Wassenberg - Wassenberg: Stützpunkt für Prediger

Wassenberg: Stützpunkt für Prediger

Von: Johannes Gottwald
Letzte Aktualisierung:
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Kirche im Hinterhof: Nach 1648 wurden die Protestanten zwar in Wassenberg geduldet, mussten aber aus Sicherheitsgründen ihr Bethaus an einem verborgenen Platz errichten. Foto: Johannes Gottwald
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Die Tarnung war perfekt: Nur ein Schild des Denkmalamtes weist auf die Existenz der evangelischen Kirche in Wassenberg hin. Früher war das Gotteshaus “unsichtbar” und somit den Blicken fanatischer Katholiken entzogen. Foto: Johannes Gottwald
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Auf der Wassenberger Burg waren mehrere Jahre evangelische Geistliche zu Gast, die den reformatorischen Glauben ins Heinsberger Land trugen. Foto: Johannes Gottwald

Wassenberg. Wer sich auf der Bundesstraße 221 der Wassenberger Innenstadt nähert, sieht schon von weitem den mächtigen Bergfried auf dem Burghügel aufragen. Auch im Stadtzentrum erinnern viele alte Häuser an die bewegte Vergangenheit des Ortes. Nur wenige Spuren weisen allerdings noch darauf hin, dass hier auch ein bemerkenswertes Kapitel der Reformation am Niederrhein geschrieben wurde.

Als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen veröffentlichte, fand er nicht nur in weiten Teilen der Bevölkerung großen Widerhall, sondern auch bei zahlreichen katholischen Geistlichen, die mit der weltlichen und unglaubwürdigen Lebensweise von Papst und Bischöfen unzufrieden waren.

Auch viele Adelige empfanden Sympathien für die neuen Ideen, obwohl Kaiser Karl V. schon 1521 die Reichsacht, eine Fried- und Rechtloserklärung, über Luther verhängt, die Verhaftung seiner Anhänger befohlen und die Verbreitung seiner Schriften unter strenge Strafen gestellt hatte.

Unterstützung der Reformation

Auch im Heinsberger Land waren Personen des öffentlichen Lebens bereit, die Sache der Reformation zu unterstützen. Zu ihnen gehörten Wilhelm von Palant, der auf der Wassenberger Burg als Vogt des Herzogs von Jülich residierte.

Während die benachbarten Amtmänner (etwa Johann von Harff auf der Burg von Geilenkirchen) ein streng katholisches Regiment führten und auf Jahrzehnte das Einsickern lutherischer Ideen in der Bevölkerung zu unterbinden verstanden, avancierte Wassenberg in den Folgejahren zu einem wichtigen Stützpunkt der reformatorischen Prediger.

Schon im Jahre 1521 war Johann Campanus, ein aus den Niederlanden stammender ehemaliger Klostergeistlicher, auf Einladung Wilhelm von Palants nach Wassenberg gekommen. Er zeichnete sich durch eine besondere rhetorische Begabung aus und verkündete als erster den neuen Glauben in der Region Heinsberg.

Auf sein Wirken geht wohl die Entstehung der ersten Evangelischen Gemeinden in Wassenberg, Randerath und Millen zurück. Ab 1528 kamen weitere Prediger nach Wassenberg, darunter Gottfried Stralen, Heinrich Roll und Johann Klopreis. Letzterer wurde von Palant als Kaplan angestellt und wirkte auch an der Propsteikirche.

Die „Wassenberger Prädikanten“ vertraten anfangs die Lehre Martin Luthers, dann zunehmend zwinglianische und calvinistische Ansichten und teilten das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus. Sie bildeten keine Gruppe, gemeinsam war ihnen nur die Ablehnung der alten Kirche.

Von Luther unterrichtet

Johann Campanus hatte 1527 Wassenberg wieder verlassen und sich an der Universität von Wittenberg immatrikuliert. Er lernte Martin Luther, Philipp Melanchthon und Justus Jonas persönlich kennen und hörte aufmerksam ihre Vorlesungen. Beim Studium der Bibel kam er jedoch bald zu anderen theologischen Ansichten, und es kam zum Zerwürfnis.

