben.“

Etwa vier Jahre später schreibt er: „Von den 280 Schülern bin ich der einzige, der nicht in einem nationalsozialistischen Verband ist. Und ich bin fest entschlossen, auch in Zukunft meinem Ideal treu zu bleiben. Ich habe schon Opfer dafür gebracht, und ich bin gerne bereit, noch Schweres und selbst Schwerstes auf mich zu nehmen.“ Er tue das nicht aus Opposition, betont der junge Mann. „Es wäre mir sogar sehr lieb, wenn ich in allem zum neuen Deutschland Ja sagen könnte. Ich liebe mein Vaterland, aber auch meinen Glauben.“

Beim „Übersetzen“ von Schreinemachers Tagebüchern stieß Beumers auch auf einen Bericht über einer Romfahrt von rund 2000 Mitgliedern der Sturmschar zu Ostern 1935. „Zu dieser weiten Reise kam es, weil diesen jungen Menschen in unserer Heimat jede öffentliche Betätigung verboten wurde“, so der Historiker. Daher musste das „Reichstreffen der Sturmschar“ nach Rom verlegt werden. Nach der feierlichen Ostermesse im Petersdom und dem Segen durch Papst Pius XI. hätten sich die Sturmschärler wieder auf den Heimweg gemacht. An der deutschen Grenze jedoch seien sie von der Gestapo „empfangen“, ausgeplündert und verhört worden. „Alles wurde beschlagnahmt“, so Beumers.

Wie er weiter erfuhr, war während dieser Romreise ein Film entstanden. Beumers machte sich auf die Suche und wurde fündig: im NS-Dokumentationszentrum (NS-DOK) der Stadt Köln bei dessen wissenschaftlichem Mitarbeiter Dr. Martin Rüther. Beumers berichtete von seinem Vorhaben und von den Tagebüchern. „In Köln war man erstaunt über dieses historische Material.“ In diesem Umfang sei es eine Seltenheit, so Beumers. Rüther bat um eine befristetet Leihgabe der Tagebücher zu Forschungszwecken. Nachdem die Besitzerin der Leihgabe zugestimmt hatte, machte sich Beumers mit seiner Frau auf den Weg nach Köln, um die Bücher im NS-DOK an Rüther zu übergeben. Hier werden sie nun bis Ende dieses Jahres weiter ausgewertet.

Das vielfach ausgezeichnete (NS-DOK) ist bundesweit die größte lokale Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Die Arbeit hier widmet sich in gleichem Maße dem Gedenken, Vermitteln und Erforschen der NS-Zeit: Das Zentrum ist Gedenkort, Lernort und Forschungsort in einem. Dabei zählen die Sichtung, Sammlung und Sicherung von Materialien und deren Verzeichnung und Auswertung in Datenbanken zu den zentralen Aufgaben. Die Ergebnisse finden Eingang in alle Bereiche der Arbeit: in Publikationen und Sonderausstellungen, Veranstaltungen und Internetangebote sowie in die Museumspädagogik.

Beumers freut sich sehr, dass seine historische Arbeit und vor allem die Person von Christian Schreinemachers jetzt auch über die Region hinaus Wertschätzung findet. Seinem Schritt, für den jungen Mann aus Vinn eine Anerkennung als „Widerstandskämpfer im Dritten Reich“ zu erreichen, sieht er sich durch die Übergabe der Tagebücher an das NS-DOK wieder einen Schritt näher gekommen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert