Wenn das Leben Kopf steht: Die Frau mit den Fledermäusen

Von: Rainer Herwartz
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Fledermäuse
Hier ist es mollig warm und lässt sich echt gut abhängen. Die Großen Abendsegler fühlen sich bei Susanne Neitzel geradezu pudelwohl. Ernährt werden sie bis zur Auswilderung vor allem mit Mehlwürmern. Foto: Rainer Herwartz
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In der kleinen, mit durchlässigem Gewebe gebauten Kiste betreut Susanne Neitzel derzeit einen Notfall.

Heinsberg-Kirchhoven. Manchmal genügt ein Tag, um das ganze weitere Leben auf den Kopf zu stellen. Es können traurige Folgen daraus erwachsen, aber auch solche, die dem eigenen Dasein plötzlich einem völlig neuen Sinn geben. Für Susanne Neitzel gab es einen solchen Tag im Sommer letzten Jahres. „Damals lag was bei mir auf dem Balkon. Und als ich es einsammeln wollte, sah ich, dass es noch lebt. Es hatte schon ein wenig Fell, aber es war unübersehbar ein Baby.“

Von Fürsorge getrieben telefonierte Susanne Neitzel noch am selben Tag mit dem Tierheim, mit Tierärzten, einem Jäger, dem Förster und unzähligen Freunden, ob sie nicht einen Rat wüssten, was sie denn nun mit dem kleinen Kerlchen machen solle. Eine Antwort hierauf, die wirklich geholfen hätte, erhielt sie, so sagt Susanne Neitzel gegenüber unserer Zeitung, allerdings nicht.

Erst als ihr Vater mit dem Tablet-Computer zu Hilfe geeilt sei, habe sich das Blatt gewendet. Schnell war im Internet der Wegberger Fledermausexperte Michael Straube ausfindig gemacht. Dieser habe ihr dann geraten, einen sogenannten Babydom zu basteln, sagt Susanne Neitzel.

Dass es sich um eine Baumfledermaus, genauer gesagt einen Großen Abendsegler handelte, wusste die 37-Jährige noch nicht. Ebenso wenig, dass sie schon wenig später rund 30 dieser putzigen Tierchen in ihrer Wohnung beheimaten würde.

In einer geschlossenen Plastikwanne sollte sie einen umgestülpten, mit einem Wollstrumpf überzogenen Kunststoffbecher aufstellen und darauf die kleine Fledermaus setzen. Wenn alles klappe, würde das Tierchen vielleicht am Abend wieder von seiner Mutter abgeholt, hatte ihr der Experte erklärt. Doch es klappte nicht. „Die Fledermäuse haben das Baby zwar angeflogen, aber nicht mitgenommen.“ Zwei Tage lang versuchte die Kirchhovenerin ihr Glück, doch die abendliche Kälte ließ weitere Versuche nicht zu, wenn das Leben der kleinen Fledermaus nicht gefährdet werden sollte.

Zum Glück hatte der Wegberger Fledermausexperte noch einen Plan B in der Tasche und verwies Susanne Neitzel an die Familie Menn in Viersen, die eine Ambulanz für Fledermäuse betreibt. Dort brachte sie das Baby hin. Ganze sechs Stunden habe sie sich bei der Familie aufgehalten, die Tierchen mit gefüttert und schon jede Menge über deren Leben und Versorgung gelernt, erzählt Susanne Neitzel. Dass auch das Fledermausbaby dort bestens aufgehoben war, stand für die 37-Jährige außer Frage, und dennoch: „Als ich nach Hause fuhr, hatte ich das Gefühl, als hätte ich mein Kind am Rastplatz abgesetzt. Ich hab‘ erstmal ‘ne Runde geheult.“

Nachdem sie sich schließlich beruhigt hatte, rief Susanne Neitzel wieder bei den Menns an „und habe gefragt, wann ich den Kleinen wieder besuchen kann“. Schon eine knappe Woche später hatte Susanne Neitzel, die in einem Heinsberger Eiscafé arbeitet, die ersten fünf Fledermausbabys zu Betreuung in ihrer Wohnung. Mittlerweile steht dort eine speziell angefertigte Flugvoliere mit rund 30 Tieren.

„In Niederkrüchten wurde im Dezember eine Baumgruppe gefällt, in einer der Fäulnishöhlen saßen allerdings etwa 30 Tiere, die dort überwintern wollten.“ Das haben sie nun bei der Kirchhovenerin getan. Nicht alle können jedoch wieder ausgewildert werden. Unter ihnen sind auch zwei Schwerverletzte, eines der Tiere besitzt nur noch einen Arm, eine andere Fledermaus kann nur noch einen verwenden und ist deshalb ebenfalls fluguntauglich. „Es ist extrem arbeitsintensiv, nicht zuletzt, weil man gerade den Babys alles beibringen muss vom Essen bis zum Fliegen. Milchbabys muss man zudem alle zwei Stunden füttern.“

Da werden die Nächte verdammt kurz. Niemand solle sich einfach daran versuchen, wenn er eine in Not geratene Fledermaus finde. „Es sind streng geschützte Tiere, keine Haustiere. Wenn man sie entdeckt, sollte man sie zu einem Experten bringen.“

Und was ist am Ende aus dem kleinen Findling auf ihrem Balkon geworden? „Peter, den wir auf dem Balkon gefunden haben, wurde nach fünf Wochen ausgewildert am Schwimmbad. Ich bin jeden Tag den Rest des Sommers dort hingegangen, habe ihn gerufen und er ist gekommen. Anfang Oktober war das erste Mal, dass er nicht mehr kam.“

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