Verkehrskommissariat: Ermittler sind Unfallflüchtigen auf den Fersen

Von: Nicola Gottfroh
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Die Ermittler Jürgen Rynders und Heinz-Willi Jansen untersuchen die Lackspuren an einem Beweisstück. Fotos (2): N. Gottfroh Foto: Gottfroh
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Ein kleiner Kratzer riesengroß: Mit Hilfe des handlichen Digitalmikroskops erkennen die Beamten schnell, ob nun eine anderes Auto einen Lackschaden verursacht hat – oder doch die Straßenlaterne.

Kreis Heinsberg. Das wahnsinnige Überholmanöver des Fahrers eines braunen Seats fordert auf der B221 das Leben zweier Frauen, zwei weitere Personen werden schwer verletzt. Zwar kann der Unfallverursacher vom Tatort flüchten – endgültig entkommen soll er den Beamten der Abteilung für Verkehrsunfallflucht der Kreispolizeibehörde Heinsberg aber keinesfalls.

Und so setzten die Ermittler des Verkehrskommissariats auf kleinteilige Detektivarbeit, um den Verantwortlichen und den braunen Seat zu finden. Dabei nehmen sie sich auch das Mobilnetz zu Hilfe. „Zeugen des Unfalls konnten damals zwar keine Hinweise auf das Kennzeichen, dafür aber auf den Fahrzeugtyp, einen Seat, geben“, erinnert sich Ermittler Heinz-Willi Jansen. „Ein guter Anhaltspunkt!“ Jansen und sein Kollege Jürgen Reynders werteten daraufhin aus, welche Handys sich zum Unfallzeitpunkt im lokalen Funkzellennetz befanden, um herauszufinden, auf welchen der Handybesitzer ein Wagen der Marke Seat zugelassen war. Eine schon fast filmreife Detektivarbeit.

Zeitintensive Recherche

Doch bei Betrachtung dieser zeitintensiven Recherche wird dem Außenstehenden schnell klar: Die Arbeit der Heinsberger Beamten ist nicht mit der Polizeiarbeit in amerikanischen Serien wie „CSI“ vergleichbar. In den Büros stehen keine Hightech Computer, die die Zusammensetzung eines Fahrzeuglackes in sekundenschnelle analysieren, dem richtigen Modell zuordnen und die Ermittler in Rekordzeit zu dem Täter führt. In der Realität sei zwar weniger Platz für die große Show, doch wer sein Handwerk verstehe, der könne auch mit der guten, alten Detektivarbeit viele Fälle von Unfallflucht lösen, sagt Jansen.

1469 Fälle von Unfallflucht landeten allein im vergangenen Jahr auf den Schreibtischen des vierköpfigen Ermittler-Teams um Verkehrskommissariatsleiter Theo Kiwitt. Bei Verkehrsunfällen mit Personenschaden gelang es seinem Team, in 65 Prozent der Fälle einen flüchtigen Täter zu ermitteln.

In den meisten Fällen von Unfallflucht sind es „glücklicherweise“, wie Reynders betont, nicht die Unfälle, bei denen Menschen zu Schaden kommen, sondern die sogenannten Bagatellschäden, die zur Anzeige gebracht werden und die Heinz-Willi Jansen und Jürgen Reynders lösen müssen. Es sind die Kratzer und Beulen im Wagen, die so häufig nach dem Aufenthalt im Parkhaus gesichtet werden.

„Leider ist der Riss im Lack der erste und einzige Punkt, an dem wir mit unseren Ermittlungen ansetzen können – und dann wird die Lösung des Falls definitiv schwierig“, sagt Reynders. Dann sei die Suche nach dem Verursacher wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

Schwierige Fälle gelöst

Doch auch diese schwierigen Fälle haben die beiden Beamten aus dem Verkehrskommissariat schon oft gelöst – und das nicht immer zur Freude der Fahrzeugbesitzer mit dem Schaden am Wagen.

Denn bei der Untersuchung der Schäden unter dem Digitalmikroskop erkennen die Beamten meist auf den ersten Blick, wenn nicht etwa ein fremdes Auto den Kratzer im Lack verursacht hat, sondern eine Straßenlaterne, eine Mauer oder ein Pfeiler, gegen den der Fahrzeugbesitzer selbst gefahren ist. „Man erkennt schnell, ob unter dem Lack noch Mörtel ist – und wenn dies der Fall ist, ist die Anzeige vorgetäuscht“, sagt Jansen. Die Autofahrer handelten so aus Angst vor den Eltern oder dem Partner, dem der Wagen gehört. Oder einfach, um auf diese Art an das Geld von der Versicherung zu kommen. „Das fällt aber immer schnell auf“, sagt Reynders.

Die meisten angezeigten Unfallfluchten sind jedoch nicht vorgetäuscht. Und in der Regel haben die Beamten auch mehr in der Hinterhand als Indizien als stumme Zeugen. „Oft gibt es Zeugen, die einen Unfall beobachtet haben. Und die können sich in vielen Fällen noch an Teile des Kennzeichens erinnern, zum Beispiel HS-X“, sagt Jürgen Reynders.

An diesem Punkt setzt der erfahrene Ermittler an. Aus Daten des Kraftfahrzeugbundesamtes bildet er einen Kreis möglicher Täter: Eine Liste mit Namen und Adressen aller Fahrzeughalter, deren Kennzeichen mit besagter Kombination beginnen, bringt ihm erste Anhaltspunkte. „Manchmal ist die Liste nur neun Punkte lang, in anderen Fällen über hundert“, sagt Reynders. Je kürzer die Liste ist, umso mehr freut sich Reynders, denn für ihn stehen dann Hausbesuche auf dem Programm. Bewaffnet mit seiner Ausrüstung, mit Kamera, Lackschichtenmessgerät und Klebefolien zur Sicherung von Spuren sucht Reynders die Fahrzeughalter, deren Kennzeichen mit HS-X beginnen, unangemeldet auf.

„Am besten kommt man dem Verursacher auf die Schliche, wenn man sich die Autos vor Ort anschaut. In den meisten Fällen bin ich so schnell wieder weg, wie ich gekommen bin. Nach einer Weile erkennt man schnell, wo man am Auto nach Indizien suchen muss – und die passenden Spuren kann schließlich nur ein Wagen haben – unsere Nadel im Heuhaufen“, sagt Reynders.

In den ganz kniffligen Fällen nehmen die Beamten auch mal den genetischen Fingerabdruck von Lenkrad, Schaltknüppel oder Airbag. Neulich erst, als ein Betrunkener seinen Wagen, sich und den ebenfalls betrunkenen Beifahrer in den Straßengraben gefahren hat, machten sich die Beamten des Verkehrskommissariats ebenso wie ihre Kollegen von der Kripo die DNA-Analyse zu nutze.

„Weil sich der Wagen überschlagen hat, konnten die Ersthelfer später nicht mehr genau sagen, wer am Steuer gesessen hat. Und natürlich wollte keiner der Männer zugeben, betrunken am Steuer gesessen zu haben“, sagt Jansen. Dann sichern die Beamten die winzigen Hautpartikel an Steuer und Schaltknauf, zudem werden die Sitze abgeklebt und die Oberbekleidung gesichert, damit anhand von DNA und Gewebeproben Rückschlüsse auf den Fahrer möglich sind. „Das ist dann schon ein wenig wie in der Serie CSI“, sagt Jansen und grinst. Und er ist sich sicher, dass er und seine Kollegen auch den beiden betrunkenen Männern nachweisen werden, wer am Steuer saß. Der Technik und der guten Detektivnase der Verkehrskommissare sei Dank.

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