Tödliche Ablenkung Handy: Der Blick, der das Leben ändern kann

Von: Daniel Gerhards
Letzte Aktualisierung:
heinsberg
Bei der Kontrollaktion ging es der Polizei nicht darum, Bußgelder zu verhängen. Einige Autofahrer wurden aber trotzdem zur Kasse gebeten. Wer mit dem Handy am Steuer erwischt wurde, musste 60 Euro bezahlen und bekam neben dem Bußgeldbescheid auch einen Punkt in Flensburg.
heinsberg
Sven Aretz, 16 Jahre, hat einen schlimmen Unfall hinter sich: Er schaute auf sein Handy, hatte Kopfhörer im Ohr und ging über die Straße. Er wurde frontal von einem Auto erfasst und erlitt schwere Verletzungen. Später traute er sich lange nicht mehr auf die Straße.
heinsberg
Mobiltelefone können immer mehr, ständig kommen SMS, andere Kurznachrichten, E-Mails und Anrufe an. Das lenkt Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer ab. Schätzungen zufolge geht jeder dritte Unfall darauf zurück, dass ein Verkehrsteilnehmer abgelenkt war.
heinsberg
Die Polizei hatte eine große Kontroll- und Infostelle auf dem Heinsberger Markt aufgebaut. Dabei ging es in erster Linie darum, Fußgänger, Auto- und Radfahrer zu sensibilisieren. Jeder solle sich über die Gefahren bewusst sein, die auftreten, wenn man unaufmerksam ist.
heinsberg
Norbert Schröders, Leiter der Verkehrsunfallprävention der Heinsberger Polizei, sprach ein Mädchen an, das ihr Fahrrad mit einer Hand lenkte und mit der anderen Portion Pommes Frites aß. „Sie hat gleich eingesehen, dass das gefährlich ist.“ Insgesamt sei die Aktion sehr erfolgreich gewesen.

Heinsberg. Eigentlich war es ein Abend wie jeder andere. Aber für Sven Aretz änderte sich am 9. Dezember 2014 von einem Moment auf den anderen sein ganzes Leben. Der 16-Jährige war unterwegs zur Hauptschule in Übach-Palenberg-Boscheln. Dort wollte er sich mit Freunden treffen. In den Ohren hatte er Kopfhörer, in der Hand sein Smartphone. Er tippte eine Whats-App-Nachricht.

Ohne aufzublicken ging er über die Roermonder Straße – und wurde frontal von einem Auto erfasst. Der Unfall von Sven Aretz kann beispielhaft für das stehen, was passieren kann, wenn man sich achtlos im Straßenverkehr bewegt. Das gilt für Fußgänger genauso wie für Rad- und Autofahrer.

Die polizeiliche Unfallstatistik für NRW listet zwar gerade einmal 144 Unfälle, die auf die Nutzung des Handys am Steuer zurückzuführen sind, aber die Dunkelziffer ist laut Norbert Schröders, Leiter der Verkehrsunfallprävention der Heinsberger Polizei, weit höher: „Fachleute schätzen, dass ein Drittel der Unfälle unmittelbar oder zumindest mittelbar mit Ablenkung zu tun haben“, sagte er.

Die Folgen können schlimm sein. Das musste Sven Aretz am eigenen Leib erfahren. Als er angefahren wurde, erlitt er einen Schock und schwere Verletzung. Unter anderem einen Schädelbasisbruch und ein Schädelhirntrauma. Nach zehn Tagen im Krankenhaus und anschließender Reha kam er nach Hause. Danach traute er sich kaum noch vor die Tür. „Ich konnte nicht über die Straße gehen, nicht im Auto mitfahren“, sagt er.

Schon Anfang des Jahres hatte die Heinsberger Polizei angekündigt, etwas gegen Ablenkung im Straßenverkehr tun zu wollen. Am Donnerstag bauten die Beamten eine Kontroll- und Informationsstelle auf dem Heinsberger Markt auf. Die Polizisten winkten Autofahrer heraus, die offenkundig abgelenkt waren, sie sprachen Fußgänger und Radfahrer an.

Gerade die Gespräche mit Passanten seien enorm wertvoll gewesen, sagt Schröders. „Fußgänger und Radfahrer begreifen ihr Fehlverhalten nicht“, sagt er. Deshalb sei man froh, sie auf diesem Weg zu erreichen. Und gerade die Heinsberger Hochstraße sei für abgelenkte Fußgänger gefährlich. Offiziell ist in der Einbahnstraße zwar nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt, aber abgesehen davon, dass sich nicht jeder daran hält, dürfen Radfahrer dort in beide Richtungen fahren. Das beachten viele Fußgänger nicht.

Im direkten Gespräch könne man Leute für die Gefahren sensibilisieren, die aus Ablenkung resultieren. Und damit meint Schröders nicht nur das mittlerweile allgegenwärtige Smartphone. Auch Beifahrer, Tiere im Auto, das Navigationssystem und Essen am Steuer können ablenken. „Mit einem Burger auf dem Schoß kann man keine Vollbremsung machen“, sagt er.

Laut Schröders muss man nicht einmal lange abgelenkt sein, um sich und andere zu gefährden. Seine Rechnung: Wenn man bei Tempo 50 kurz auf sein Handy schaut, ist man zwei Sekunden abgelenkt. Und das bedeutet 30 Meter Blindflug. Ein kurzer Blick, der das Leben verändern kann.

60 Euro Bußgeld

So ein Fehlverhalten ist laut Gesetz ein klarer Fall: 60 Euro Bußgeld plus einen Punkt in Flensburg. Für Fahranfänger bedeutet das zudem eine Nachschulung. Wer sein Handy auf dem Rad nutzt, muss mit einem Verwarnungsgeld in Höhe von 25 Euro rechnen.

Für Sven Aretz ist klar, dass er nun aufmerksamer über die Straße geht. Ganz überwunden hat er den Schock seines Lebens zwar noch nicht. Aber dank der Hilfe des Verkehrsunfallopferschutzbeauftragten Frank Meuffels traut er sich wieder hinaus. Er musste wieder ganz klein anfangen: Sie übten über die Straße zu gehen, auf den Verkehr zu achten.

Mit Erfolg: Sven Aretz geht wieder raus. Im Sommer wechselt er von der Hauptschule in Boscheln zur Gesamtschule in Merkstein. Beinahe hätte seine kurze Unaufmerksamkeit verhindert, dass er jemals eine gymnasiale Oberstufe besucht.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert