Von Parkinson, Halluzinationen und Grapschern

Von: Anna Petra Thomas
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Der Neurologe und Autor Christof Kessler (links) und der Moderator Martin Stoltenburg, ebenfalls Mediziner, fesselten die Zuhörer bei einer Lesung in der Buchhandlung. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg. Die Medizin stand im Mittelpunkt bei der Lesung, zu der Christof Kessler, Professor für Neurologie und Direktor der Klinik für Neurologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität aus Greifswald nach Heinsberg gekommen war – mit einer Premiere in zweifacher Hinsicht.

Für Kessler ist „Wahn“ das erste literarische Werk, angesiedelt zwischen fiktiver Erzählung und verständlichem Sachbuch. Zugleich war die Heinsberger Lesung für ihn die erste nach Erscheinen des Buches.

Zwölf Episoden

„Stories“ lautet der Untertitel des im Eichborn Verlag erschienen Werks. Zwölf Episoden enthält sein Buch, Fälle aus seiner Praxis, die er zu fiktionalen Geschichten zusammengeschrieben hat. Da liegt der Vergleich mit Ferdinand von Schirach nahe, dem Anwalt, der in „Verbrechen“ ebenfalls mit der Beschreibung von Fällen aus seiner Praxis begeistert hat. „So´n bisschen“ habe der ihn inspiriert, erzählt er vor Beginn seiner allerersten Lesung, zu der ihn gleich zwei Mediziner begrüßten: Eleonore Gollenstede, selbst Ärztin, und Dr. Martin Stoltenburg, ehemaliger Chefarzt der Gangelter Einrichtungen, der Lesung und Diskussion mit dem Publikum moderierte. Er zollte der Buchhändlerfamilie Gollenstede dann auch schon vorab großen Dank für all „die interessanten Menschen, die sie immer wieder nach Heinsberg holt. Das ist in der Gegend einmalig“, erklärte er.

Was Kessler mit unterhaltsamer, spannender Lektüre meint, die sogar in den Urlaubskoffer passt und bei der die Leser trotzdem viel lernen, ohne es so richtig zu merken, verdeutlichte er mit der ersten Geschichte in seinem Buch. Sie ist ebenfalls mit „Wahn“ betitelt und erzählt von einem Parkinson-Patienten, der Halluzinationen entwickelt. In der Geschichte, die Kessler in der Ich-Form erzählt, wird er im Fall des Patienten Sommerfeld um eine Konsultation gebeten, lässt sich die Akte geben und erzählt dann so ganz nebenbei, was die Parkinsonsche Erkrankung ist. „Bei der Parkinsonschen Erkrankung gehen Nervenzellen in einem eng umgrenzten Teil des Gehirns, der ‚Substantia nigra‘, zugrunde. Die Ursache hierfür ist bis heute unbekannt“, heißt es im Buch – was Kessler natürlich nicht mehr vorlas, sondern dem Publikum als der Experte auf diesem Gebiet auch so eindrucksvoll erklärten konnte.

Vorbelastet

Fachlich vorbelastet waren auch viele seiner Zuhörer, entweder selbst als Patienten neurologischer Erkrankungen, als deren Angehörige oder als Mediziner. Einer von ihnen war der Internist Rudolf Wintrich-Lagny. Er hätte sich gewünscht, noch mehr über die psychische Situation des Patienten zu erfahren. „Ich hätte das noch präziser machen können“, entgegnete ihm der Autor, aber es handele sich in der Fiktion der Geschichte ja eben nicht um einen realen Fall. Genauso im Kapitel über den „Grapscher“. Hier verdeutlicht Kessler, wie ein Tumor im Gehirn sich auf das Sexualverhalten eines Menschen auswirken kann. „Das Gehirn als Organ bestimmt, wie sozial wir uns verhalten!“, erklärte er dazu.

Richtiger Zeitpunkt?

Wie Malen und Musik hören sei das Schreiben des Buches für ihn ein Teil der Verarbeitung dessen, was er mit Patienten erlebe, erzählte Kessler im anschließenden Gespräch mit Stoltenburg und mit dem Publikum. „Man quält sich ja da.“ Lange habe er überlegt, ob es jetzt schon der richtige Zeitpunkt sei, ein Buch zu schreiben. „Aber es macht so’ n Spaß bei Ihnen hier, warum sollte ich das als uralter Mann tun?“, fragte er.

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