Trend zur Blutspende geht immer weiter zurück

Von: Nicola Gottfroh
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Horst Minkenberg ist seit seinem 18. Lebensjahr Blutspender aus Überzeugung. In Haaren gibt er bereits seine 124. Blutspende ab. Foto: Gottfroh

Waldfeucht-Haaren/Kreis Heinsberg. Läge der Geruch von Desinfektionsmitteln nicht in der Luft, würde Vampiren beim Betreten des Foyers der Verbundschule Haaren wohl das Wasser im Mund zusammenlaufen. Überall im Raum liegen Menschen mit Nadeln und Schläuchen in den Armen, aus denen das Blut aus ihren Körpern in ein kleines Plastiksäckchen geleitet wird. Exakt 528 Gramm Blut, das entspricht einem halben Liter, werden bei jedem abgezapft.

Auch Andreas Schülbe, Pressesprecher des Kreisverbandes des DRK, freut sich über den Anblick. Allerdings nicht ganz so wie ein Vampir und schon gar nicht übermäßig. Denn so viele Menschen wie sich die Blutspendeteams bei jedem Termin wünschen, kommen fast nie.

„Immer weniger Menschen gehen zur Blutspende“, bedauert Schülbe. Beinahe alljährlich werden die Blutreserven in den heißen Sommermonaten, insbesondere in den Ferien knapp. Die Spender, die regelmäßig kommen, sind bei vielen der angesetzten Termine im Sommer im Urlaub. Und verständlicherweise ziehen es viele Spender bei heißem Wetter vor, die Hundstage nicht auf der Krankenliege, sondern im Biergarten oder am See zu verbringen.

Operationen verschoben

„Manchmal werden die Blutkonserven in den Krankenhäusern im Sommer und in den Ferien sogar so knapp, dass die nicht lebenswichtigen Operationen, wie etwa Hüftoperationen, verschoben werden müssen“, berichtet Angela Becker vom DRK-Kreisverband. Sie überwacht für den DRK-Kreisverband Heinsberg die über 100 Blutspenden im Jahr. Das gespendete Blut bleibt übrigens in der Region. Nur in Ausnahmefällen wird das Blut Krankenhäusern beispielsweise in Bayern zur Verfügung gestellt. Das hat einen Grund. „Wir sind schon froh, wenn wir unsere eigenen Krankenhäuser versorgen können. Und dort wird der Bedarf aufgrund der Altersentwicklung der Gesellschaft und den Fortschritten in der Medizin noch weiter ansteigen.

Vor diesem Hintergrund sei der Einbruch bei den Blutspendern in den letzten Jahren besonders dramatisch, heißt es vom Blutspendedienst. 2012 ging die Zahl der Erstspender im Gebiet des Blutspendedienstes West gegenüber dem Vorjahr um rund 8500 Personen zurück.

Der in Haaren ist im Gegensatz zu vielen anderen verhältnismäßig gut besucht, sind sich Becker und Wolfgang Oste, Mitarbeiter eines der 16 mobilen Blutspendeteams des Zentrums für Transfusionsmedizin Breitscheid, einig. Es gebe aber auch Aktionen, so Oste, zu denen das Blutspendeteam aus Breitscheid anreise, stundenlang die Liegen und das technische Equipment aufbaue, die Mitarbeiter des jeweiligen Ortsverbandes Hunderte Brötchenhälften schmierten, an deren Ende aber nicht einmal eine Handvoll Spender kämen. „Dann ist man natürlich deprimiert, wenn man nach Hause geht“, sagt Oste.

„Es ist leider so: Der Trend zur Blutspende geht insgesamt zurück“, sagt Becker. Derzeit sei es so, dass die älteren Spender die Jungen mit ihrem Blut retten. Das durchschnittliche Alter der Spender liege mittlerweile zwischen 40 und 50 Jahren. „Doch die langjährigen Blutspender werden immer älter und fallen irgendwann aus gesundheitlichen Gründen ganz weg“, erklärt sie. „Es ist unheimlich schwer, Nachwuchs zu mobilisieren – trotz der vielen Kampagnen und Aufrufe, die wir starten“, erklärt Becker. „Die meisten jungen Erstspender bleiben einfach nicht hängen.“

Das hat verschiedene Ursachen: Gesellschaftlicher Wandel, berufliche Veränderungen und geändertes Freizeitverhalten führen dazu, dass immer weniger junge Menschen den Weg zu den Spendeterminen finden.

Und auch Medizin-Skandale leisten ihren Beitrag dazu, die Menschen abzuschrecken. So wie im vergangenen Jahr der Organspendeskandal. Das hat zwar alles nichts mit der Blutspende zu tun – trotzdem werden solche Themen zum Anlass genommen, verhalten zu reagieren.

„Ich denke, vielen Menschen ist die Bedeutung, die hinter dem Blutspenden steht, gar nicht klar. Es kommt meist erst zu einem Umdenken, wenn jemand aus der eigenen Familie selbst einmal Blut benötigt hat“, weiß Andreas Schülbe.

Bereitschaft wird vererbt

Aber es gebe auch Familien, da würde die Bereitschaft zur Spende praktisch vererbt. „So wie bei dieser Familie“, sagt Becker und zeigt auf zwei spielende Kinder, die um ihre Mutter, die gerade auf ihrer Liege Blut lässt, herumtollen. „Vielleicht werden diese Kinder eines Tages auch zur Blutspende gehen – weil ihre Mutter mit gutem Beispiel vorangegangen ist“, so Becker.

Auch bei Horst Minkenberg liegt das Blutspenden in der Familie. Er ist Blutspender aus Überzeugung. An diesem Tag gibt er seine 124. Spende ab, auch sein Bruder gehört zu den Blutspendern. Seitdem er 18 Jahre alt ist, sucht er mehrmals im Jahr die mobilen Teams aus Breitscheid auf. Inzwischen ist er 60 und immer noch bereit für den Aderlass, der anderen Menschen das Leben retten kann.

„Ich finde die Blutspende richtig und wichtig. Ich stelle mir immer vor, was geschehen würde, wenn ich selbst einmal Blut bräuchte und niemand hätte für mich spenden wollen“, sagt er. Auch die übrigen Blutspender, die sich in der Haarener Schule auf den Liegen abwechseln, empfinden es als Humandienst, das Blut, das man nicht künstlich herstellen kann, zu spenden.

Aber es muss nicht immer das Mitgefühl sein, das die Menschen zur Spende bringt. „Immerhin kann Blutspenden gesund sein. In früherer Zeit wurden die Menschen ja schließlich auch zur Ader gelassen“, sagt Minkenberg. Es gebe auch immer wieder Spender, denen der Arzt den Gang zur Blutspende empfohlen habe. Ein Glück für diejenigen, die es später brauchen. Immerhin, so schätzen Experten, brauchen 80 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen einmal in ihrem Leben eine Bluttransfusion.

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