Wassenberger Flüchtlings-Netzwerk lädt zu Begegnungsfest

Von: Anna Petra Thomas
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Auch Sabine Verheyen, CDU-Abgeordnete im Europäischen Parlament (2.v.r.), übte sich mit Fatima Deckers (rechts) im Trommeln, zusammen mit Bewohnern und Besuchern. Michael Steckel, Fachbereichsleiter Ordnung und Soziales (Mitte, hinten) war ebenfalls begeistert. Foto: anna
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Nicht nur im neuen Gemeinschaftsraum tummelten sich jede Menge Besucher, sondern auch in Fluren und in den Unterkünften der Bewohner.
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Zwei Bewohner aus Afghanistan und Pakistan zeigen Jutta Schwinkendorf auf einer Peters-Weltkarte ihre Heimatländer.

Wassenberg. Weit führt der Ossenbrucher Weg in Birgelen zunächst gefühlt ins Niemandsland, bevor links davon plötzlich ein großes Gebäude auftaucht: das ehemalige Verwaltungsgebäude von Schacht 5 der Zeche Sophia Jacoba. Heute ist es in Deutschland erste neue Heimat für Flüchtlinge, die nach Wassenberg kommen.

Aber auch Menschen, die nicht hier wohnen, finden heute in großer Zahl den Weg hierher, denn das Wassenberger Flüchtlings-Netzwerk hat zu einem Begegnungsfest eingeladen.

Freundlich werden alle Besucher schon am Eingang empfangen. Stehtische mit Tischdecken darauf und frischem Blumenschmuck laden ein, weiter hinein zu gehen, links hinauf den unendlich lang wirkenden Gang vorbei an zahlreichen „Wohnungstüren“, von denen viele heute geöffnet sind. Am Ende rechts leuchten von Hand gemalte Willkommensschilder in unterschiedlichen Sprachen. Hier geht‘s hinein in den neu gestalteten Gemeinschaftsraum, der heute nicht nur so hell und freundlich wirkt, weil durch die ganz oben in den hohen Wänden angebrachten Fenster das Sonnenlicht leicht seinen Weg hier hinein findet.

Neugier auf allen Seiten

Nein, viele Bewohner ganz unterschiedlicher Kulturen sind hier zusammengekommen, um die ebenso neugierigen Besucher kennenzulernen. Wer nun große Reden erwartet hat, wird enttäuscht. „Nein, es gibt kein offizielles Programm“, sagt Jutta Schwinkendorf, eine der Initiatorinnen des Netzwerks. „Es ist einfach nur wichtig, dass die Leute hierher kommen. Sie brauchen auch nix mitzubringen, nur ihre Vorurteile, die müssen sie zu Hause lassen.“

Fast unbemerkt hat sich Sabine Verheyen aus Aachen, für die CDU Abgeordnete im Europäischen Parlament, unter die Besucher gemischt. „Wir müssen eine andere Willkommenskultur aufbauen“, sagt sie. Das hier ist eine wichtige Initiative, die politische Anerkennung braucht, indem man eben hier aufkreuzt.“ Frank Winkens, stellvertretender Bürgermeister in Wassenberg, sowie mehrere Ortsvorsteher schließen sich ihrem Rundgang an, und Sascha Wolf. Er hat Sabine Verheyen eingeladen. Erst seit einem Monat gehört der Wassenberger dem Netzwerk an. „Mein Großvater stammt aus Kroatien. Er war selbst Flüchtling“, erzählt er. „Jeder könnte doch einmal in die Gefahr kommen, Flüchtling zu werden.“ Da schaltet sich auch Rainer Peters, Ortsvorsteher in Myhl, ins Gespräch ein: „Meine Mutter wurde aus Tschechien vertrieben.“

Immer wieder ist die Zeit ein Thema in den Gesprächen zwischen Bewohnern und Besuchern, die lange Zeit, die oft vergeht, ehe notwendige Dokumente überhaupt erst einmal vorliegen, ehe sie übersetzt sind, die Übersetzungen dann anerkannt sind und so weiter und so fort… Ein Bewohner, der von der Elfenbeinküste kommt, lässt sich derweil ein Stückchen Tortenboden mit Sauerkirschen und Sahne schmecken, das er am großen Kuchenbuffet ergattert hat. Schon seit zehn Jahren lebe er hier am Ossenbrucher Weg, erzählt er. „Das dauert doch viel zu lange, wenn Diplome vorliegen“, resümiert Verheyen, nachdem ihr eine junge Familie mit Baby ihr Schicksal erzählt hat. Der Vater ist Krankenpfleger mit Diplom, sie Biologin. Auf mehr Flexibilität hofft die Politikerin da mit dem neuen Asylbewerberleistungsgesetz, das am 1. März dieses Jahres in Kraft tritt.

Nebenan unterhält sich Thea Hartmann mit einem jungen Paar aus Somalia, mit einem Zollstock in der Hand. „Ich will mal messen“, erklärt sie. In unserer Zeitung habe sie gelesen, dass für die Eingangstreppe noch eine Rampe gebraucht werde, für den Rollstuhlfahrer und die Eltern mit Kinderwagen. Ihr Mann sei verstorben, daher benötige sie die Rampe an ihrer Treppe nicht mehr.

Plötzlich wird es laut. In einem Raum nebenan hat die gebürtige Marokkanerin Fatima Deckers ihre Trommeln ausgepackt. Bewohner und Besucher tun‘s ihr nach, schnell entsteht ein rhythmisches Konzert. „Musik hat keine Religion und keine Sprache“, sagt sie in einer kleinen Pause. Und dann übersetzt sie den Titel des nächsten Stücks: „Seid stark und habt keine Angst, aber Respekt. Vor allem aber, redet miteinander!“ Das tun draußen vor der Tür derweil drei Schülerinnen des Heinsberger Kreisgymnasiums mit einem Bewohner von der Elfenbeinküste. Ihr Interview soll in der Schülerzeitung „Blaupause“ erscheinen.

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