Vom „Hauptschulproll“ zum Einser-Abi

Von: Anna Petra Thomas
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Hauptschulproll, Einser-Abiturient und Student der Wirtschaftswissenschaften: Das ist Yigit Muk aus Berlin, der mit Buchlesung und Erzählung aus seinem Leben Gefangene in der Heinsberger Justizvollzugsanstalt zu einem Weg individueller Bildung nach der Haft motivierte. Foto: anna

Heinsberg. Olivgrünes Shirt, blaue Hose, schwarze Schuhe: Ein bisschen was hat die Häftlingskleidung der 15 jungen Männer im Klassenraum der Heinsberger Justizvollzugsanstalt (JVA) von Schuluniform. Und eigentlich ist es auch eine Schulstunde für die Schüler der beiden Abschlussvorbereitungsklassen, die jedoch heute nicht einem Lehrer, sondern dem Autor eines neuen Buches gegenübersitzen.

Yigit Muk (28) ist aus Berlin nach Heinsberg gekommen, um den Häftlingen aus seiner Kindheit und Jugend in Berlin-Neukölln zu erzählen und ihnen parallel dazu vorzulesen aus seiner im Oktober 2015 erschienenen Autobiographie „Mucksmäuschenschlau – Wie ich als Hauptschulproll ein Abi mit 1+ hinlegte“.

Eine Stunde haben die jungen Häftlinge auf Muk gewartet, der beim Umsteigen in Lindern zuvor versehentlich in den falschen Zug eingestiegen war und so nach Duisburg statt nach Heinsberg unterwegs war. Aber das mache ihn als Einser-Abiturient doch „direkt sympathisch“, bemerkt einer seiner Zuhörer, nachdem sich Muk dafür entschuldigt hat.

Dann legt er los, erzählt von seiner Kindheit in einer türkischen Einwandererfamilie, in der ihm ein Besuch des Kindergartens verwehrt blieb und er am ersten Schultag noch kaum Deutsch sprach. Klein und dünn, wie er war, habe er sich zum Klassenclown entwickelt. Schlechte Noten seien der Grund für die Hauptschulempfehlung gewesen.

Seine Hauptschule sieht er geprägt von Migration, Drogen und anderen sozialen Problemen. Prügeleien seien an der Tagesordnung der Jugendbande, der „R 44“ genannten Gang gewesen, zu der er gehörte. „Ärgern wollten wir die Lehrer nicht, wir wollten sie demütigen“, sagt er. „Wir haben die Lehrer als Gegner gesehen.“

Gekifft habe er selbst aber nie, sagt Muk, und früh habe er dem Alkohol abgeschworen, nachdem er betrunken einen Behinderten geschlagen habe. „Dafür schäme ich mich bis heute.“ Schlagartig geändert habe sich für ihn sein Leben in der neunten Klasse, als der kleine Bruder eines Bandenmitglieds an Leukämie starb. Der dort anwesende Imam habe ihn erreicht, sagt der junge Autor. „Er hat uns gesagt: Behandelt Eure Mitmenschen so, als müsstet ihr morgen sterben, damit sie Euch in guter Erinnerung behalten.“

Er habe seiner Mutter versprochen, ihr den Traum von seinem Abitur zu erfüllen. Sein Beschluss: pünktlich in der Schule zu sein, bis zum Ende zu bleiben und Hausaufgaben zu machen. „Und je mehr Mühe ich mir machte, umso mehr Spaß machte es“, sagt er. Eine Krankheit habe ihn zurückgeworfen und doch habe er den Realschulabschluss geschafft, dann sogar die Aufnahme an einer privaten Oberschule.

Um das Schulgeld zu finanzieren, habe er sogar als Türsteher gejobbt. Zugleich schafft er sein Abitur, mit der Traumnote 1,0. Heute studiert Muk Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Berlin und ist im Kampfsport aktiv.

„Schöne Rede!“, ruft einer der Häftlinge und applaudiert lange, wie alle anderen auch. Eine Frage in die Runde zeigt, dass sieben der 15 Anwesenden nach ihrer Entlassung wieder zur Schule gehen wollen. Sie fühlen sich von Muk in diesem Entschluss bestätigt. „Viele von uns haben schlechte Karten zu Beginn des Spiels, aber wir können bestimmen, was wir damit machen“, bestärkt er die Häftlinge, sich nach der Haft auf ihren individuellen Bildungsweg zu machen.

„Jede Zeit, die es kostet, ist es wert“, fügt er hinzu, nachdem ihm einer der Betreuer geschildert hat, dass viele Gefangene sich über ihr Alter nach der Haft sorgen. „Nutzt Eure Zeit jetzt. Nicht morgen. Ihr habt keine Garantie für morgen!“, lautet Muks letzter Rat, mit dem er seine Zuhörer ebenfalls erreicht, ehe er weiterreist zur nächsten Lesung nach Bochum.

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