Beim Marburger Religionsgespräch, das eine Einigung zwischen Luther und Zwingli in der Abendmahlsfrage herbeiführen sollte, wollte er sich beteiligen und mit Luther disputieren, weil er glaubte, eine Kompromissformel gefunden zu haben. Er wurde jedoch abgewiesen, eine Einigung der beiden reformatorischen Richtungen kam nicht zustande.

Um 1531 kehrte Campanus wieder nach Wassenberg zurück. Im folgenden Jahr verfasste er eine aufsehenerregende Streitschrift gegen Luther, den er als „sächsischen Papst“ bezeichnete. Darüber hinaus stellte er in seinem neuen Werk die Dreifaltigkeitslehre in Frage und bezweifelte etwa, ob Jesus Christus Gottvater völlig gleich sei und der Heilige Geist als die dritte Person Gottes angesehen werden könne.

Mit diesen Ansichten forderte Campanus nicht nur den heftigen Widerspruch Luthers, sondern auch von Calvin heraus. Trotzdem wurde sein Buch zum Bestseller.

Im Herbst 1532 richtete Philipp Melanchthon ein Schreiben an den einflussreichen jülich-klevischen Hofkaplan Konrad Heresbach und forderte darin die Verhaftung des Campanus, weil dieser gefährliche Irrlehren unter die Leute bringe. Bereitwillig nutzte Herzog Johann III. die Gelegenheit zum Eingreifen, um den „Wassenberger Prädikanten“ endlich das Handwerk legen zu können.

Zunächst wurde eine strenge neue Kirchenordnung erlassen, Anfang 1533 der Vogt Palant seines Postens enthoben. Die Prediger mussten flüchten und schlossen sich später der radikalen Sekte der Wiedertäufer an. Das Leben von fast allen nahm ein gewaltsames Ende: Gottfried Stralen wurde 1534 in Maastricht als Ketzer verbrannt, Heinrich Roll und Johann Klopreis erlitten ein Jahr später in Brühl bei Köln dasselbe Schicksal. Johann Campanus war offenbar beizeiten auf Distanz zu den Wiedertäufern gegangen und fand wenig später in Haus Hall bei Ratheim eine neue Zuflucht.

Der Adelige Johann von Olmissen (auch Mülstroe genannt) und dessen Sohn Heinrich gewährten ihm für zwei Jahrzehnte Herberge und persönlichen Schutz. Als Campanus aber zunehmend Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreitete, indem er den baldigen Weltuntergang ankündigte, war für die Obrigkeit das Maß voll: Herzog Wilhelm V. ließ den renitenten Prediger 1553 festnehmen und ins Gefängnis stecken, wo er nach über 20-jähriger Haft um 1575 als gebrochener Mann starb.

Im Untergrund überdauert

Der evangelisch-reformierte Glaube ließ sich jedoch im Heinsberger Land nicht mehr ausrotten, sondern überdauerte die folgenden Jahrzehnte im Untergrund, bis 1648 auch das calvinistische Bekenntnis im Deutschen Reich gestattet wurde.

Schon vier Jahre später wurde die evangelische Kirche von Wassenberg errichtet – im Hinterhof eines Bürgerhauses. Von der Straße aus ist sie nicht sichtbar, nur ein Schild an der heutigen Nummer acht in der Roermonder Straße weist auf ihre Existenz hin. Wer das Kirchengebäude mit seinem winzigen Glockenturm sehen möchte, muss sich an die Rückseite der Häuserfront begeben.

Diese Form der „Hofkirche“ entsprach nicht nur den damaligen Bauvorschriften in Gebieten mit katholischer Mehrheit, sondern diente auch dem Selbstschutz: Trotz offizieller Duldung waren die Protestanten vielen Drangsalierungen ausgesetzt und wurden beim Kirchgang nicht selten beleidigt oder bedroht. Wenn es in einem katholischen Visitationsbericht von 1715 über Wassenberg heißt, dass „die Hälfte der Stadtbevölkerung häretisch“ sei, sagt diese Formulierung viel über das Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen aus.

Erst im Zeitalter der Aufklärung entkrampften sich allmählich die Beziehungen, und heute herrscht zwischen beiden Gemeinden eine freundschaftliche Atmosphäre. Auch die Erinnerung an Johann Campanus ist noch lebendig: Eine Straße und das evangelische Jugendzentrum tragen den Namen des umstrittenen Theologen, der dennoch zu den bedeutenden Pionieren der Reformation im Rheinland gezählt werden muss.

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