Wassenberg - Weltgästeführertag: Spannende Tour in die Vergangenheit

Weltgästeführertag: Spannende Tour in die Vergangenheit

Von: Anna Petra Thomas
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Anhand eines Ziegels aus ihrem Gartenweg verdeutlichte Gästeführerin Therese Wasch ihren Zuhörern die Proportionen eines sogenannten Einhandziegels.

Wassenberg. Das neue Ziel, der frisch sanierte Bergfried in Wassenberg, ist der eine Grund gewesen - das schöne Wetter der andere für die mehr als 70 Teilnehmer bei der Führung von Therese Wasch anlässlich des internationalen Weltgästeführertags.

Bereits seit 2006 sei der Verein Westblicke, dem sie angehöre, Mitglied im Bundesverband der Gästeführer Deutschlands, und zum neunten Mal lade ihr Verein anlässlich dieses Tages zu einer kostenlosen Führung ein, erklärte die Wassenberger Gästeführerin ihren Zuhörern, die zunächst zum Roßtor gekommen waren.

Dort startete die Führung unter dem Motto „Steine – Sicherheit und Reichtum“. Früher hätten die Menschen traditionell mit Holz, Lehm und Stroh gebaut, erklärte Wasch. Um massiver und damit sicherer zu bauen, seien dann Natursteine verwandt worden. So habe auch die erste komplette Ummauerung der Stadt Wassenberg aus dem 13. Jahrhundert aus Natursteinen bestanden, sagte sie und zeigte auf den unteren Teil des Roßtores. Anders als in den Bergen habe man im Flachland, wenn man Natursteine benötigte, nur Flusskiesel sowie Feld- oder Lesesteine nutzen können.

„1365 wurde die gesamte Befestigung mit Türmen und Toren durch die Soldaten des Herrn von Heinsberg zerstört“, berichtete Wasch weiter. „Über mehrere Jahrzehnte lag alles in Trümmern. Die Wassenberger hätten in dieser Zeit die Ruinen zum Bau ihrer Häuser geplündert. Da ansonsten nur Burgen und Kirchen teure Steinbauten gewesen seien, hätten die Besitzer von Steinhäusern damals im wahrsten Sinne des Wortes als „steinreich“ gegolten.

Um 1420 entstand laut Wasch die neue Stadt-Ummauerung mit drei Toren und sechs Türmen. Dafür seien dann Ziegel gebrannt worden in Öfen, die eigens vor der Stadt gebaut worden seien. Aus dieser Zeit stamme der Begriff der „Feldbrand-Steine“.

Um das Thema Ziegel ging es dann nach einer kurzen Wanderung über den Roßtorplatz und durch die Synagogengasse hinauf ins neue Kaminzimmer des neuen Bergfrieds. Schon vor 8000 Jahren sei die Herstellung von Ziegeln in Mesopotamien bekannt gewesen, wusste Wasch dort weiter zu berichten. Vor 5000 Jahren ist ihr zufolge in der sogenannten Harappe-Kultur, im heutigen Pakistan, der sogenannte Einhandziegel entstanden.

Ein solcher Ziegel habe die Proportionen 1 zu 2 zu 4 und sei so in alle Richtungen addierbar. „Auch unser Gartenweg ist mit solchen Einhandziegeln gemacht“, sagte die Gästeführerin und hielt einen davon in die Höhe: fünf Zentimeter dick, zehn Zentimeter breit und 20 Zentimeter lang. Auch die Römer hätten die Kunst des Ziegelbrennens beherrscht, belegte sie mit einem Foto der Trierer Konstantin-Basilika aus dem vierten Jahrhundert.

Nach dem Rückzug der Römer sei die Ziegelherstellung jedoch für etwa 700 Jahre in Vergessenheit geraten, bis sie im 12. Jahrhundert durch Mönche wieder entdeckt worden sei. Und so seien auch die neue Ummauerung der Stadt und der Bergfried mit Ziegeln wieder aufgebaut worden.

„Dabei müssen riesige Mengen Holz zum Befeuern der Öfen verbraucht worden sein“, erklärte Wasch. Mit einem Zollstock hatte sie im Bergfried nachgemessen. Auch diese Ziegel entsprächen genau den Proportionen des Einhandziegels mit 6,5 mal 13 mal 26 Zentimetern. Allein für die Stadtmauer wären bei der Länge von 1200 Metern und einer angenommen Höhe zwischen sechs und neun Metern bei einer Breite von etwa 80 Zentimetern zwischen zwei und drei Millionen Ziegel verbraucht worden, hatte sie errechnet.

„Wenn wir die drei Tore und sechs Türme mitberechnen, können es sogar doppelt so viele Ziegel gewesen sein!“ Und dies sei alles durch die Bürger der Stadt geschaffen worden. Der Bau und der Unterhalt der Stadtmauer hätten nämlich damals zu ihren Pflichten gehört.

„Bei meiner Vorbereitung für die heutige Führung erging es mir wie schon oft bei früheren Recherchen zu anderen Themen“, schloss Wasch. „Meine Hochachtung für die Leistungen der Menschen in früheren Zeiten steigt immer wieder. Mit sehr wenigen Hilfsmitteln wurde durch enormen Einsatz Erstaunliches geschafft.“

Nach der offiziellen Führung nutzten die Teilnehmer die Gelegenheit, von der Aussichtsplattform aus den Blick aus 100 Metern Höhe zu genießen oder mit der Gästeführerin noch in den Keller hinabzusteigen, um unter anderem einen Blick auf den im vergangenen Jahr freigelegten Brunnen im Bergfried zu werfen.

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