Viel Psychologie rund um Garzweiler II

Von: Ingo Kalauz
Letzte Aktualisierung:
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Dieser Blick in Richtung Keyenberg mit seinen vorgelagerten Windrädern wird in einigen Jahren der Vergangenheit angehören, denn der Ort wird Opfer der Braunkohlebagger.
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Vor Beginn der Informationsveranstaltung demonstrierten Mitglieder des Bezirkes Alsdorf der IGBCE vor der Erkelenzer Stadthalle.

Erkelenz. Wer heute Politik verkaufen will, muss über psychologische Grundkenntnisse verfügen. „Ihre Stadthalle ist wirklich schön. Ich kenne viel, viel schlechtere Stadthallen“, hatte also Martin Hennicke für die 500 Zuhörer in dem bis auf den letzten Platz gefüllten großen Saal der auch für die Bürger noch immer neuen Halle am alten Franziskanerplatz zu Beginn der Veranstaltung ein Lob parat.

Der Mann war aus der Staatskanzlei in Düsseldorf nach Erkelenz gekommen, um hier die politische Weichenstellung, die die nordrhein-westfälische Landesregierung vor wenigen Tagen mit dem „Entwurf der Leitentscheidung für das Rheinische Braunkohlenrevier“ gestellt hatte, in ihren vier Entscheidungssätzen den davon direkt Betroffenen vorzustellen.

Das sind in erster Linie die Bürger des Ortes Holzweiler. Der nämlich soll nach diesem Entwurf aus Düsseldorf nicht, wie bisher geplant, wie benachbarte Ortschaften im Garzweiler II-Loch verschwinden, sondern vom Zugriff der RWE-Braunkohlebagger verschont werden.

Das, betonte Hennicke, sei eine politische Entscheidung, für deren Zustandekommen er mehrere Gründe nannte. Das Bekenntnis der Politik zur Energiewende, also zum Ausstieg aus der Atomenergie und zur mittelfristigen Abkehr von den fossilen Energieträgern bei gleichzeitiger Förderung der verschiedenen alternativen Energieformen nannte der Abteilungsleiter als übergeordneten Grund. Damit einher gingen das wachsende Bewusstsein um den Klimaschutz und die Veränderung der Energiemärkte. Und, da wurde der Mann aus der Staatskanzlei in der Erkelenzer Stadthalle dann wieder psychologisch, der Braunkohletagebau bedeute ja auch „einen tiefen Eingriff in die Eigentumsverhältnisse der Bürger“. Den müssen die Einwohner von Holzweiler nun nicht mehr fürchten. Aber das schafft neue Probleme.

„Holzweiler lebenswert erhalten“ lautet der Entscheidungssatz 3 des Entwurfes der Leitentscheidung der Landesregierung. Den erläuterte den Zuhörern, von denen natürlich viele aus Holzweiler nach Erkelenz gekommen waren, Dr. Alexandra Renz aus der Staatskanzlei. Dass die Sicherheitslinie so festzulegen ist, dass ein Mindestabstand von 400 Metern (Zurufe aus dem Saal: „Viel zu wenig!“) zur Abbaugrenze eingehalten wird, war nichts Neues, das wussten die Betroffenen unter anderem aus der detaillierten Berichterstattung in dieser Zeitung bereits.

Bürgermeister Peter Jansen habe ihr gegenüber übrigens den Mindestabstand von der Abbaugrenze als den „entscheidenden psychologischen Faktor für die gefühlte Zukunft Holzweilers“ genannt. „Eine direkte Anbindung an Kückhoven und Erkelenz ist zu gewährleisten; soweit möglich soll die L19 erhalten bleiben“, sagte Renz dann. Da kam ein vernehmliches Raunen auf. „Soweit möglich“ und dieses „soll“ vor dem „erhalten“ waren der Auslöser. Man muss kein Psychologe sein, um zu ahnen, dass solche Formulierungen in politischen Aussagen inzwischen ein fast schon natürliches Misstrauen bei den Betroffenen auslösen. Als Alexandra Renz die Modellation des Uferbereichs des künftigen Restsees und dessen „Zwischennutzung während des Füllvorgangs“ den Holzweilern als „positiven Aspekt der Tagebaurandlage“ verkaufen wollte, erntete sie hämisches Gelächter.

Drei weitere Experten aus der Staatskanzlei gaben Erläuterungen zu den anderen drei Leitsätzen: Dr. Christoph Epping zu den Erfordernissen einer langfristigen Energieversorgung („Braunkohleabbau im Rheinischen Revier ist weiterhin erforderlich, dabei bleiben die Abbaugrenzen der Tagebaue Inden und Hambach unverändert“); Gerhard Odenkirchen zu Wasserwirtschaft, Naturschutz, Geologie, Boden („Der Restsee ist in kompakter Form und mit möglichst großer Tiefe zu planen“) und Dr. Michael Henze zum Strukturwandel im „Rheinischen Revier in örtlicher und regionaler Zusammenarbeit“.

Dabei sagte der Mann aus dem NRW-Ministerium für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk etwas, das man in dieser Form so aus Düsseldorf noch nicht gehört hat: Dass nämlich der anstehende Strukturwandel für die etwa 11.000 direkt betroffenen Arbeitsplätze in der Braunkohle bei den insgesamt rund 600.000 versicherungspflichtigen Arbeitsplätzen im Rheinischen Revier gerade auch im Hinblick auf die „lange Perspektive für den Wandel“ gut zu managen sei. Das werden die rund 50 Mitglieder des Bezirkes Alsdorf der IGBCE, die in einer friedlichen kleinen Demo vor den Toren der Stadthalle auf ihre Interessen aufmerksam gemacht hatten und sich später unter die Zuhörer in der Stadthalle mengten, mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen haben.

Der Erkelenzer Bürgermeister Peter Jansen hatte am Anfang der Veranstaltung darauf hingewiesen, dass man die Umsiedlung der Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unter- und Oberwestrich und Berverath nicht habe verhindern können. Und er betonte, dass mit der Verkleinerung des Abbaugebietes für die Zukunft der Ortschaft Holzweiler jetzt „noch viele schwierige Detailfragen zu klären“ seien. Aber er sprach mit Blick auf den Erhalt von Holzweiler davon, dass sich „die Arbeit gelohnt“ habe und von einer „großen Leistung“ auch der Aktivisten in der Bürgerinitiative „Perspektive für Holzweiler“. Der CDU-Mann hatte für die Entscheidung der rot-grünen Regierung in Düsseldorf ein dickes Lob parat. „Ich lobe die Landesregierung nicht oft. Aber zu so einer Entscheidung gehört Mut“, sagte Jansen.

Da gab sich auch der Erkelenzer Bürgermeister im Blick auf die anstehenden, schwierigen Verhandlungen in Düsseldorf zur Zukunft von Holzweiler als Psychologe zu erkennen.

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