Vom Leid der Sinti und Roma in Deutschland

Von: Helmut Wichlatz
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Dieser Chor des Hückelhovener Gymnasiums trug mit seinen Liedern zum Gelingen der Veranstaltung bei.
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Zum Abschluss der Interkulturellen Woche in Hückelhoven interviewte Ramona Parilli den Vorsitzenden der Sinti und Roma in Nordrhein-Westfalen, Roman Franz. Fotos (2): Koenigs Foto: Koenigs

Hückelhoven. „Diri Diri – Tanderadei“. Unter diesem an sich vielversprechenden und fröhlichen Motto stand die Abschlussveranstaltung der interkulturellen Woche im Forum des Gymnasiums. Dabei war das Thema des Abends über weite Strecken nicht so fröhlich angesiedelt. Denn es ging um das Verhältnis der Deutschen zu den Sinti und Roma, im Volksmund immer noch gerne pauschal als „Zigeuner“ verunglimpft.

Zu Gast war Roman Franz, der Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma in NRW. Er vertritt die Interessen der rund 70 000 Sinti und Roma, die schätzungsweise ständig in NRW leben. Die Projektkoordinatorin Birgit Fluhr-Leithoff betonte bei der Begrüßung, dass die Verfolgung und Diskriminierung der Sinti und Roma bis ins Mittelalter zurückreiche. Der Abend sollte dazu beitragen, eine Brücke des Verständnisses zu schlagen und den Zuhörern die Kultur der Sinti und Roma näherzubringen. Toleranz gehöre zu Leitkultur des Gymnasiums, das auch den Titel „Schule ohne Rassismus“ trägt. Die Gespräche mit Franz führten im Wechsel Ramona Parilli und Benjamin Dickmann.

Musikalisch gestaltet wurde die Veranstaltung von der Musical AG des Gymnasiums. Die Schüler trugen auch Texte von Künstlern vor, die sich mit der Verfolgung auseinandersetzen. Das Klarinettenduo Claas Otto und Grit Meuser, die schon beim interkulturellen Abend in der Aula dabei waren, spielten Lieder und Melodien, die von Sinti und Roma komponiert wurden und zum Beispiel im Jazz ihren Niederschlag fanden.

Die Volksstämme der Sinti und Roma stammen aus dem indischen Raum und kamen im Zuge der Völkerwanderungen nach Europa. Vor allem die Sinti wurden in Deutschland ansässig. Erste urkundliche Erwähnungen reichen bis ins frühe 15. Jahrhundert zurück. Was auch kaum jemand weiß: Die Sinti und Roma sind mehrheitlich katholisch. Eigentlich sollte das passen möchte man meinen, doch wurden sie durch die Jahrhunderte immer wieder Zielscheibe für Diskriminierung und Verfolgung.

Diese gipfelte im Dritten Reich in einem Reichserlass, der ihnen die bürgerlichen Rechte entzog und zur rassistischen Hatz freigab. In drei großen Deportationswellen wurden sie in die Lager geschafft, die rund eine halbe Million nicht überlebten. Allein in der direkten Familie von Roman Franz starben 36 Menschen in den deutschen Konzentrationslagern.

Mit der Befreiung durch die Alliierten taten die „Zigeuner“, was man eben tut – sie kehrten in ihre Heimat nach Deutschland zurück. Dort hatte man sich der „Erkenntnisse“ des Rassehygienikers Robert Ritter in Form einer „Zigeunerdatei“ bedient und schnell ein repressives System gegen die ungeliebten Mitbürger übernommen.

Noch bis in die 1970er-Jahre hinein waren „Landfahrer“ auf allen deutschen Campingplätzen unerwünscht. Ihrer Mittelschicht durch den Krieg beraubt, bauten auch die Sinti und Roma ein tiefes Misstrauen gegenüber den Deutschen auf.

In Deutschland tat man sich schwer mit den Sinti und Roma. Erst 1979 wurde in der Gedenkstätte Bergen-Belsen ein Mahnmal für die Opfer der Verfolgung eingerichtet. „Sich heute zu seiner Herkunft öffentlich zu bekennen, kann zu Nachteilen führen“, betonte Franz. Auch ein Bekenntnis und Eingeständnis der deutschen Politik zu den Taten im Dritten Reich habe lange auf sich warten lassen, erklärte Franz. Mit Veranstaltungen wie dieser könnte gegenseitiges Verständnis geweckt werden.

Schnell wurde den Zuhörern klar: Roman Franz ist kein „typischer Zigeuner“, wie er in romantisierenden Liedern besungen wird und noch heute durch die Köpfe der Menschen geistert. Der Landesverband, dem er vorsteht, leistet klare integrative und auch politische Arbeit mit dem Ziel der Anerkennung und Verständigung.

Eine Beratungsstelle bietet Hilfsangebote und Beratung in vielen Fragen des Lebens und im Umgang mit der „Mehrheitsgesellschaft“. Für diese Arbeit wurde Franz auch mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Familie Franz stammt aus Köln und lebte dort so, wie Familien eben leben. Den Vater Hugo Franz beschrieb er als sympathischen Vereinsmeier, der regelmäßig kegeln ging und es auch bis zum Schützenkönig brachte. Ein solches gemeinsames und von Respekt bestimmtes Zusammenleben sei jedoch selten.

Gelungene Integration

Doch wussten Brand und die gut vorbereiteten Moderatoren auch von aktuellen Beispielen der gelungenen Integration zu berichten. „Es bewegt sich etwas in der Gesellschaft“, erklärte Franz. Sein Rat an die Sinti und Roma sei, dass sie selbstbewusst auftreten und ihre Herkunft nicht verschweigen sollten. So würden sie ihren Platz in der Gesellschaft finden.

„Der Auftrag zum Schutz der Minderheiten darf nicht nur mit Blick auf die Schrecken der Vergangenheit wahrgenommen werden“, sagte er, sondern als „Auftrag für heute und morgen“. Und: „Minderheiten mit ihren Kulturen und Sprachen sind eine Bereicherung der Vielfalt Deutschlands“.

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