Vater nimmt nach Flucht „verlorenen Sohn“ wieder in die Arme

Von: anna
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Wieder glücklich vereint: Vater Suleiman Kurdi sowie seine Söhne Darios (links) und Yusuf. Foto: anna

Heinsberg. Zu den ersten Flüchtlingen, die in der Heinsberger Notunterkunft per Bus ankamen, gehörten auch der Syrer Suleiman Kurdi und sein Sohn Yusuf (7). Traurig wirkten sie beide, als sie aus dem Bus stiegen, mit eigentlich nicht viel mehr, als sie an Kleidern auf ihren Leibern trugen.

Schnell kümmerten sich Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes um sie. Ehrenamtler versorgten sie mit Bekleidung aus der kurzfristig organisierten Kleiderkammer. Und doch bedrückte die beiden noch etwas anderes viel, viel mehr.

Da beide nur arabisch sprachen, erfuhren die Helfer dann mit Hilfe eines Dolmetschers, dass der Vater eigentlich mit zwei Söhnen aus Syrien geflohen war, aber auf der Flucht einer der beiden quasi „verloren gegangen“ war. Schleuser hätten ihn und seinen jüngeren Sohn in Ungarn in ein Taxi gesetzt, erzählt der Vater. Ziel sei gewesen, durch Österreich durch bis nach Bonn zu fahren. Für seinen älteren Sohn Darios (17) sei in dem Taxi jedoch kein Platz mehr gewesen. Daher habe man ihn in ein anderes Taxi gesetzt. Beide Wagen hätten hintereinander her fahren sollen bis nach Bonn. Dort seien jedoch nur er und sein jüngerer Sohn angekommen. Sie beide seien dann weiter nach Dortmund und von dort schließlich nach Heinsberg gebracht worden.

Acht lange Tage sollte es dann für den 50-jährigen Syrer und seinen Sohn Yusuf trotz intensiver Nachforschung und Unterstützung in der Heinsberger Notunterkunft dauern, bis sie Darios (17) wieder in die Arme schließen konnten. Da nur der Vater ein Mobiltelefon hat, gab es auf diesem Weg zunächst keinen direkten Kontakt. Darios, der anscheinend auch die Telefonnummer seines Vaters nicht kannte, lieh sich schließlich von anderen Flüchtlingen in Bonn ein Handy und schaffte es so, seine Mutter in Syrien zu kontaktieren. Als es Suleiman dann ebenfalls gelang, Kontakt mit seiner Frau aufzunehmen, erfuhr er vom Aufenthaltsort seines Sohnes. Darios hörte umgekehrt von der Mutter, dass Vater und Bruder wohlbehalten in Heinsberg Unterkunft gefunden hatten.

Als sich ein Mitarbeiter der Flüchtlingsunterkunft in Bonn dann telefonisch in Heinsberg meldete, waren in der Unterkunft hier alle glücklich, nicht nur Suleiman und Yusuf Kurdi. „Er tat uns allen leid, von den Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes übers Rote Kreuz bis hin zu den Ehrenamtlern“, erklärt Thomas Franken, bei der Aufnahme von Suleiman Kurdi Leiter der Einrichtung in Heinsberg.

Aus Bonn wurde Franken dann auch über die Abfahrt von Darios und seine Ankunft in Heinsberg informiert. In Bonn hatte man für ihn ein Zugticket nach Heinsberg gekauft. Zur Ankunftszeit warteten Suleiman und Yusuf Kurdi dann zusammen mit Mitarbeitern des DRK sehnlichst auf die Ankunft des Zuges mit dem jungen Syrer. Als dieser dann endlich aus dem Zug stieg, hatte Suleiman Kurdi trotz aller Sorgen und aller Beschwernisse, die er selbst auf sich genommen hatte, für einen Moment das Gefühl, der glücklichste Mensch auf Erden zu sein.

Doch gleich danach gingen seine Gedanken auch wieder zurück in die Heimat. Denn dort hat die Familie immerhin noch fünf weitere Mitglieder. Neben seiner Frau harren in der Stadt Al-Hasaka im Nordosten von Syrien noch zwei Söhne im Alter von 18 und 15 Jahren und zwei Töchter im Alter von 12 und 5 Jahren aus. Dass die Familie nicht gemeinsam fliehen konnte, hat finanzielle Gründe. Bäcker sei er in der Stadt gewesen, erzählt Suleiman Kurdi. Aber vor Jahren schon habe er sein Geschäft schließen müssen, weil er keine Zutaten mehr habe einkaufen können. Das Mehl sei einfach zu teuer gewesen und auch die Befeuerung für den Backofen gar nicht mehr finanzierbar. Am Leben erhalten haben die Familie der Vater und die älteren Söhne mit allen möglichen Reparaturarbeiten.

Da also das Geld für alle fehlte, hat auch Suleiman Kurdi mit seinen beiden Söhnen die erste Balkanroute genommen. Illegal überquerten die drei die Grenze zur Türkei und ließen sich dann mit einem Boot auf die Insel Samos übersetzen. Schon das kostete für ihn und Darios jeweils 1150 Euro. Für Yusuf kamen noch einmal 550 Euro hinzu. Von Samos schlugen sich die drei überwiegend zu Fuß weiter durch nach Athen und von dort nach Thessaloniki. Über Mazedonien und Serbien gelangten sie – noch ohne Zaun – bis nach Ungarn. Hier kam es dann zu der schicksalhaften Entscheidung der Schleuser, den kleinen Teil der großen Familie Kurdi in zwei Taxen aufzuteilen.

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