Warum Seff Lippertz aus Süsterseel als Soldat nach Papua kam

Von: Verena Müller
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Seff Lippertz in seinem Haus in Süsterseel, mit einer Aufnahme von sich auf Papua Anfang der 60er. Foto: vm

Selfkant-Süsterseel. Als Josef Lippertz den Marschbefehl für Papua erhielt, wusste er, was ihn erwarten würde: Er sollte in dem Konflikt zwischen den Niederlanden und Indonesien als Lkw-Fahrer eingesetzt werden. Die meisten seiner Vorgänger waren tot.

Freiwillig wollte damals, Anfang der 60er Jahre, längst niemand mehr den Nachschub zwischen dem Hafen und dem Lager in Sorong transportieren, ständig standen die Fahrer unter Beschuss. Also wurden junge Soldaten dazu verpflichtet. Josef, genannt „Seff”, Lippertz, aus Süsterseel war einer von ihnen.

Vielleicht hätte er sich drücken können - immerhin waren sieben Männern aus dem Selfkant mit ihm gemustert wurden, manche stellten sie absichtlich dumm. Lippertz tat das nicht. „Man musste, man sollte, fertig”, sagt er heute. Die Kameraden, mit denen er damals auf einer Stube lag - oder besser gesagt: die, die noch leben -, trifft er noch heute. Nächste Woche zum Beispiel.

Seff Lippertz hatte das Pech, dass er einen niederländischen Pass hatte und der Selfkant zwischen 1949 und 1963 unter niederländischer Auftragsverwaltung stand. Der Hof seines Großvaters befindet sich in Voerendaal, in der Nähe von Heerlen, gleich an der Autobahn. Irgendwann zog die Familie in das drittälteste Haus in Süsterseel um, dort lebt Lippertz immer noch. Die Lippertz schrieben sich am Ende mal mit „ts”, mal mit „tz”, Seff Lippertz entschied sich aber für die deutsche Schreibweise.

1941 wurde Lippertz in Süsterseel geboren und lernte die Sprache, die weder richtig Deutsch noch richtig Niederländisch ist. In der Volksschule wurde Deutsch gesprochen, zusätzlich gab es acht Stunden die Woche Niederländischunterricht. „Das war zu wenig, um gut Niederländisch zu sprechen, und zu viel, um gut Deutsch zu sprechen”, sagt Lippertz. Mit knapp 14 musste er als ältester Sohn den elterlichen Hof übernehmen, sein Vater war im Krieg gefallen.

Als er sechs Jahre später gezogen wurde, sollte er zunächst für ein Jahr nach Papua gehen. Im September 1961 erlebte er dort, wie die ersten seiner Kameraden fielen, kurz darauf wurde ihm mitgeteilt, dass er um zwei Monate verlängern muss. „1962 ging es dort richtig rund, da kamen noch mal vier Monate drauf”, erzählt er. Wohl war ihm bei dem Gedanken nicht, aber er blieb. „Was willst du machen, über 19.000 Kilometer weg von zu Hause?”, fragt er nur.

Morgens habe es immer nach dem Appell Frühstück gegeben, obligatorisch dabei: drei Tabletten. „Eine gegen Malaria, eine gegen Lebensmittelvergiftung, eine zur Unterdrückung des Sexualtriebs”, erzählt Lippertz. „400 Männer auf einem Haufen, keine Frauen, dazu das tropische Klima...”, fügt er an. Welche Tablette wogegen gewesen sei, das habe man aber nicht gewusst.

Neuankömmlinge abholen, Lebensmittel transportieren, das sei seine Hauptaufgabe gewesen. An Gefechten, im Busch, sei er nicht beteiligt gewesen. Einmal habe er Schüsse gehört, ein paar Stunden später hieß es: „zwei Mann tot”. Einer von ihnen ist in Vaals beerdigt.

Diese Eindrücke haben ihn geprägt. „Wenn man einen gefallenen Kameraden erst begräbt, um ihn dann später wieder auszugraben, in einen Bleisarg zu legen und mit nach Hause zu nehmen, ...”, erzählt er dann.

Lippertz sitzt am Esszimmertisch, das Pendel der Standuhr schwingt schwerfällig und klackt. Er blättert durch ein Album mit alten Aufnahmen. Er in Uniform, die Kaserne, die Kameraden.

Ende 1962 zogen sich die Niederländer zurück, Seff Lippertz war einer der letzten, der Sachen aufs Schiff transportierte. Gerne erzählt der 71-Jährige, dass noch heute Spuren des 16. Infanteriebataillon zu finden sind: „Der Sanitätswagen, den wir am Hafen gelassen haben, steht immer noch da. Und eine Palette mit sechs Sack Zement, steinhart natürlich inzwischen”, erzählt er. Und dass ihm das manche nicht so recht glauben wollen. Aber er sei dort gewesen, vierzig Jahre später, im Jahr 2002, und habe es mit eigenen Augen gesehen.

Manche aus seinem Bataillon hätten körperlichen, andere seelischen Schaden davongetragen, erzählt Lippertz. Er nicht. Der fehlende Daumen sei keine Kriegsverletzung. Kurz vor seiner Hochzeit im Jahr 1966 habe er die Kreissäge „unsachgemäß bedient”, sagt er und lacht.

Geblieben sei ihm für ein paar Jahre der leichte Schlaf. Und bis heute, dass er fließend Niederländisch spreche, ein Veteranenausweis, mit dem er kostenlos in alle niederländischen Museen gehen kann - ja, und ein paar enge Freundschaften auch. Es hätte schlimmer kommen können.

Als er zurück im Selfkant war, der wieder zu Deutschland gehörte, gab Lippertz die Landwirtschaft bald dran. Er wurde Busfahrer. Seit fast zwanzig Jahren ist er Präsident der St.-Hubertus-Schützen Süsterseel, er war dreimal Schützenkönig, ist Ehrengemeindebrandmeister, engagiert sich im Missionskreis und, und, und. Zusammen mit seiner Frau Cornelia hat er vier Kinder.

In diesem Jahr, nach 50 Jahren, will Seff Lippertz wieder nach Papua-Neuguinea reisen. Aber erst einmal steht der Besuch seiner Stubenkameraden an. Diesmal kommen sie zu ihm, aus allen Ecken der Niederlande. Es gibt ein kleines Programm, dann werden sie in der Scheune Aufnahmen von Papua gucken. „Das wird eine lange Nacht”, meint Lippertz.

Warum der Selfkant mal niederländisch war

Der Selfkant war seit dem Wiener Kongress Teil der preußischen Rheinprovinz, davor gehörte er zum französischen Kanton Sittard. Nach dem Zweiten Weltkrieg, am 23. April 1949, kam er unter niederländische Auftragsverwaltung. Er diente als Faustpfand für eine noch ausstehende Entschädigung für die Kriegsschäden, die das Königreich verzeichnete.

Am 1. August 1963, nach jahrelangen Verhandlungen, zahlte Deutschland 280 Millionen Mark an die Niederlande, seitdem gehört das Gebiet mit den Gemeinden Havert, Hillensberg, Höngen, Millen, Süsterseel, Tüddern und Wehr wieder zu Deutschland.

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