Wenn die harten Jungs heimlich weinen

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Einen Weihnachtsbaum gibt es auch hinter Gittern. Doch Stimmung und Besinnlichkeit will bei Daniel und Sebastian trotzdem nicht wirklich aufkommen. Für sie ist Weihnachten ein trauriges Fest. Foto: Gottfroh

Heinsberg. Bei Sebastian kommt am Montag keine Festtagsstimmung auf. Die stille Nacht ist für ihn auch eine einsame Nacht. Dabei ist eigentlich alles wie immer: Vor der Bescherung wird Sebastians Mutter der Familie ein Festmahl mit der knusprig-braun gebratenen Gans auftischen, Weihnachtsweisen klingen durch die Wohnung, anschließend werden die hübsch verpackten Päckchen verteilt.

Aber eines ist in diesem Jahr anders. Sebastian fehlt. „Ich kann das Fest leider nicht miterleben“, sagt Sebastian und schaut aus dem Fenster. Das ist mit Gitterstäben gesichert. Die Türen zur Außenwelt sind verschlossen.

Sebastian sitzt im Knast. Nicht zum ersten, aber wie er schwört, zum letzten Mal. Der 24-Jährige hat einiges auf dem Kerbholz. Eine Drogenkarriere, Diebstahl, Körperverletzung. Zwei Jahre und fünf Monate muss er diesmal „sitzen“, fünf Monate hat er schon abgerissen.

Weihnachten hinter Gittern ist für ihn nichts Neues. Er weiß, dass sich hinter den hohen Gefängnismauern nichts mit einem Heiligabend in Freiheit vergleichen lässt, dass es sie aber gibt, die weihnachtlichen Momente in der JVA Heinsberg: Es gibt die geschmückten Tannenbäume, die auf dem Zellenflur im grellen Neonlicht weihnachtliche Wärme zu versprühen versuchen. Die Knast-Tradition, in der Adventszeit Plätzchen zu backen. Und die Weihnachtsfeiern, die die Sozialarbeiter und Abteilungsleiter organisieren.

Ein kleines bisschen Weihnachten

Der Rhythmus des Strafvollzuges nimmt Rücksicht auf die Feiertage – Einschluss ist an Heiligabend erst um 21 Uhr. Vorher essen die Gefangenen gemeinsam, sie kreieren eigene Vorspeisen und Desserts. Das Festmahl, das sich vom alltäglichen Essen unterscheidet, kommt aus der Knastküche.

Auch Geschenke gibt es. Inzwischen ist das verboten. Stattdessen haben die Gefängnispfarrer mit Hilfe aus der Bevölkerung Päckchen geschnürt. Es gibt ein bisschen Tabak und Schokolade als kleine „Antidepressiva“.

„Die geben sich alle viel Mühe“, sagt Sebastian. „Aber es ist trotzdem hart. Sehr hart“, meint er, während er sich eine Zigarette dreht. Denn an den Feiertagen wird auch im Knast nicht gearbeitet, und so haben viele noch stärker als sonst mit sich selbst zu schaffen. „Es wird gegrübelt und gehadert. Viele versuchen, die Gefühle nicht an sich ran zu lassen. Doch in einigen Zellen werden auch heimliche Tränen fließen“, sagt Karoline Kempas, Sozialarbeiterin in der JVA Heinsberg. „Man fühlt sich sehr einsam und allein – auch wenn man mit den anderen Häftlingen zusammen ist und man das gleiche Schicksal teilt“, fasst Sebastian seine Gefühle in einen Satz und grinst schief. Familie, Geborgenheit, Besinnung – die harten Jungs verspüren dieser Tage eine starke Sehnsucht danach.

Das hat auch Gefängnis-Seelsorger Günter Pilger in den letzten Jahren, sobald die dunkle Jahreszeit anbrach, festgestellt. „Wenn es auf die Weihnachtszeit zugeht, dann bemerkt man bei den Männern eine Veränderung. Sie werden nervöser und unruhiger. Die Stimmung schwankt hier drinnen dann zwischen Depression und Aggression“, sagt er.

Sebastian gehört zu den depressiven Typen, denn in diesem Jahr ist die Knastweihnacht auch für ihn anders. „Vor sechs Wochen wurde mein kleiner Sohn geboren und ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mit meiner Freundin und meinem kleinen Sohn einen ganz klassischen Heiligabend zu feiern“, erzählt er und seufzt. Aber zuviel darüber nachgrübeln, was er alles machen könnte, wenn er nicht hinter Gittern säße, will er nicht. „Das zieht nur runter. Da wird man noch depressiver“, sagt er.

Das Schlimmste über die Feiertage sei für ihn, absolut keinen Kontakt mit der Familie aufnehmen zu können. Besuche sind an den Feiertagen tabu, ebenso wie Telefonate. „Für die Jungs ist es hart, über die Feiertage so isoliert zu sein“, weiß auch Karoline Kempas. Aber sie ist überzeugt: „Die Zeit wäre noch härter, wenn Anrufe nach Hause erlaubt wären.“ In ihren ersten Jahren in der JVA habe ich den Fehler gemacht, den einen oder anderen schon mal anrufen zu lassen. „Später habe ich dann stundenlang auf den Zellen gesessen und versucht, die Jungs zu trösten“, erzählt die Sozialarbeiterin, die in diesem Jahr ihr 32 Weihnachtsfest mit „ihren Jungs“ hinter Gittern verbringt.

Trost sei nach dem Kontakt nach Hause noch dringender nötig als bei der isolierten Variante: Denn wenn Mutter, Vater oder Freundin in den Hörer schluchzen, dann werden auch die harten Jungs ganz weich.

Weich werden will auch Häftling Daniel über die Weihnachtstage nicht. Der 22-Jährige, der aus seiner randlosen Brille wach schaut, will nicht erzählen, warum er sitzt. Nur, dass er alle Möglichkeiten seines Lebens verspielt hat – und es schwer bereut. Er sei sehr behütet aufgewachsen, Weihnachten sei stets etwas Besonders gewesen. In der JVA möchte er die Zeit der Besinnlichkeit allerdings nicht zu nah an sich heranlassen. „Klar könnte ich mir vorstellen mit meiner Freundin über den Weihnachtsmarkt zu laufen und ihr ein schönes Geschenk zu machen. Aber ich bin nun mal hier. Ändern kann ich es nicht. Nur aushalten“, sagt der junge Mann abgeklärt. Doch hinter seiner Abgeklärtheit ist die Wehmut, die Sehnsucht nach Freiheit deutlich zu spüren.

Freiheit, das ist Sebastians größter Weihnachtswunsch. Doch bis er zum ersten Mal ein Weihnachten mit seinem kleinen Sohn feiern kann, dauert es noch. Der Kleine wird bis dahin laufen und „Papa“ sagen können. „Aber eins ist sicher. Wenn ich wieder frei bin, werde ich alles dafür tun, um die nächsten Jahre mit meinem Sohn zusammen feiern zu können.“

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