Trotz drückender Schulden zahlt Gagfah hohe Renditen

Von: Rainer Herwartz
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Heinsberg. Die letzten drei Mieter von ehemals 41 harren noch aus in der Heinsberger Obernburger Straße. Die Gagfah-Wohnblocks in der parallel gelegenen Erlenbacher Straße sind schon komplett geräumt.

Die spektakuläre Aktion, bei der insgesamt 66 Bürger in Heinsberg-Oberbruch innerhalb von nur vier Tagen ihr Zuhause verlieren sollten, nähert sich ihrem vorläufigen Ende. Der Immobilien-Riese aus Essen hatte die Blitzräumung mit einem Expertengutachten vom 13. Januar rechtfertigt, das aufgrund fortgeschrittener Rissbildung im Mauerwerk die Standsicherheit der Gebäude gefährdet sah.

Doch warum erkennen die Experten die immensen Schäden erst jetzt? Was hat sich in den letzten Monaten so dramatisch am Bauzustand verändert, dass eine fristgerechte Wohnungskündigung nicht mehr möglich ist? Warum wurde nicht versucht, die Bausubstanz zu erhalten? Wieso kann die Gagfah in einer Stellungnahme behaupten, „die Mieter waren zu keinem Zeitpunkt in ihren Wohnungen gefährdet?”

Nicht nur für die ehemaligen Bewohner bleiben viele Fragen unbeantwortet. Ähnlich erging es wohl den Mietern der Gagfah in Wiesbaden, die im August letzten Jahres ein vergleichbares Szenario erlebten. Dort waren es 47 Mietparteien, die in nur einem einzigen Tag ihre Wohnungen in der Manteuffel- und Blumenthalstraße verlassen mussten. Auch hier waren es Sicherheitsgründe, die ins Feld geführt wurden. Nicht Risse im Gemäuer der 50er-Jahre-Bauten, sondern aus Bimsstein gefertigte Decken waren wohl einsturzgefährdet. „Als verantwortungsvolles Wohnungsunternehmen hat die Sicherheit unserer Kunden oberste Priorität”, erklärt Gagfah-Sprecherin Bettina Benner.

Ein Bericht der Journalistin Monika Leykam von der „Immobilien Zeitung” in Wiesbaden lässt daran zweifeln. Demnach liegen die Instandhaltungsinvestitionen des Unternehmens für seine Gebäude derzeit bei 6,40 Euro pro Quadratmeter im Jahr - und damit „deutlich unter dem Vergleichswert des wichtigsten börsennotierten Wettbewerbers, der Deutsche Wohnen”. Neun bis zehn Euro sind nach Aussage von Branchenkennern der gängige Wert. Die Mietervereine quer durch die Republik berichteten laut Leykam über Kundenproteste gegen „schimmelige Wohnungen, Hochhäuser ohne Aufzüge, untätige Hausverwaltungen und verwahrloste Gemeinschaftsflächen in Gagfah-Quartieren”.

Im Gegensatz zu den Mietern haben die Anteilseigner der Gagfah-Group allerdings Grund zum Jubeln. Während der Konkurrent Deutsche Wohnen die Dividende gestrichen habe, um Schulden zu tilgen, halte Gagfah an seinen vierteljährlichen Dividenden mit einer Rendite von derzeit zwölf Prozent eisern fest.

Ein Blick auf die Schuldensituation der Gagfah ließe etwas anderes vermuten. Laut Immobilien-Expertin Leykam habe das Unternehmen letztes Jahr ein Wohnungsverkaufsprogramm im Volumen von 500 Millionen Euro aufgesetzt. Doch dies habe nur kurzfristig für Ruhe an der Schuldenfront gesorgt. „In drei Jahren werden rund 3,6 Milliarden Euro zur Rückzahlung fällig, 2014 weitere 1,6 Milliarden Euro.”

Leykam richtete ihr Augenmerk daraufhin über den Atlantik. In den USA sitze der den Wohnungskonzern Gagfah dominierende Hedgefonds- und Private-Equity-Manager Fortress. Fortress wiederum besitze seit 2006 das kanadische Unternehmen Intrawest, das bei den Olympischen Spielen im Februar in Vancouver Gastgeber der Abfahrtsläufe sein wird und nun einige Geldsorgen habe, meint Leykam. Einen Kredit über 524 Millionen US-Dollar, der kurz vor Weihnachten fällig gewesen sei, habe Intrawest nicht fristgerecht zurückzahlen können. Die Dividende der deutschen Gagfah werde also dringend gebraucht.
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