Erkelenz-Keyenberg - Tour de France: Wie ein großes Volksfest am Straßenrand

Tour de France: Wie ein großes Volksfest am Straßenrand

Von: Daniel Gerhards
Letzte Aktualisierung:
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Ein kurzer Blick auf die Radprofis. Foto: Günter Passage (3), Daniel Gerhards (3)
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Das große Feld der Tour-Teilnehmer rollt an Keyenberg vorbei. Foto: Günter Passage (3), Daniel Gerhards (3)
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Zuvor konnten sich die Zuschauer bereits die Werbekarawane mit anschauen. Foto: Günter Passage (3), Daniel Gerhards (3)
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Am Rande der Strecke: Die Familien Malhofer und Striewe genießen den Tag im Zeichen der Tour de France. Foto: Günter Passage (3), Daniel Gerhards (3)
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Schon die bunten Wagen der Werbekarawane sind ein beliebtes Fotomotiv für die vielen Besucher. Foto: Günter Passage (3), Daniel Gerhards (3)
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In Wanlo demonstriert der BUND gegen den Braunkohletagebau Garzweiler. Foto: Günter Passage (3), Daniel Gerhards (3)

Erkelenz-Keyenberg. Am Ende ist es viel zu schnell vorbei. Es dauert nur wenige Sekunden, dann sind die rund 200 Radprofis, die im Feld der Tour de France fahren, schon wieder am kleinen Örtchen Keyenberg vorbei. Hunderte Menschen jubeln den Fahrern an der Kreuzung von Borschemicher Straße und Landesstraße 227 am Sonntagmittag zu.

Die Tour de France, das renommierteste Radrennen der Welt, rollt für ein paar Minuten über den Boden des Kreises Heinsberg. Für die Zuschauer ein großes Erlebnis.

Thorsten Malhofer und seine Familie haben in dem Moment, in dem die Radprofis vorbeirauschen, schon einen langen Tour-Tag hinter sich. Mit Kind und Kegel und der befreundeten Familie von Juliane Striewe beziehen sie um 10.30 Uhr Stellung am Streckenrand. „Für die Kinder ist das super. So etwas erlebt man so schnell nicht wieder“, sagt Malhofer. Und die Familien Striewe und Malhofer zelebrieren diesen Tag. Sie haben Stühle, einen Tisch, jede Menge Verpflegung und Fahnen dabei. Und auf dem Anhänger ihres Autos steht sogar ein Grill: „Den werfen wir gleich an“, sagt Malhofer.

Während die Würstchen brutzeln, versammeln sich immer mehr Zuschauer am Straßenrand. Viele Familien mit Kindern sind dabei, auch Senioren bauen ihre Stühle am Straßenrand auf. Die Atmosphäre hat etwas von einem großen Volksfest am Straßenrand.

Auch Peter Jansen, der Bürgermeister von Erkelenz, ist nach Keyenberg gekommen – mit dem Rad versteht sich. Und Jansen freut sich, dass die Tour an diesem Tag für sechs Kilometer über Erkelenzer Stadtgebiet rollt. „Gefühlt kommt das alle paar Jahrzehnte vor, dass die Tour mal in Deutschland startet. Wenn sie dann auch noch zu uns kommt, ist das schon ein großer Event“, sagt er.

Ein noch größeres Fest – vielleicht im Herzen der Innenstadt – wollte Jansen daraus aber nicht machen. Dafür hätte man sich offiziell dem Tour-Veranstalter anschließen müssen. Und das wäre kostspielig geworden. 50 000 Euro hätte es die Stadt gekostet, als offizieller Teilnehmer dabei zu sein, sagt Jansen. Mit allen Folgekosten wäre man schnell bei Ausgaben von 100 000 Euro gelandet, sagt er. „Ich stehe nach wie vor zu dieser Entscheidung“, sagt Jansen.

In Verbindung mit dem Niederrheinischen Radwandertag, dessen Erkelenzer Veranstaltung seit dem Morgen in Keyenberg stattfindet, sei das eine große Sache für den kleinen Ort, sagt Jansen. Ob noch einmal so viele Besucher dorthin kommen werden, ist fraglich. Denn in einigen Jahren wird es ihn nicht mehr geben. 2023 soll er abgebaggert werden. Die Tour rollt also nicht nur wenige Hundert Meter am Braunkohletagebau Garzweiler vorbei. Sie fährt durch einen Landstrich, der verschwinden soll.

Ein „wirklich einmaliges Erlebnis“

„Für Keyenberg ist das ein Fest. Wir werden es nicht noch einmal erleben, dass die Tour hier entlang kommt“, sagt Michael Königs. Er ist aus Kaulhausen, wenige Kilometer von Keyenberg entfernt, gekommen, um sich das Radrennen anzuschauen. Dass es ein „wirklich einmaliges Erlebnis“ ist, die Tour an der Kreuzung zwischen Keyenberg und dem bereits weitgehend abgerissenen Borschemich zu sehen, bezieht er auch darauf, dass diese Orte vom Kohlebagger abgegraben werden sollen.

Als dann die Werbekarawane, die den Radrennfahrern vorausgeht, vorbeikommt, ist Königs etwas enttäuscht. Zwar sind die Autos, die in einem Affenzahn und mit lauter Musik zwischen den Zuschauern hindurch fahren, mit ihren großen bunten Aufbauten echte Hingucker, aber zwischen Rheinland und Niederrhein ist man aus dem Karneval mehr gewohnt. Die freundlich winkenden Markenbotschafter werfen kaum Werbegeschenke in Richtung Zuschauer. „Kamelle verstehen die wohl nicht“, sagt Michael Königs und lacht.

Weit weniger zum Lachen ist es Dirk Jansen zu mute. Er ist Landesgeschäftsleiter des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Jansen steht nahe der Kreisgrenze in Mönchengladbach-Wanlo, dort organisiert er eine Anti-Kohle-Demonstration, bei der er und seine Mitstreiter eine „rote Linie“ ziehen wollen. „Wir wollen ein klares Zeichen setzen“, sagt Jansen. „Die Tour führt hier nicht durch eine blühende Tourismuslandschaft, sondern durch ein ökologisches Notstandsgebiet“, sagt er.

Und weil Braunkohle der Klimakiller Nummer eins sei, legen die Kohlekritiker einen großen roten Pfeil auf einer Wiese aus. Er deutet auf den nahen Tagebau und trägt die Aufschrift „Coal kills“, Kohle tötet. „Es gibt keinen größeren Eingriff in die Ökologie und die sozialen Strukturen als den Braunkohletagebau. Hier wird eine Jahrtausende alte Kulturlandschaft für einen Energieträger zerstört, den wir nicht brauchen“, sagt Jansen.

Nach Angaben der Polizei Mönchengladbach nehmen an der BUND-Demonstration 60 Leute teil, sechs weitere demonstrieren an der Keyenberger Kreuzung. Es bleibt bei einigen friedlichen Protesten. Größere Zwischenfälle meldet die Polizei nicht.

Als die Ausreißergruppe und etwa zwei Minuten später das große Feld an Keyenberg vorbeirauschen, kommt auch noch das, was sich schon den ganzen Tag am Himmel angekündigt hatte: Regen. Die Zuschauer scheint das nicht zu stören. Zu lange hatten sie auf diesen Moment gewartet. Sie genießen den kurzen Blick auf die Größen des Radsports.

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