Heinsberg - Verständnis für Jugendkultur gehört dazu

Verständnis für Jugendkultur gehört dazu

Von: Nicola Gottfroh
Letzte Aktualisierung:
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Sein erstes bezahltes und legales Kunstwerk sprühte ein junger „Straftäter“ an die Wand in Josef Kremers Büro. Der Jugendsachbearbeiter und seine Kollegen versuchen, die jungen Menschen wieder in die Spur zu bringen. Manchmal auch durch ungewöhnliche Graffitiaktionen.
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Josef Kremer und Robert Kick versuchen, Kinder wieder zur Vernunft zu bringen. Foto: Gottfroh

Heinsberg. Carpe Diem prangt in großen Lettern an der Wand. Das bunte Graffiti nimmt einen großen Teil der Fläche im Büro von Josef Kremers im Kriminalkommissariat Geilenkirchen ein. „Carpe Diem, Nutze den Tag. Aber ohne Straftaten zu begehen“, das rät er auch immer den jungen Menschen, die in seinem Büro aus und ein gehen.

Josef Kremers ist einer von acht speziell ausgebildeten Jugendsachbearbeitern bei der Kreispolizeibehörde Heinsberg.

Kremers (52) und sein Kollege Robert Kick (44) bearbeiten Fälle, die Kinder, Jugendliche und Heranwachsende begangen haben: Diebstahlsdelikte, insbesondere Ladendiebstähle, kleine Drogendelikte, Schwarzfahren, Stalkingfälle, Sachbeschädigungen, Körperverletzungen, Raub- und Erpressungsdelikte sind die wesentlichen Straftaten. Auch das Internet, insbesondere die sozialen Netzwerke wie Facebook spielen bei Jugendkriminalität eine wesentliche Rolle. Bedrohungen und Beleidigungen finden heute oftmals dort oder per SMS statt.

Die (Haupt-)Aufgabe der Jugendsachbearbeiter ist es, die jungen Straftäter, die Zeugen und Geschädigte zu vernehmen und die Verfahren an die Staatsanwaltschaft weiterzuleiten. Nur selten gehen sie während der Dienstzeit dorthin, wo sich die Jugendlichen aufhalten. Ihre Arbeit vollzieht sich eher am Schreibtisch.

„Langweilig ist unsere Arbeit deshalb aber nicht“, betont Kremers. Denn hinter jeder Straftat verberge sich eine individuelle Geschichte. „Kein Ladendiebstahl ist wie der andere“, sagt der 53-Jährige.

Die Gründe, aus denen junge Menschen gegen das Gesetz verstoßen, seien vielfältig – die Ursachen zu finden und die „Kids“ wieder auf den richtigen Weg zu bringen, ist auch ein Ziel der Sachbearbeiter. Zudem halten die Beamten engen Kontakt zu den Erziehungsberechtigten, Schulen und den Jugendämtern.

Auch das Graffiti an Josef Kremers Wand ist Resultat der ganz eigenen Geschichte eines Straftäters. Der junge Sprayer hatte in kurzer Zeit mehr als 70 Graffitis und Tags (Schriftzüge) an fremde Wände gesprüht. Kremers erkannte schnell den Grund für die Handlungen des Jungen: „Ihm fehlte das Bewusstsein, dass er damit eine Straftat beging. Für ihn war das Sprayen Kunst.“

Der Kriminalhauptkommissar fand nicht nur die Gründe für sein Handeln, sondern erkannte auch das Talent des Jungen. Er riet ihm, Geld damit zu verdienen und seine Kunst legal zu machen. Das erste bezahlte und legale Kunstwerk sprühte der „Straftäter“ an die Wand in Kremers Büro und verdiente seine ersten 50 Euro. „Danach ist der Junge nicht mehr durch Straftaten aufgefallen“, sagt Kremers. Auch helfen und Verständnis gehört zum Job dazu. Wer Jugend und Jugendkultur nicht versteht und respektiert, der ist in der Jugendsachbearbeitung fehl am Platz.

