Hückelhoven-Brachelen - Über 20.000 Rentenberatungen in 50 Jahren, ehrenamtlich

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Über 20.000 Rentenberatungen in 50 Jahren, ehrenamtlich

Von: Ingo Kalauz
Letzte Aktualisierung:
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50 Jahre schon ist Leo Niessen als Versichertenberater ehrenamtlich aktiv. „Jetzt ist Schluss“, sagt Ehefrau Helga. Aber sie wird sich wohl noch etwas gedulden müssen. Foto: Ingo Kalauz

Hückelhoven-Brachelen. Wie ist das, wenn einer wie er zurück blickt? 50 Jahre, mehr als ein halbes Menschenleben, ein halbes Jahrhundert schon berät der waschechte Brachelener Leo Niessen Menschen in einer für ihr weiteres Leben ganz entscheidenden Frage: Komme ich mit meiner Rente aus? Was kann ich mir im Alter noch leisten, wo muss ich Abstriche machen – komme ich überhaupt klar mit meiner Rente?

Soll man das, was Leo Niessen tut, einfach Tätigkeit nennen? Oder Arbeit? Sagen wir es so: Leo Niessen im Laufe seines Wirkens als Berater in Fragen der Rentenversicherung unzähligen Männern und Frauen mit Rat und auch mit Tat weitergeholfen. Ehrenamtlich, ohne von irgendwem dafür bezahlt zu werden.

Wie alles angefangen hat

Doch, natürlich kann er sich noch genau daran erinnern, wie alles anfing: „Ich war damals noch keine 30 und gerade Geschäftsführer der Deutschen Angestellten Krankenkasse, der DAK, in Lobberich geworden, als eine in meinen Augen alte, also wie das damals so üblich war, schwarz gekleidete Frau mit Kopftuch in die Geschäftsstelle kam und weinte.

Ihr Mann sei gestorben und sie werde jetzt von einer Behörde zur anderen geschickt, um das mit der Rente zu regeln. Die Frau war verzweifelt, ich musste ihr helfen. Also habe ich bei der Stadt angerufen und denen gesagt, dass das eine Unverschämtheit sei, wie sie mit der Frau umgingen. Da haben die gesagt: Wenn sie sich so für die Leute einsetzen, dann können sie ja auch Versichertenältester werden.“

Er wurde von seiner Krankenkasse für dieses Amt vorgeschlagen – und gewählt. Seitdem ist Leo Niessen ehrenhalber, also ohne Bezahlung, als Berater in Rentenfragen in Amt und Würden.

Es ist offenbar mehr Amt als Würde: „Wenn ich damals gewusst hätte, was für ein Wust an Regeln, Vorschriften und anderem bürokratischen Kram da auf mich zukommt...“ Er hätte es trotzdem gemacht. Denn Leo Niessen ist ein Zupacker, einer, der die Dinge nicht laufen lassen kann, sondern der die Sachen, die auf ihn zukommen, so gut es geht in die Hand nehmen will. Eine unerlässliche Hilfe dabei ist ihm Ehefrau Helga. „Sie ist sozusagen meine Sekretärin: Sie übernimmt das Telefon, sie hält mir den Rücken frei und macht die Termine fest.“

Diese Termine werden seit einiger Zeit an einem Wochentag gebündelt. „Bis vor kurzem war ich in der Woche sechs Tage unterwegs. Das kannst du mit 45 machen, aber nicht mehr mit fast 80. Da hab‘ ich dann selbst gesagt: Jetzt reicht‘s.“ Aber jeden Monat seien dann doch ein „paar Fälle“ dabei, „wo ich was ausmache, was schief gelaufen ist. Das repariere ich dann. Das macht mir Freude“, sagt er.

