Wespennest: Die Baukunst der Paravespula Vulgaris

Von: Mirja Ibsen
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Schön dunkel und trocken ist es im Schrank, ein guter Ort zur Brutpflege, fanden Wespen und bauten dort ihr Nest. Foto: mib
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Der Lebenszyklus der Wespen beginnt in der Regel Ende April und endet im Oktober, in milden Wintern auch erst im November. Symbolbild: xblickwinkel/R.xGuenterx

Heinsberg. Jetzt sind sie weg. Gestorben, ausgeflogen oder beides. Ein ganzes Volk. Sofie Emrich weiß nicht, ob es Bienen oder Wespen waren. Aber jetzt sind sie verschwunden und sie haben etwas dagelassen. Es sieht aus wie eine Badekappe, findet Sofie Emrich. Von der Größe her. Wie eine Schwimmkappe in Muscheloptik mit Vintageflair oder eine verrückte Karnevalsperücke.

Sofie Emrich war in diesem Sommer nicht oft in ihrer Wohnung. Die 82-Jährige musste für längere Zeit ins Krankenhaus. In dieser Zeit müssen sie eingezogen sein, die kleinen Brummer. Und sie hatten ihre Ruhe, in dem Schrank, draußen auf der kleinen Terrasse mitten in der Heinsberger Innenstadt. Als Sofie Emrich sie bemerkte, rief sie die Feuerwehr, aber die ist nicht mehr zuständig für die Beseitigung von Wespennestern. Und Wespen waren es auch nicht. Da war sie sich sicher. Also Bienen?

Als sie niemanden fand, der sich für ihre sechsbeinigen Untermieter interessierte, ließ Sofie Emrich sie einfach in Ruhe. Seit die Temperaturen gesunken sind, ist das Summen verstummt. Da traute sich die alte Dame, den Schrank zu öffnen. Einige der knapp zehn Millimeter großen Bewohner liegen vertrocknet auf dem Boden vor dem Schrank. Was immer noch da ist, ist das Nest. Und das sieht so faszinierend aus, dass Sofie Emrich es einfach zu schade fand, es wegzumachen, ohne dass es jemand gesehen hat. Also zeigte sie es zuerst Tringa und Nora Milaku. Die beiden Mädchen (13 und 10 Jahre alt) wohnen in der Wohnung über ihr und machten eifrig Fotos. Sie sind so etwas wie Ersatzenkel. Der eigene ist ja schon so groß. Tringas Mutter kocht jeden Tag für Sofie Emrich mit. „Ich habe sehr großes Glück mit der Nachbarschaft“, sagt die Heinsbergerin.

Auch mit der tierischen. Gestochen wurde sie in der ganzen Zeit nicht. Angst hatte sie auch keine.

Das Nest ist etwa 40 Zentimeter lang und hellbraun marmoriert. „Diese Ornamente! Wie die Tierkes das machen“, sagt die alte Dame voller Bewunderung. Wie die Tiere das machen, weiß Hermann-Josef Schmitz ziemlich genau. Mit ihren Kiefern, Cellulose und viel Spucke. Schmitz ist einer der Experten für Wespen und Hornissen des Imkervereins Kirchhoven. Als er Bilder vom Nest und seinen Bewohnern sieht, ist er sich ziemlich sicher: „Bei den Tieren handelt es sich tatsächlich um Paravespula vulgaris“, auch als Gemeine Wespe bekannt. Die Tiere haben es gerne dunkel, wenn sie sich um ihre Brut kümmern, deshalb gefiel es ihnen im Schrank von Sofie Emrich so gut. Zurückkehren wird die Jungkönigin, die sich jetzt für den Winter irgendwo in morschem Holz oder einer Mauerritze versteckt hat, in das Nest nicht.

Sehr wohl aber könnte den Wespen der Ort gefallen haben. Deshalb rät Schmitz, den Schrank mit Essigwasser auszureiben. Das vertreibe den Geruch. Das habe aber noch Zeit bis April. Der Lebenszyklus der Wespen beginnt in der Regel Ende April und endet im Oktober, in milden Wintern auch erst im November. Wenn die Nester noch klein seien, so im Mai, könne man sie noch sehr gut umsiedeln, sagt Schmitz. Eine Arbeit, die allerdings ausgebildete Experten übernehmen sollten. Die Nester von Hornissen sehen ganz ähnlich aus, die Tiere sind aber deutlich größer. Und während die Hornissenvölker nur aus etwa 400 bis 600 Tieren bestehen, können in dem Nest der Gemeinen Wespe durchaus 1000 bis 5000 Exemplare wohnen.

Hätte Sofie Emrich Hornissen in ihrem Schrank beherbergt, wäre das sogar ganz praktisch gewesen, meint Schmitz. Die großen Jäger stehen nicht nur unter Artenschutz, sondern sind entgegen vieler Vorurteile nicht aggressiv und vertilgen jede Menge Schadinsekten, um ihre Brut zu füttern. Darunter auch die Gemeine und die Deutsche Wespe. Zwei Wespenarten, die sich gerne am Grillteller bedienen, und dem Menschen lästig und den Allergikern unter ihnen sogar gefährlich werden können.

Statt Wespenfallen aufzustellen empfiehlt Schmitz, den Tieren an einer anderen Stelle Salami oder anderes Futter anzubieten und sie so vom eigenen Teller fernzuhalten. „Wenn die Tiere nicht stören, sollte man sie in Ruhe lassen.“

Genau das hat Sofie Emrich gemacht und ist jetzt Besitzerin eines fantastischen Bauwerks. Ob es wohl eine Schule als Anschauungsobjekt für den Biologie-Unterricht gebrauchen könnte?

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