Zeitzeugen schildern dramatische Szenen aus der Progromnacht

Von: Anna Petra Thomas
Letzte Aktualisierung:
13405026.jpg
Im Hinterhof dieses Gebäudes an der Hochstraße in Heinsberg, das heute links von einem kleinen Geschäft und dem Roxy Filmtheater und rechts von einem Herrenausstatter eingerahmt wird, befand sich einst die Heinsberger Synagoge. Eine Tafel (kleines Foto) erinnert noch heute daran. Foto: Herwartz (1), Thomas (1), imago/stock (1)

Heinsberg. Es sind nicht mehr viele, aber es gibt sie noch, die Zeugen der Zeit des Nationalsozialismus vor mehr als 70 Jahren auch in unserer Region. Karl Beumers aus Kirchhoven hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Erinnerungen für die Nachwelt aufzuschreiben.

Und so finden sich in seinen mittlerweile fünf Büchern auch neue Augenzeugen-Berichte über die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. In seinem jüngsten Buch mit dem Titel „Durch die Zeit“, erschienen in diesem Jahr, berichtet Adolf Jansen aus Heinsberg von einem Gespräch, das er am Morgen des 10. November in seinem Elternhaus mitbekam. Ein „alter Heinsberger Nazi“ habe sich bei seinem Vater beklagt, dass die Synagoge beschädigt und geplündert worden sei.

„Es waren SA-Leute aus Geilenkirchen, die sich zu dieser Tat hinreißen ließen“, erzählte er. Sie hätten auch die Geschäfte der Heinsberger Juden beschädigt und ihre Möbel einfach auf die Straße geworfen. Mehr noch hätten sie noch in der Nacht die Synagoge in Brand setzen wollen. Heinsbergs damaliger Brandmeister Wählen habe sich jedoch von diesem Vorhaben distanziert. Obwohl sein Vater ihn gebeten habe, nicht zur Synagoge zu gehen, sei er aus Neugier doch mit seinen Freunden dort gewesen und habe die Zerstörung gesehen, so Adolf Jansen.

Ein anderer Zeitzeuge, damals gerade sechs und heute 84 Jahre alt, kann noch genauer beschreiben, was er damals in der Synagoge sah. Ganz früh am Morgen sei er schon mit Freunden unterwegs gewesen, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung. „Da lagen Glasscherben und Holzstücke auf dem Bürgersteig.“ Und doch sei nirgends ein Mensch zu sehen gewesen, beschreibt er die für ihn damals sehr eigenartige Situation. „Sonst standen früher immer viele Leute zusammen, wenn etwas Besonderes passiert war.“

Neugierde sei es auch bei ihm gewesen, die ihn in die Synagoge hinein getrieben habe. Über einen kleinen Vorhof hinweg sei er durch eine große, ehemals zweiflügelige Eichentür hindurchgegangen. „Ein Flügel fehlte“, erinnert er sich. Im Inneren habe er die Zerstörung gesehen. „Leuchter, Eisenstangen, Bretter, alles lag durcheinander“, erzählt er. „Stoffe und Teppiche, alles zerrissen.“ Vor allem aber sieht er noch heute ganz deutlich ein großes, rundes und farbiges Glasfenster vor sich, „wie es heute in unseren Kirchen zu sehen ist“. Dieses Fenster habe nur in seinem unteren Teil Zerstörungen aufgewiesen. „Wahrscheinlich, weil es sehr hoch war und sie nicht ganz drangekommen sind“, vermutet er.

Mit einer ganzen Schar aus dem sogenannten Jungvolk von der Kirchhovener Volksschule machte sich am Morgen des 10. November auch Heinz Jansen aus Lieck auf den Weg nach Heinsberg. Er ist im vergangenen Jahr im Alter von 84 Jahren gestorben, konnte Karl Beumers aber noch von seinen Erlebnissen berichten. Diese werden im Buch „Menschen und Menschliches“ dokumentiert sein, das im Frühjahr 2017 erscheinen wird.

„An unserer Spitze trug ein Angehöriger des Jungvolks unsere Hitlerfahne“, heißt es im Bericht von Heinz Jansen. „Wir marschierten durch die Klostergasse bis zur Hochstraße.“ An der Synagoge angekommen, habe er gesehen, wie einige SA-Leute mit der Thora und anderen jüdischen Kultgegenständen die Synagoge verlassen und alles auf die Hochstraße geworfen hätten. „Kauft nicht bei Juden. Der Jude ist unser Feind“, hätten sie zudem mit weißer Farbe auf ein jüdisches Geschäft gepinselt, zusammen mit dem Judenstern. Im Anschluss seien alle Fensterscheiben, sowohl von Geschäften wie auch von Wohnungen, mit Steinen zerschlagen worden. „Die Scheiben platzten und zerbrachen in tausend Stücke“, sagt er.

Gegen Mittag seien die Juden von der SA aus ihren Häusern vertrieben worden. „Mit Koffern bepackt und mit ihren Mänteln bekleidet standen sie auf der Straße.“ Dann seien sie in Lastwagen verladen in die Nähe des Krankenhauses zur ehemaligen Gerberei, genannt „Manasses Lues“, gefahren worden. Die Geschäfte der jüdischen Mitbürger seien von den SA-Leuten geplündert worden.

Später seien die Heinsberger Juden erneut auf Lastwagen verladen und weiter in Konzentrationslager gebracht worden. Ihr zurückgelassener Besitz sei öffentlich versteigert worden, erzählt Heinz Jansen im Buch. Er selbst habe zwei Spazierstöcke ersteigert. „Die bei den jüdischen Kaufleuten angehäuften Schulden brauchten wir nicht mehr zu begleichen“, ergänzt er.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert