Wohltuende Luft soll Touristen nach Wassenberg locken

Von: Anna Petra Thomas und Daniel Gerhards
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Gute Wassenberger Luft: Wenn die B221n als Ortsumgehung für Wassenberg gebaut ist, dann gibt es eine Frischzellenkur für die Innenstadt. Dabei setzt Bürgermeister Manfred Winkens auf den Tourismus. Als Luftkurort könnte Wassenberg viele Besucher anlocken. Foto: CUH

Wassenberg. Wassenberg möchte wieder Luftkurort werden. Das soll den Tourismus ankurbeln. Wenn die B221n gebaut ist, sollen viel weniger Lkw und Pkw durch die Stadt rollen. Und dann könnte die Wassenberger Luft wieder so wohltuend sein, wie sie einmal war.

Das nostalgische Bild von Kurgästen, die am Bahnhof ankommen und sich von Kofferträgern zum Hotel geleiten lassen, wird schon wegen des fehlenden Bahnhofs nicht wieder zu sehen sein. Trotzdem glaubt Bürgermeister Manfred Winkens, dass das Prädikat Luftkurort viele Menschen in seine Stadt locken würde.

Wassenberg als Luftkurort – dieser Vorstoß war vor genau 80 Jahren schon einmal von Erfolg gekrönt. Am 16. Dezember 1935 wurde der Titel offiziell zuerkannt: „Wassenberg ist ein Luftkurort!“, war damals in der Zeitung zu lesen. Dass die Stadt diesen Titel offiziell führen durfte, wurde in dem Artikel als „das beste Weihnachtsgeschenk“ und „Lohn für lange Mühen“ bezeichnet. Kreisarchivarin Susanne Hindelang ist es gelungen, diesen Beleg für die „Ernennung“ Wassenbergs im Kreisarchiv aufzustöbern. Erwähnungen von Kurkonzerten in Wassenberg hat sie schon in Dokumenten aus dem Jahr 1905 gefunden.

Der Reichsfremdenverkehrsverband genehmigte der Stadt vor 80 Jahren, den Titel zu führen. „Nachdem Sie die in den Richtlinien des Reichsfremdenverkehsverbandes aufgestellten Forderungen erfüllt und die Kurtaxordnung eingeführt haben, erteilen wir Ihnen im Einvernehmen mit dem Reichsfremdenverkehrsverband hiermit die Berechtigung, Wassenberg in der Werbung als ‚Luftkurort‘ zu bezeichnen“, hieß es damals in der Genehmigung. Schon in den 1930er Jahren war der Titel Luftkurort also wichtig für die Werbung im Fremdenverkehr, heute würde man sagen für das Marketing im Tourismus.

In den 1920er und frühen 1930er Jahren habe man es mit der Bezeichnung „Kurort“ nicht so genau genommen, berichtete die Zeitung damals: „Wer glaubte, als solcher gelten zu dürfen, der legte ihn sich einfach bei.“ Anders geworden sei das erst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten: „Eine straffe Organisation wurde eingeführt. Der Begriff ‚Kurort‘ eindeutig festgelegt.“

Auch heute gibt es Voraussetzungen, die zu erfüllen sind, um sich diesen Titel zuzulegen. Welche das sind, ob sie zu erfüllen sind und wie hoch der Aufwand wäre, werde demnächst im Rathaus recherchiert, sagte Bürgermeister Winkens. „Es ist unser Ziel, diesen Titel zu bekommen“, sagte er.

Nötig ist offenbar zumindest ein Gutachten, das bestätigt, dass Luft und Klima des Ortes für Erholung und Gesundheit förderlich sind. Stationäre Kurmaßnahmen werden in Luftkurorten meist nicht angeboten. Dafür könnte man aber eine Kurtaxe erheben.

In den 1930er Jahren nahmen die Nationalsozialisten der Stadt Wassenberg den Titel, den sie sich selbst zugelegt hatte, wieder weg. Nur verhältnismäßig wenige Orte an Rhein und Mosel sowie in der Eifel hätten die Bezeichnung zu diesem Zeitpunkt noch führen dürfen. „Damals ist wohl manchem die Hoffnung geschwunden, dass angesichts solch strenger Auslese es Wassenberg jemals wieder gelingen würde, sich Kurort nennen zu dürfen. Denn wer wagte Wassenberg in Vergleich zu setzen mit den herrlichen Städtchen am Rhein und an der Ahr“, heißt es in dem historischen Zeitungsartikel. Doch die Stadtverwaltung und der Verschönerungsverein, beide unter einer Leitung, „ließen die Hoffnung nicht fahren“.

Und so war Wassenberg dann ab 1935 – ganz offiziell – ein Luftkurort. Wann der Stadt der Titel zwischenzeitlich wieder aberkannt wurde, ließ sich bis am Montagabend nicht herausfinden. Im zuständigen Fachdezernat der Bezirksregierung in Köln dauern die notwendigen Recherchen dazu noch an. Finden lassen sich in einschlägigen Internetauktionen allerdings noch zahlreiche Postkarten aus der Zeit, als Wassenberg Luftkurort war. Eine davon wird auf das Entstehungsjahr 1965 oder später datiert. Irgendwann danach muss es wohl passiert sein. Der britische Militärflughafen in Wegberg-Wildenrath, gleich hinter der Stadtgrenze Wassenbergs, und die Zeche Sophia-Jacoba verpesteten die Luft in Wassenberg zwischenzeitlich gehörig.

Derzeit macht man sich in Wassenberg Gedanken, wie die Innenstadt demnächst aussehen soll. Ende 2018 soll die Ortsumgehung fertig sein, und das eröffnet den Stadtplanern jede Menge Handlungsspielraum. Insgesamt möchte man auf Kunst, Kultur, Genuss und eben Tourismus setzen – weniger auf klassischen Einzelhandel, sagte Winkens.

Sollte die Stadt Wassenberg tatsächlich wieder Luftkurort werden, könne man damit „deutschlandweit Reklame machen“, sagte Winkens. Und so Touristen in das beschauliche Städtchen locken. Zu sehen gibt es dort allemal genug.

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