Hückelhoven-Baal - Tafel-Depot ist mehr als nur ein Kaufhaus

Tafel-Depot ist mehr als nur ein Kaufhaus

Von: Ingo Kalauz
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Ein Teil der Mitarbeiter im Tafel-Depot in Baal in der Ottostraße 15. Mit dabei ist Franz Schotten (3.v.l.), der den neuen Flyer für die Hückelhovener Tafel entworfen hat. Foto: Kalauz (2), Stefan Klassen
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Ein Teil der Mitarbeiter im Tafel-Depot in Baal in der Ottostraße 15. Mit dabei ist Franz Schotten (3.v.l.), der den neuen Flyer für die Hückelhovener Tafel entworfen hat. Foto: Kalauz (2), Stefan Klassen

Hückelhoven-Baal. Preise sind das, davon kann man nur träumen: Textilien 50 Cent pro Teil, Schuhe kosten einen Euro, zehn Teile Porzellan 3,50 Euro. Das Depot der Hückelhovener Tafel in der Otto-straße 15 in Baal ist ein richtiges Kaufhaus, das sich mit einem breiten Angebot seit der „Eröffnung“ im Frühjahr des Jahres einen festen Kundenstamm aufgebaut hat.

„Wenn wir hier mittwochs um 13.30 Uhr die Ausgabe öffnen, sind bei Schließung um 16.30 Uhr locker 1000 bis 1500 Teile über die Kassentheke gegangen“, sagt Ralf Eichenauer. Zusammen mit seiner Frau Monika hat der im Hauptberuf als selbstständiger Werbefachmann erfolgreiche Hückelhovener ehrenamtlich die Leitung dieses „Ablegers“ der Hückelhovener Tafel in den Räumen eines früheren Kostümverleihs übernommen.

Sechs Monate lang hatte die Stadt mit den Inhabern, die das Geschäft Ende Mai vergangenen Jahres aus Altersgründen aufgegeben haben, verhandelt, ehe die Stadt Hückelhoven den Gebäudekomplex samt Inventar gekauft hat. Auch, um Wohnraum für die im vergangenen Jahr wöchentlichen Zuweisungen von Asylsuchenden anbieten zu können.

Die vorhandenen Vitrinen, Regale, Truhen, Einkaufswagen, Kleiderständer, Umkleidekabinen, Schaukästen, Kleiderbügel und andere Teile der Ladenausstattung wurden von der Tafel mit Kusshand übernommen: Sie bilden jetzt das Herzstück des Kaufhauses mit einem breiten Angebot für die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens.

„Wir trennen hier nicht zwischen Flüchtlingen und anderen Tafel-Kunden. Unsere Klientel sind bedürftige Menschen. Und deren Zahl nimmt in Hückelhoven stetig zu“, sagt Heinz-Josef Schmitz. Der Leiter der Hückelhovener Tafel, die am 9. Mai 2005 als gemeinnütziger Verein gegründet wurde und deren Schirmherr übrigens Bürgermeister Bernd Jansen ist, war bis zu seiner Pensionierung Anfang des Jahres Leiter des Sozialamtes der Stadt, er kennt die Problematik aus dem Effeff.

„Hartz-IV-Empfänger, Altersarmut, alleinerziehende Mütter, Grundsicherungsempfänger, Rentner, Flüchtlinge – wir können uns über mangelnden Zulauf wirklich nicht beklagen“, sagt er.

Das Tafel-Depot in Baal ist aber weit mehr als nur ein Kaufhaus, das intensiv auch von Flüchtlingen aufgesucht wird. Es ist ganz augenscheinlich auch ein Ort, an dem Integration real gelebt und soziales Miteinander praktiziert wird. „Zehn Flüchtlinge sind fest in das Team integriert.

Die sorgen dafür, dass der Betrieb hier reibungslos ablaufen kann“, sagt Ralf Eichenauer. Sie wissen, wo welche Sachen zu finden sind, und haben sich besonders als Dolmetscher unentbehrlich gemacht. „Viele kommen aus Syrien und haben dort eine weiterführende Schule besucht oder sogar studiert“, sagt Eichenauer.

