Willi Winkler liest: Das Leben des Reformators Luther. In 20 Kapiteln.

Von: Anna Petra Thomas
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Interessante Begegnungen: Auch ein Zuhörer aus Aachen war angereist, um mit Willi Winkler (rechts) über Martin Luther und dessen Zeit zu diskutieren. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg. Über die Beatles, Mick Jagger und Bob Dylan hat Willi Winkler schon Bücher geschrieben, aber auch über die RAF. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Journalist, der für die Süddeutsche Zeitung schreibt, zuvor Redakteur bei der Zeit und Kultur-Chef beim Spiegel war, mit Martin Luther beschäftigt. 640 Seiten sind daraus geworden, die pünktlich zum Jubiläum „500 Jahre Reformation“ erschienen sind und die Winkler zum Auftakt seiner Lesereise auch in Heinsberg vorstellte.

Die Laudatio gab es schon vorab von Pfarrer Sebastian Walde, der sich bereits in das Werk eingelesen hatte. Kenntnis- und aufschlussreich habe Winkler Luther in seine Zeit gestellt und sein Wirken aus seiner Zeit heraus erklärt. „Und vom Schreibstil her ist er Luther ganz nah“, sagte Walde.

Dass Luther ein großer Revolutionär geworden sei, dieser „Mystiker aus dem hintersten Sachsen“, dem auch noch regelmäßig der Teufel erschienen sei, erklärte Winkler als „reinen Zufall“. Das habe auch Luther selbst so beurteilt: „Hette ich die sache so weit gesehen, als sie Gott lob kommen ist, so hette ich das mal gehalten“, lautet das erste Zitat Luthers im Buch, mit dem Winkler seine Lesung begann. „Das ist der Nachweis dafür, dass Luther selbst nicht so genau wusste, was er da anstellte“, sagte er.

Dann machte er jedoch gleich einen Sprung ins fünfte der insgesamt 20 Kapitel des Buches, überschrieben mit dem Wort „Erlösungskapitalismus“. Darin geht es um die Blütezeit des sogenannten Ablasshandels, der Zahlung von Geld für den Erlass von Sündenstrafen. Dieser war für Luther der Anstoß zu seinen 95 Thesen und damit zugleich Auslöser der Reformation in Deutschland. In diesem Kapitel beleuchtet Winkler auch die bisher wenig bekannte Rolle des Handelshauses Fugger in diesem Ablasshandel.

Er kehrte zum zweiten Kapitel zurück und las von Luthers Reise nach Rom – zu Fuß. „Die Pilgerroute gab es seit 1500 schon gedruckt“, wusste Winkler beiläufig zu berichten, versetzte jedoch sein Publikum mit dieser wie mit vielen weiteren Randbemerkungen in Erstaunen ob seines immensen Wissens über die Verhältnisse im 16. Jahrhundert.

Sein Aufenthalt in Rom müsse Luther als Mann, dem Gut und Geld nichts bedeutet hätten, aufgrund der dort überall sichtbaren „schieren Veräußerlichung des Glaubens“ völlig erschüttert haben. Gar von einer regelrechten „Frömmigkeitsindustrie“ sprach Winkler, die dem konservativen Luther zuwider gewesen sei. „Es waren andere Zeiten, aber manches doch ähnlich wie heute“, zog der Autor in puncto architektonischen Größenwahns den Vergleich mit der Elbphilharmonie und mit dem Berliner Flughafen, als es um Bauverzögerungen beim Petersdom ging.

Eine Art Gegenpapst

1520 seien die Bücher von Luther verbrannt worden, umgekehrt aber auch die des Papstes, wusste Winkler zu berichten. Luther habe den Papst exkommuniziert und sei dadurch selbst zu einer Art Gegenpapst geworden. „Als er selbst 1521 exkommuniziert wurde, interessierte ihn das gar nicht mehr.“ Vom Volk angenommen, sei Luther auf dem Reichstag in Worms, auf dem er sprach, eine Persönlichkeit gewesen, über die die Obrigkeit nicht mehr nach Gutdünken habe verfügen können, schloss Winkler seine Lesung, bevor er sich mit dem Publikum in eine überaus fruchtbare Diskussion begab.

Dabei wurde vor allem seine Leidenschaft für das Thema deutlich. „Es gibt in der Weltgeschichte wenige Momente wie die Zeit zwischen 1515 und 1525, in der sich die Ereignisse so überschlagen haben wie heute in der Tagesschau“, sagte Winkler.

Für seine Recherchen habe er seine Lateinkenntnisse wieder ein bisschen reaktivieren müssen, um alle Dokumente zu verstehen. Alle Texte des 16. Jahrhunderts seien inzwischen digital verfügbar. Das letzte Jahr vor Erscheinen habe er jedoch fast ausschließlich in der Bibliothek verbracht, berichtete Winkler. „Besonders angenehm war es, Zugang zur Bibliothek Oettingen-Wallerstein zu haben, in der sich wertvolle, zum Teil einmalige Bücher aus dem 16. Jahrhundert befinden.“

Auf Fragen zum Antijudaismus Luthers antwortete Winkler ebenso versiert wie auf die nach Luthers Verhalten den Bauern gegenüber: „Er hat gegen die Bauern nicht anders gewütet als gegen die Juden“, befand er. Die Juden seien ihm nicht gefolgt, und die Bauern hätten die Lehre Luthers nicht nur spirituell verstanden, sondern auch sozial, „und das ist in seiner Lehre nicht vorgesehen. Er hat zur Unterwerfung aufgefordert, weil sein Reich nicht von dieser Welt sein sollte.“

Dass die Katholische Kirche Luther heiligsprechen solle, wie er es in seinem Nachwort schreibt, forderte Winkler schließlich auch in Heinsberg. „Ohne Luther und ohne die Injektion von Gift hätte sie nicht überlebt“, betonte er. „Sie wäre aufgrund ihrer eigenen Korruption und ihrer Verweltlichung zusammengebrochen.“ Eine Heiligsprechung Luthers wäre folglich für ihn nur „eine kleine Geste der Dankbarkeit“.

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