Thema Kohle: Emotionsgeladene Podiumsdiskussion

Von: kalauz
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Im Gasthof „Zum krummen Ochsen“: Moderator Andreas Vollmert (links stehend) ging bei der Diskussion auf die zahlreichen Zuhörer zu und ließ sie zu Wort kommen. Foto: kalauz
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Sie standen auf dem Podium bei der Diskussion in Holzweiler: Hilmar Höhn (IG BCE), Hans Josef Dederichs von der Bürgerinitiative „Stop Rheinbraun“, Dirk Jansen, Geschäftsleiter vom BUND in NRW, Reiner Priggen von der Landtagsfraktion der Grünen und der Erkelenzer Bürgermeister Peter Jansen (v. l. n. r.). Foto: kalauz

Erkelenz-Holzweiler. „Heute diskutieren wir, morgen zeigen wir Flagge“ , sagt Josef Tumbrinck zur Begrüßung den Gästen, die zur Podiumsdiskussion zum Thema „Wie viel Kohle verträgt das Klima?“ gekommen sind. Und der NRW-Landesvorsitzende vom Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) blickt im Gasthof „Zum krummen Ochsen“ an der Kirche in Holzweiler auf einen proppevollen Saal.

Allerdings findet er auch klare Worte dafür, dass niemand von den SPD und auch keiner von RWE bereit gewesen sei, die Runde zu vervollständigen: „Die drücken sich, und das ist sehr traurig.“ Die Diskussion, bei der der Erkelenzer Bürgermeister Peter Jansen, Hilmar Höhn, Abteilungsleiter Politik bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Reiner Priggen, Landtagsabgeordneter von Bündnis 90 / Die Grünen in Düsseldorf, Hans Josef Dederichs von der Bürgerinitiative „Stop Rheinbraun“ sowie Dirk Jansen, Geschäftsleiter vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Nordrhein-Westfalen, das Podium bilden, ist als Auftaktveranstaltung zur großen Anti-Kohle-Kette am Rand des Braunkohletagebaus Garzweiler II am folgenden Tag angelegt. Moderiert wird die Diskussion von Andreas Vollmert, der seinen Part ebenso sachkompetent wie souverän und überdies ausgesprochen charmant ausfüllt.

Einigkeit trotz doch unterschiedlicher Ausgangspositionen in Sachfragen herrscht bei allen Beteiligten darin, dass die Diskussion um die Zukunft des Braunkohletagebaus in den vergangenen Tagen mächtig befeuert worden ist – seit Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel einen Klimabeitrag für alte und besonders schmutzige Kohlekraftwerke in die Diskussion gebracht hat. Reiner Priggen („Ich sehe keine liquiden Rückstellungen bei RWE, wie das bei der Steinkohle der Fall ist“) bringt es auf den Punkt: „Wenn Gabriel sich durchsetzt, ist damit die Götterdämmerung der Braunkohle eingeleitet.“ Dem widerspricht in der Substanz niemand.

Aber, auch darin herrscht Konsens: Der „Ausstieg“ müsse als Prozess betrachtet werden, die Fördermenge Zug um Zug reduziert, ein Umstrukturierungsprozess ähnlich dem in der Steinkohle auf den Weg gebracht werden. Aus dem Publikum wird das Beispiel des benachbarten Hückelhoven genannt, wo man es in 20 Jahren geschafft habe, diesen Ausstieg aus der Steinkohle positiv zu gestalten.

Respekt für den „Buhmann“

Einen schweren Stand in der Diskussion hat von Anfang an der Gewerkschaftsvertreter Hilmar Höhn („Unsere Leute buddeln nicht nur aus Lust Löcher in den Boden. Wir sind aber auch nicht nur die Kohlegewerkschaft!“). Zum einen, weil er bei der Frage der Arbeitsplätze, die durch einen möglichen vorzeitigen Stopp für die Braunkohle auf dem Spiel stehen, mit Zahlen operiert, die von den anderen Teilnehmern sowohl auf dem Podium als auch im Saal massiv in Frage gestellt werden. Die Zahl von 100.000 Arbeitsplätzen, die die Gewerkschaften auf dem Spiel stehen sehen, sei völlig unrealistisch. Reiner Priggen: „Verdi-Chef Bsriske erhofft sich damit nur mehr Zulauf für seine Gewerkschaft.“

Bürgermeister Peter Jansen: „Das ist reine Panikmache von RWE und den Gewerkschaften. Eine Frechheit ist das!“ BUND-Mann Dirk Jansen („Den Slogan ,Hände weg von der Kohle‘ der Gewerkschaften könnte ich glatt unterschreiben!“) erinnert daran, dass im Rheinischen Revier vor wenigen Jahren 10 146 Arbeitsplätze gezählt worden seien, und spricht von „rund 20.000 Arbeitsplätzen insgesamt“. Der IG BCE-Funktionär Hilmar Höhn wird an diesem Abend, so formuliert es Moderator Andrea Vollmert, zum „Buhmann“. Gleichwohl zollt man ihm Respekt für den Mut, den Weg „in die Höhle des Löwen“ gewagt zu haben. Mut, den andere nicht aufgebracht haben.

Hans Josef Dederichs („Ich bedaure sehr, dass es keine direkte Vertretung der Bürger in Braunkohleangelegenheiten gibt!“), von Beginn an aktiv im Widerstand gegen Garzweiler II, wirft ein, dass in den vergangenen Jahren nur die erneuerbaren Energien den Energiemarkt bereichert hätten. Als er daraus folgert, man könne an den Kraftwerken rumschrauben wie man wolle, „die Braunkohle hat keine Zukunft“, erhält er starken Applaus.

Dank der umsichtigen Moderation von Andreas Vollmert, der mit dem Mikro in der Hand runter an die Tische geht, um dort Fragen einzufangen, werden auch teilweise sehr detaillierte, gleichwohl konkrete Probleme für die Menschen vor Ort angesprochen. Patentlösungen, auch das wird an diesem Abend wider sehr deutlich, gibt es bei einer so vielschichtigen Problematik allerdings nicht. Freilich wurde ein Konsens offenbar, den man in der Deutlichkeit nicht erwarten konnte: Der Grüne Reiner Priggen und der CDU-Mann Peter Jansen sind in ihren auch politischen Einschätzungen so nahe beieinander, dass Priggen Jansen gar einen „Bruder im Geiste“ nennt.

Viel Applaus für EigenArt

Das Duo EigenArt sorgt eingangs und am Ende der naturgemäß emotionsgeladenen, nie aber ins Unsachliche abgleitenden Diskussionsrunde dafür, dass die Thematik der Umsiedlung und des Tagebaus auch musikalischen Ausdruck findet. Das ist sicher nicht leicht, die drei Damen treffen mit ihren Stücken aber genau den Nerv des Publikums, das sie mit fast ­frenetischem Applaus dafür belohnt.

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