So wie der Fall des Sprayers, endete ein Großteil der Geschichten junger Straftäter glücklich, sagt Kremers. Immerhin, so betont er, würde ein großer Teil aller Jungen im Laufe ihrer Pubertät einmal bei der Polizei sitzen – laut Dunkelfeldforschung begehen 95 Prozent der männlichen Jugendlichen in ihrer Jugend mit Strafe bedrohte Handlungen. Wer erwischt wird, landet bei den Jugendsachbearbeitern.

Altersbedingte Episoden

„Wenn junge Menschen Straftaten begehen, dann sind das meist altersbedingte Episoden. Die meisten Jugendlichen, zunehmend auch Mädchen, wollen Grenzen austesten – überschreiten sie manchmal und landen als Konsequenz bei uns“, versucht Robert Kick eine Erklärung. Oft reiche allein der Gang zur Vernehmung, die Scham vor den Beamten und Eltern aus, um die Jugendlichen wieder zur Vernunft zu bringen, hat er festgestellt.

Auch wenn die meisten Jugendlichen nur einmal kommen – die Zahl der Vorgänge ist hoch. Im Jahr landen über 500 Fälle auf dem Schreibtisch – pro Sachbearbeiter. Während ein Fall von Ladendiebstahl schnell abgehandelt ist, beschäftigt die Beamten eine Diskoschlägerei durch die zahlreichen Zeugenbefragungen und Vernehmungen, die anstehen, auch mal Wochen oder Monate.

Wichtig ist Kremers und Kick, bei ihrer Arbeit die Verhältnismäßigkeit zwischen Delikt und Verfolgungsmaßnahme im Auge zu behalten, Mensch zu bleiben und sich an die eigene Jugend zu erinnern. „Bei einer einmaligen Verfehlung – natürlich abhängig von der Schwere der Straftat – regen wir gegenüber der Staatsanwaltschaft an, das Verfahren einzustellen“, sagt Kick. Das ist davon abhängig, ob der Jugendliche einsichtig ist.

Die Samthandschuhe lassen die Kommissare trotzdem in der Schublade, immerhin sind sie mit der Verfolgung von Straftaten betraut und keine Streetworker. „Unser Ziel ist es, den Jugendlichen klarzumachen, dass sie eines Tages in einer Zelle sitzen, wenn sie so weitermachen.

Je nach Qualität der Straftat müssen nicht nur Jugendliche, sondern in Einzelfällen auch Kinder bei uns mit einer erkennungsdienstlichen Behandlung rechnen“, sagt Kick. „Und die Fingerabdrücke abgeben zu müssen wie ein Verbrecher es tun muss, das ist für diejenigen, die noch keine kriminelle Karriere eingeschlagen haben, hart und dürfte bei vielen eine pädagogische und abschreckende Wirkung entfalten.

Glücklicherweise fruchtet das Gespräch mit den Jugendsachbearbeitern bei den meisten Mädchen und Jungen, die straffällig geworden sind. Nur ganz wenige Jugendliche sind regelmäßig und über Jahre hinweg bei Kremers und Kick auf dem Polizeirevier zu Gast. Oft sind die Eltern dieser Jugendlichen überfordert oder gleichgültig ihren Kindern gegenüber, die kriminelle Karriere nicht mehr aufzuhalten. „Bei diesen Jugendlichen hilft oft nur noch Arrest oder Jugendgefängnis, um sie zu resozialisieren, denn die Gesellschaft muss vor solchen Menschen geschützt werden – auch, wenn sie noch sehr jung sind“, erklärt Kick.

„Auch wenn der Erfolg unserer Arbeit nicht messbar ist, glaube ich, dass die Jugendsachbearbeitung viel richtig macht“, sagt Kick. Noch sinnvoller, so glaubt Kremers, wäre ihre Arbeit, wenn umgehend auf die Fehltritte der Jugendlichen reagiert werden könnte. „Die Vorgangsbelastung ist aber oft so groß, dass es Wochen oder Monate dauert, bis ein Verfahren zum Abschluss gebracht werden kann“, sagt Kick. Solange die meisten ihrer Pappenheimer wieder auf die rechte Spur kommen, können sie aber auch damit leben.

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