Seine Frau Monika „übersetzt“ in die andere Richtung: Die Vermittlung bei auftretenden Schwierigkeiten oder bei Terminabsprachen zwischen den deutschen Ämtern und den Flüchtlingen nur als Beispiel gehört bei ihr zu den Alltäglichkeiten ihrer Arbeit im Depot.

An vielen Stellen im Gebäude stehen Menschen offenbar verschiedener Ethnien und unterschiedlicher Nationalitäten zusammen und quatschen und trinken Kaffee – während sich ein paar tausend Kilometer südlich sich ihre Landsleute und Menschen anderer Interessengruppen die Köpfe einhauen. „Wir leben miteinander, also auch bei der Tafel“, sagt Eichenauer. Und setzt damit den Punkt.

Natürlich würde das Depot-Kaufhaus ohne die Mitarbeit der etwa 30 Ehrenamtlichen aus Hückelhoven nicht so reibungslos (Heinz-Josef Schmitz: „Es gab hier noch nie nennenswerte Zwischenfälle“) funktionieren: Siegrid Rembges etwa ist im Kaufhaus für die Haushaltswaren zuständig; Horst Breker betreut die Abteilung Bekleidung; ums Porzellan kümmert sich Dieter Rodenbücher – um nur einige namentlich zu nennen.

„Das Depot ist in den wenigen Monaten seit dem Bestehen zu einer großen Institution geworden“, sagt Ralf Eichenauer. „Hier wird mächtig was umgeschlagen.“ Das Gefühl etwas, und sei es auch nur für einen Euro, gekauft zu haben, meint er, sei für „seine Kunden“ besser als das, etwas geschenkt bekommen zu haben.

Heinz-Josef Schmitz weist darauf hin, dass das „Kerngeschäft“ der Hückelhovener Tafel weiterhin die Essensausgabe im Friedrichplatz 9 in Hückelhoven bleiben wird. „Wir haben da im Monat etwa 1600 Leute, die wir an drei Tagen in der Woche mit Lebensmitteln versorgen“, sagt Karin Buchholz, die seit Jahren für die Essensausgabe der Hückelhovener Tafel Zuständige. „Und auch das werden beständig mehr.“ Rund 70 ehrenamtliche Mitarbeiter stehen ihr bei der Essensausgabe zur Seite.

Als Schmitz den Vorsitz der Tafel in Hückelhoven übernommen hat, war sein erklärtes Ziel, ein Netzwerk der Hilfe mit anderen Tafeln im Kreis Heinsberg aufzubauen. Daran hält er fest: „Wir wollen das, was wir an Hilfe in Hückelhoven leisten, weiter ausbauen. Aber wir geben gerne auch an andere Tafeln ab, wenn wir das können.“

Für Süsterseel beispielsweise habe man sofort aus dem eigenen Hückelhovener Bestand Mobiliar und Kleidung oder Kinderspielzeug zur Verfügung gestellt, als man sah, dass die Tafel dort bei der Zuweisung ihrer Flüchtlinge hoffnungslos überfordert war. „Die hatten nichts“, so Schmitz.

Auf die Hilfe der Bevölkerung ist natürlich auch die Tafel in Hückelhoven angewiesen – sowohl was die Spenden der Supermärkte, Discounter, Bäckereien, Metzgereien, Getränkefachhändler oder aus der Agrarwirtschaft als auch was die Kleider- sowie sonstigen Sachspenden angeht. Dass es da nicht zu Engpässen kommt, davon ist Heinz-Josef Schmitz fest überzeugt: „Die Hückelhovener helfen gerne.“

„Man lernt hier jeden Tag sehr, sehr viel. Die Arbeit im Tafel-Depot in Baal ist für mich und meine Frau zur Leidenschaft geworden“, sagt Ralf Eichenauer und weist dabei mit der Hand einer Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm den Weg in die Abteilung mit den Stramplern. Die ist da, wo es auch das Kinderspielzeug gibt.

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