Erst vor kurzem hatte er so einen Fall, an den er sich noch sehr gut erinnert: „Da hatte ich bei einer alleinstehenden, geschiedenen Frau rund 1000 Euro Rente ausgerechnet. Damit hätte die Frau leben können. Als sie den Bescheid bekam, waren es aber nur 800 Euro Rente, die sie bekommen sollte. Da waren 200 Euro, die ihr zustanden, irgendwo verschwunden. Das wieder geradezubiegen, das reizt mich.“

Natürlich muss dem Experten diese Frage gestellt werden, sie brennt ja förmlich auf den Nägeln: Ist die Rente sicher? „Sicher. Im Augenblick ist die Rente sicher“, sagt Leo Niessen. Aber: „Das Rentenniveau ist seit den 1970er Jahren, als ich als Berater angefangen habe, bis heute schon stark gesunken“. Er plädiert für ein Rentensystem wie dem in der Schweiz, also einer Art Bürgerrente, in die alle Bürger des Landes, auch die Selbstständigen und Beamten, einzahlen: „Aber da traut sich ja keiner von den Politikern ran.“

„Wir sind jetzt seit 55 Jahren verheiratet, hat er Ihnen das gesagt?“, fragt Gattin Helga, nachdem sie wieder einmal den Hörer abgenommen, weil das Telefon geklingelt hat und ihm ein Glas Wasser bringt. Ja, hat er. Und er hat auch gesagt, dass sie es ist, die ihn drängt, „jetzt mal mit dem Schlussmachen ernst zu machen“. Auch, weil ihr Mann vor kurzem erst eine komplizierte Operation hinter sich gebracht hat.

Und das Amt des Versichertenberaters ist ja beileibe nicht das einzige, das Leo Niessen ehrenamtlich bekleidet hat oder in dem er noch immer aktiv ist: Richter am Sozialgericht, Posaunist im Musikverein seines Heimatortes, Geschäftsführer im Skatverein, Vorstand der Kevelaer-Bruderschaft Brachelen, und dann ist da auch noch seine Leidenschaft für das Briefmarkensammeln.

„Nur in die Politik wollte ich nie“, sagt er. So ganz allerdings konnte er dem Rufen nach ihm dann doch nicht widerstehen: „Als unsere drei Kinder klein waren, habe ich mich als Sachkundiger Bürger in den Schulausschuss und in den Kulturausschuss der Stadt Hückelhoven benennen lassen. Ein bisschen mitreden wollte ich da schon.“

Die Zeiten sind allerdings endgültig passé, eines der Kinder ist beruflich übrigens in die Fußstapfen des Vaters geschlüpft: Der Sohn arbeitet bei der DAK in Düren. „Im Großen und Ganzen“, sagt Leo Niessen, „würde ich alles wieder so machen. Ich bin mit mir im Reinen.“

Das mit dem Aufhören, mit dem „Schluss machen“ mit seinem Ehrenamt als Versichertenberater ist so ganz einfach allerdings nicht: „Alle sieben Jahre finden bei uns Sozialwahlen statt, die letzten waren am 14. Oktober. Die kriegen das zeitlich nicht so schnell hin, einen Nachfolger für mich aufzubauen. Jedenfalls nicht bis Ende des Jahres.“

Also hat Leo Niessen „denen“ zugesagt, vielleicht noch „ein halbes Jahr oder so“ dranzuhängen. „Ich denke, ich lasse das langsam ausklingen.“ Drei oder vier Jahre, so schätzt der versierte Fachberater braucht „ein Fremder“, um sich in die Materie einzufinden. Was noch nicht heißt, dass der sich dann auch zurecht findet:

„Ich mache im Jahr so zwischen 400 und 500 Rentenberatungen“, sagt Leo Niessen. Und das seit 50 Jahren: Das sind also zwischen 20.000 und 25.000 Gespräche über Sachlagen und Sachfragen über Problemfelder, Problemlösungen und so weiter ... Da hat sich ein Erfahrungsschatz angesammelt, auf den nur er zurückgreifen kann – und der sich auch nicht weitergeben lässt.

Unter Legenden

Leo Niessen steht damit irgendwie ja auch exemplarisch für den Alltag im Jahr 2017 in der Arbeitswelt der Bundesrepublik Deutschland: Es wird um ältere, qualifizierte Arbeitskräfte geworben, die Firmen suchen sich deren Erfahrungsschatz zu sichern. Bayern München zum Beispiel hat Jupp Heynckes zurückgeholt. Der ist als Trainer eine lebende Legende.

Ist Leo Niessen, der seit 50 Jahren ehrenamtlich aktive Versichertenberater in Sachen Rente, nicht inzwischen auch schon so etwas wie eine Legende? Da lacht er: „Das haben Sie gesagt.“

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