Verstörende Perspektiven im Geisterort

Von: Helmut Wichlatz
Letzte Aktualisierung:
6973333.jpg
Nah am Abgrund: Vom ehemaligen Dorf Pesch sind nur noch wenige Gebäude übrig. Die Bagger fressen sich heran. Foto: Stefan Klassen

Erkelenz-Borschemich. In der Uni und an der Schule gibt es „Exkursionen“. Im Bundestag auch. Und so ist die Gruppe grüner Bundestagsabgeordneter zu einer zweitägigen Exkursion gekommen, um sich über den Tagebau im Rheinischen Revier zu informieren. Eingeladen hat ihr Fraktionskollege Oliver Krischer. „Wenn wir von den Zuständen hier erzählen, glaubt man uns oft nicht und denkt, wir übertreiben“, erläutert er.

Krischer ist mit dem Kampf gegen Rheinbraun groß geworden und will seine neuen Kollegen für das Thema Tagebau sensibilisieren. „Man muss einmal gesehen haben, was hier passiert“, ist er sich sicher. „Ansonsten sind die Diskussionen um Bergrecht und Energiewende zu theoretisch.“ Also schauen sie sich das Tagebauloch an, führen Gespräche in Düsseldorf und machen sich ein Bild vor Ort bei denen, die am meisten betroffen sind.

Im sterbenden Ort Borschemich erwartete sie der grüne Stadtrat Hans Josef Dederichs zu einer gruseligen Ortsbesichtigung. Denn Borschemich ist ein Beispiel für das Endstadium dessen, was man im Zusammenhang mit dem Tagebau gerne als „sterbende Ortschaft“ bezeichnet. Selbst ein Ortsschild braucht ein solches Dorf nicht mehr. Die Häuser sind von ihren Besitzern verkauft worden.

Auch die Toten sind vom Friedhof geholt und am neuen Standort in Borschemich (neu) nahe der Erkelenzer Innenstadt wieder unter die Erde gebracht worden. Zumindest die, an die man sich noch erinnert. Auf dem entweihten Totenacker sind einige wenige Grabsteine zurückgeblieben, von Menschen, die längst vergessen sind. Die Leichenhalle wurde aufgebrochen, zwei Särge stehen herum – wie bestellt und nicht abgeholt.

50 der einst über 600 Borschemicher sind noch da. Nicht, dass man sie vergessen hätte. Sie wissen nur noch nicht, wo sie hingehen, wenn sie Ende des nächsten Jahres weg sein müssen. Ihre Gutachten, deren Verfasser oder ihre Forderungen haben RWE veranlasst, die Bremse zu treten. Während sich die Borschemicher gerade gleich neben Erkelenz in ihrem neuen Ort einleben, eine Kapelle bauen und Karneval feiern, wissen sie noch nichts.

Bis 2015 solle der Ort „entvölkert“ sein, sagt Dederichs. Und jetzt noch in Borschemich zu wohnen könne seine Tücken haben. Denn in Borschemich ebenso wie in Immerath seien quasi „rechtsfreie Räume“ entstanden. „Hier passieren Sachen, von denen kein Mensch etwas mitbekommt“, erklärt der Ratsherr und berichtet von Plünderungen, von Einbrüchen in noch bewohnte Häuser und unbekannten Bewohnern in einigen der verlassenen Häuser. Ist ein Haus geräumt, dauere es keine drei Wochen, bis die Altmetalldiebe es „einmal auf links gedreht“ hätten.

Dazu kämen Maßnahmen seitens RWE, die das Leben im Ort für die letzten Übriggebliebenen noch unangenehmer machen sollen. Das vermutet zumindest Wilfried Lörkens, der im Haus Paland gegenüber der verlassenen Schule wohnt. Es würden Bäume gefällt, mitten im Ort Häuser abgerissen und Brunnen für die Sümpfung gebohrt. „Die wollen uns mürbe machen“, vermutet Lörkens, „damit wir bei den Verhandlungen, die immer wieder verzögert werden, einknicken.“

Dabei sei anfangs von einer „neuen Strategie“ des Energieriesen gesprochen worden, nach der die Orte bis zur Inanspruchnahme intakt bleiben sollten. „Davon weiß heute keiner mehr was“, sagt Lörkens. Sein Anwesen falle aus den Entschädigungsrastern von RWE heraus. Der Wohnraum ist angesichts der Gebäudegröße nicht sehr groß, doch die historische Bedeutung des alten Gutes ist kaum zu beziffern. An einen „angemessenen Ersatz“, von dem im Rahmen der Entschädigungsverhandlungen immer die Rede ist, könne in diesem Falle nicht gedacht werden.

Den Exkursionsteilnehmern stößt so etwas übel auf: „Die Opfer, die die Menschen hier bringen müssen, stehen in keinem Verhältnis zum Ergebnis“, sagt Peter Meiwald (MdB). Auch Annalena Baerbock aus dem brandenburgischen Potsdam ist beeindruckt. „Eine Zwangsumsiedlung im 21. Jahrhundert, eigentlich ist das nicht vorstellbar“, sagt sie. Tagebau und dessen Folgen kennen sie und ihre Kollegin Julia Verlinden auch aus ihrer Heimat, dem Revier in der Lausitz. „Aber solche Dimensionen der Zerstörung habe ich vorher noch nicht gesehen“, betont sie und lässt den Blick hin zu grauen Horizont schweifen.

Von dort kommt dumpfer und monotoner Lärm. Und tatsächlich zeichnet sich der Umriss des Baggers deutlich ab. Baerbock steht vor der Gärtnerei der Brüder Meier. Helmut und Johannes Meier haben beschlossen, sich enteignen zu lassen. Was bislang eine Drohung und „die Pistole im Nacken“ bei den Verhandlungen war, erscheint ihnen als die beste Lösung. „Bei Verhandlungen kommt nichts herum“, sagt Helmut Meier. „Wir wurden wie Bittsteller behandelt und bedroht.“

„Erschreckend“

Meier ist nicht verbittert, eher scheint er mit dem Kapitel abgeschlossen zu haben. Bis zur Entscheidung machen die Meiers weiter, pflanzen Rosen, bauen Kränze und schauen sich nach einem neuen Standort für ihren Betrieb an, mit dem sie bundesweit Kunden beliefern. In Erkelenz wird er wohl nicht mehr sein.

Matthias Gastel aus Baden-Württemberg findet das Geisterdorf „erschreckend“. Angesichts der Energiewende in Deutschland sei dies ein verstörender Anblick, der die Menschen wachrütteln müsse. Gegen Ende des Rundganges ist es stiller geworden in der Gruppe, deren Mitglieder ansonsten ja eher wegen ihrer Eloquenz bekannt sind. Als sie den Ort verlassen, sehen sie noch einmal das Ortsschild, von dem nur der leere Metallrahmen übrig geblieben ist.

Dann verschwindet der Geisterort hinter ihnen in der Abenddämmerung.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert