Walter Windelns Motto: Bloß nicht unterkriegen lassen

Von: Nicola Gottfroh
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85 Jahre und ganz schön weise: Der Tag beginnt für Walter Windeln stets mit dem Lesen der Zeitung, immerhin möchte er informiert sein. Auch im Ruhestand. Und auch an seinem Geburtstag. Foto: Gottfroh

Wassenberg. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, lehrt das Leben. Und daher liegt es nahe zu vermuten, dass auch der Donnerstagmorgen im Hause Windeln begonnen hat wie jeder andere.

Walter Windeln wird wohl beim Klappern des Briefkastens gegen fünf Uhr in der Früh aufgestanden sein, um die Zeitung zu holen. Gewiss wird er wie jeden Tag das Blatt dann von vorne bis hinten lesen. „Schließlich muss man immer informiert sein, was in der Welt und der eigenen Stadt passiert“, lautet sein Credo. Wassergymnastik wird er sich heute sicherlich schenken.

Immerhin werden viele Freunde, Nachbarn, Vereinskollegen und alte Weggefährten an seiner Tür klingeln, um dem Stadtdirektor a.D. zu seinem 85. Geburtstag zu gratulieren.

Als Stadtdirektor hat Windeln mehr als 20 Jahre lang die Geschicke Wassenbergs geleitet. Die Stadtwerdung seiner Heimatstadt bei der kommunalen Gebietsreform ist einer seiner größten Verdienste. Windeln hat Wassenberg aus der Verschuldungsmisere in eine gesunde Finanzsituation geführt. Und er hat die Verwaltung umgekrempelt, und aus dem Rathaus einen funktionierenden Verwaltungsapparat gemacht.

Berühmt und berüchtigt

„Walter Windeln ist in Wassenberg berühmt und berüchtigt“, sagt eine Nachbarin. Denn gerade die Reformen in der Verwaltung hätten zunächst nicht jedem gefallen, sagt er. „Ich hatte eben einen zielbewussten Führungsstil“, erklärt Windeln und lacht. „Ich denke, ich war in meiner Amtszeit stets hart, aber auch gerecht. Ich nenne sie selbst die geordnete Windeln-Diktatur“, sagt er und fügt hinzu: „Es gab viele Menschen, mit denen ich schon 20 Jahre befreundet war, als ich Stadtdirektor wurde. Immerhin war ich in vielen Vereinen aktiv. Und jeder hätte gerne eine Sonderbehandlung gehabt. Aber die gab es bei mit nicht.“

Nicht nur deshalb war es manchmal schwer für ihn als Stadtdirektor. Oft blies der Gegenwind im Ratssaal kräftig und mancher politische Gegner warf ihm Steine in den Weg, zum Beispiel bei der Initiierung der Gesamtschule. Doch Walter Windeln hat sich nie unterkriegen lassen. „Nie!“, sagt er. Diese Einstellung ziehe sich wie ein roter Faden durch sein Leben.

Die Russen konnten ihn nach dem Krieg ebenso wenig brechen wie die Opposition in seiner Zeit als Stadtdirektor. Und auch dem Schlaganfall, den er vor einigen Jahren erlitt, hat er sich nicht ergeben. Vielmehr hat der Politiker dagegen gekämpft wie gegen die Vorwürfe, die diesen Schlaganfall ausgelöst haben. „Man hatte mir damals vorgeworfen, Briefwahlunterlagen gefälscht zu haben. Das war für mich ein Schlag“, erklärt er. Doch letztlich sei es gut, dass die Staatsanwaltschaft ermittelte. „So ist kein Makel an mir haften geblieben“, sagt er.

Dabei hätte er die Fälschung gar nicht nötig gehabt. 1972 war er zum Stadtdirektor, damals der Chef der Verwaltung, gewählt worden. Und allem Anschein nach machte er seine Sache gut. Denn zwölf Jahre später ging es an die Wiederwahl. „Man kann sich das gar nicht mehr vorstellen, aber damals hat man mich mit 78 Prozent der Stimmen wiedergewählt.“ Ein eindeutiges Zeichen, dass nicht nur seine eigene Partei für ihn gestimmt hat, sondern auch so mancher politische Gegner. „Warum sollte ich dann wenige Jahre später Wahlunterlagen fälschen ?“, fragt er.

Doch dass die Politik kein Zuckerschlecken ist, das wusste Windeln schon lange vorher. Immerhin begann er seine politische Karriere bereits mit 17 Jahren mit den Besuchen der Sitzungen des Gemeinderats.

Doch in den Kampf der Kommunalpolitik als Hauptamtlicher zog er damals noch nicht. Stattdessen begann er nach dem Abitur zunächst eine Laufbahn als Polizist.

Nach einer Umschulung fing er dann bei der Bezirksregierung Aachen als Verwaltungsbeamter an, kam über einen Umweg zum Innenministerium, in die Verwaltung nach Rhydt und 1970 ins Wassenberger Rathaus. Zwei Jahre später war er bereits Stadtdirektor. „Ich bin dem Schicksal dankbar, dass es mir in meinem Leben so viele wunderbare Chancen geboten hat“, sagt er. „Für mich ist mit dem Amt des Stadtdirektors in Wassenberg ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt er heute.

Seiner Heimatstadt war er stets sehr verbunden. 16 Vereinen gehörte er in seinem Leben an, kickte als Stürmer bei der Viktoria. „Das war letztlich wie im Job. Ich war kein perfekter Techniker, deshalb brauchte ich stets ein gutes Team hinter mir – und das hatte ich“, sagt er.

Auch heute noch wird Sport bei im groß geschrieben. Natürlich nicht mehr auf dem Rasen. Doch es war die eiserne Disziplin, Physiotherapie und täglicher Sport, die Windeln dabei geholfen haben, sich von den schlaganfallbedingten Lähmungserscheinungen einer Körperhälfte zu erholen. „Ich bin froh, dass ich nur diese kleinen gesundheitlichen Probleme habe, mit denen ich noch immer gut leben kann. Abends mit einem Glas gutem Wein im Garten zu sitzen – was gibt es denn Schöneres?“

Der Garten ist übrigens seine Leidenschaft nach der Politik. Sein grünes Paradies ist neben seiner Frau, mit der er jüngst Diamantene Hochzeit gefeiert hat, und seiner Tochter sein Heiligtum.

Doch auch im Unruhestand ist er in der Politik noch immer ein gefragter Mann. „Verstummt bin ich noch lange nicht“, sagt er. Neulich sogar ist er beim Spazierengehen gefragt worden, ob er nicht noch einmal für den Stadtrat kandidieren wolle, erzählt er.

„Aber die Zeiten sind vorbei. Meine Zeit nutze ich jetzt lieber im Garten – und um Gedichte zu schreiben.“ Zeilen wie diese: „Und wenn vor mich noch a joot Fläschke wien steht, men ich, dat et mich jut noch jet. Und denke: Herjöttche lat mich noch jet hie, bis ich so bin um hungert, denn die Paradies kann och nit schönner sin als minne Bonget.“

Welches Herrjöttche könnte eine so nette Bitte wohl abschlagen?

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