Heinsberg - TV-Drama: Wichtige Fragen bleiben weiter offen

TV-Drama: Wichtige Fragen bleiben weiter offen

Von: Rainer Herwartz
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Robert(Oliver Mommsen, li.) fühlt sich bestätigt: Sein Bruder Georg (Martin Feifel) soll erneut eine junge Frau überfallen haben. Das ist genau das, was nicht nur Roberts Freundin (Anna Schudt) befürchtet hat. Foto: SWR

Heinsberg. Die Menschen im Heinsberger Stadtteil Randerath dürften das TV-Drama „Ein offener Käfig“, das die ARD am Mittwoch ausstrahlte, so aufmerksam verfolgt haben wie kaum eines zuvor.

Die Geschichte des Sexualstraftäters Georg Dühring, der mehrfach Frauen auf brutalste Weise vergewaltigte, dafür eine langjährige Strafe absaß und nach seiner Freilassung für einige Zeit im Haus seines Bruders eine Bleibe sucht, fußte vom Grundsatz her auf dem Fall Karl D., der 2010 nicht nur die Randerather in Atem hielt.

Das solide gespielte Drama mit Martin Feifel und Oliver Mommsen in den Hauptrollen taugt zwar als Lehrstück, das zeigt, wie aus tief verwurzelten Ängsten in der Bevölkerung Aggressionen entstehen können, die eine Resozialisierung des Straftäters nahezu unmöglich machen. Doch die Wirklichkeit, wie sie sich in Randerath abspielte, vermochte der Film nicht zu erfassen. Reißerisch eingefügte Situationen wie die Prügelei nach einem Kneipenbesuch der Brüder oder das sich am Badesee bedrängt fühlende Mädchen waren reine Fiktion. Auch passte den Drehbuchautoren offenbar nicht ins Konzept, dass der wahre Bruder des Sexualtäters bei einer Stahlbaufirma als Lkw-Fahrer arbeitete. Da musste es schon der Eigner eines Autohauses sein, der eloquent im Gemeinderat und beim Feuerwehrfest um Verständnis für die Aufnahme seines Bruders bat. All dies hat es in Randerath nicht gegeben.

„Die Angst in der Bevölkerung war auch in Randerath festzustellen“, erinnert sich Heinz Franken. Er war damals noch der Ortsvorsteher des kleinen Örtchens. „Man sollte jedoch nicht alle, die öffentlich protestierten, als aggressiven Pöbel bezeichnen. Der Aufruf zur Besonnenheit, insbesondere bei der Bürgerversammlung in der Mehrzweckhalle, hatte ein erkennbar positives Verhalten zur Folge. Dazu trugen auch Landrat Stephan Pusch und der damalige Bürgermeister Josef Offergeld wesentlich bei.“ Am Ende war es in Randerath zu einem regelrechten Protest-Tourismus gekommen. Nicht mehr die Randerather selbst standen mit ihren Transparenten vor dem Haus, in dem Karl D. lebte, sondern Menschen, die eigens zu den Protestkundgebungen anreisten.

Die Dokumentation „Wieder draußen“ von Wolfgang Luck, die sich dem TV-Drama anschloss, verzichtete wohltuend auf spannungsgeladene Verzerrungen der Realität. Auch Bewertungen suchte man hier vergeblich. Der halbstündige Beitrag, in dem der Fall Karl D. nur einer von vielen war, wurde zu einer Dokumentation der Hilflosigkeit. Selbst die Frage, ob Sexualstraftäter überhaupt wirkungsvoll therapiert werden können, blieb unbeantwortet. Einerseits wurde eine Studie erwähnt, die im Falle einer Therapie die Rückfallquote um 30 bis 50 Prozent vermindert sah. Andererseits behauptete ein vorbestrafter Vergewaltiger im Interview, dass eine angeordnete Therapie überhaupt nichts bringe.

2009 kippte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die deutsche Praxis, eine nachträgliche Sicherungsverwahrung anordnen zu können. In der Folge wurden mit Karl D., dem zwei unabhängige Gutachten noch immer Gefährlichkeit bescheinigten, rund 80 Straftäter in Deutschland auf freien Fuß gesetzt. Für weite Teile der Bevölkerung und die Opfer eine schockierende Nachricht. Wie sie damit umgehen sollen, blieb auch nach dem ARD-Beitrag offen.

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