Student mit Durchblick schafft klare Sicht

Von: Nicola Gottfroh
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Der Maschinenbaustudent Alexander Groß optimiert im Rahmen seines Praxisprojektes bei der Firma Semco-glas in Wassenberg eine Waschanlage für Glasscheiben. Damit bietet das Unternehmen dem Studenten eine besondere Chance, schon als Student Berufserfahrung zu sammeln. Fotos (6): Gottfroh Foto: Gottfroh

Wassenberg. Im Studium den Durchblick zu behalten, das wissen viele aus eigener Erfahrung, ist nicht immer leicht. Alexander Groß, Maschinenbaustudent im 6. Semester an der FH Aachen, kann nun im Rahmen eines Praxisprojektes unter Beweis stellen, dass er ihn hat. Und das in einem Unternehmen, in dem sich passenderweise alles um den ungetrübten Durchblick dreht.

Im Rahmen seines Praxisprojektes absolviert er ein Praktikum beim Wassenberger Unternehmen Semcoglas GmbH. Und dabei schaut er nicht nur den 65 Mitarbeitern, die die tagtäglich rund 1000 Glasscheiben für Fenster, Wintergärten und Fassaden fertigen zu, sondern muss selbst zum „Glasexperten“ werden.

Denn der 26-Jährige hat sich vorgenommen, den Produktionsprozess von Isolierglas zu optimieren. Seine Aufgabe: eine neue Steuerung für eine Scheibenwaschanlage entwickeln.

Die ist für die Produktion der Glasscheiben von großer Bedeutung: Denn die Isolierverglasung, die das Unternehmen fertigt, ist aus zwei Scheiben zusammengesetzt. Zwischen den Scheiben befindet sich ein Hohlraum, der am Ende der Produktionskette luftdicht verschlossen ist und der Wärmedämmung dient.

„Nicht auszudenken, wenn auf einer Scheibe im Innenbereich Schmutz oder ein dicker Fingerabdruck wäre. Da könnte man putzen soviel man will – den Fleck bekäme man nie wieder weg“, sagt Alexander Groß und grinst.

Deshalb müssen die Scheiben, bevor sie zusammengepresst und damit hermetisch abgeschlossen werden, blitzeblank sauber sein. Das übernehmen nicht geübte Fensterputzer mit Muskelkraft, sondern zwei Maschinen – vollautomatisch. „Und das machen sie sehr gut – und völlig streifenfrei“, findet Groß. „Das Problem ist allerdings: eine der beiden Maschinen, unsere Lisec, ist aus dem Jahr 1989 und schon in die Jahre gekommen.“

Das bedeute freilich nicht, so betont der Student, dass es ihr nicht mehr gelinge, die Scheiben makellos rein zu putzen. Vielmehr sei es die Steuerung, die Sorgen mache. Und die ist das Herzstück der Waschanlage. „Inzwischen ist sie ein Fall fürs Museum – und über kurz oder lang wird es für diese Steuerung keine Ersatzteile mehr geben“, erklärt Groß. Und genau hier ist der Maschinenbaustudent gefragt.

Im Studienjahr 2012/13 hatte Alexander Groß ein Stipendium der FH Aachen ergattert, Stipendiengeber war die Semcoglas GmbH. Bei der offiziellen Vergabe des Stipendiums lernte der Student den Wassenberger Geschäftsführer von Semcoglas, Bernd Hümmer, kennen. Und der machte ihm den Vorschlag, sein praktisches Projekt, Pflichtprogramm im Maschinenbaustudium, doch in seinem Unternehmen umzusetzen – mit einer klaren Mission: eine neue, moderne und zeitgemäße Steuerung für die rund 200.000 Euro teure Maschine zu entwickeln, so dass die Waschanlage noch ein paar Jahre länger „leben“ kann.

Warum sich der Geschäftsführer anstelle eines Experten ein „Greenhorn“, einen blutigen Anfänger, ins Boot holt und damit sogar Produktionsausfälle riskiert, weiß er ganz genau: „In der Branche besteht ein großer Bedarf an hoch qualifizierten Fachleuten. Deshalb beteiligt sich unser Unternehmen am Stipendienprogramm der FH Aachen. Auch, um frühzeitig mit guten Nachwuchskräften in Kontakt zu kommen und sie an unser Unternehmen zu binden“, verrät Hümmer und betont: „Mit Alexander Groß haben wir einen sehr guten Nachwuchsingenieur ins Boot geholt.“

Dabei, so muss Groß zugeben, ist die neue Aufgabe gar nicht so einfach. Er musste in den vergangenen Monaten zuerst einmal nachvollziehen, wie die Maschine und vor allem die Steuerung eigentlich funktioniert. Und da war genaues Hingucken gefragt: Denn während die jüngere, sich mit 15 Jahren noch im Teenageralter befindliche „Waschmaschine“ vom Typ Lenhardt Bystronic, auch für den Laien leicht als Waschanlage zu erkennen ist, erscheint die alte Lisec auf den ersten Blick eher wie eine klobige, metallene Schrankwand. Erst wenn man sieht, wie schmutzige Scheiben in die Maschine hineingesogen werden und als saubere wieder herauskommen, erkennt man, was die Maschine leistet.

Erst als der Student jede Schraube unter die Lupe genommen und die Funktionsweise genau verstanden hatte, konnte er sich an die gerade einmal Schuhkarton große Steuerung, die in einem noch klobigeren Schrank versteckt ist, vortasten, die Programme auslesen und die Relais, die die Maschine steuern, untersuchen. „In den nächsten Monaten geht es nun daran, die Steuerung neu zu programmieren und die gesamte Steuerung zu ersetzen“, sagt Groß. Das macht er dann am Nachmittag und in den frühen Abendstunden. „Denn wir wollen nicht wirklich einen Produktionsausfall riskieren“, sagt Geschäftsführer Hümmer und zwinkert seinem Nachwuchstalent zu.

In einem zweiten Schritt, so hat sich Groß vorgenommen, will er die Steuerung dann vollends modernisieren, beispielsweise einen Bildschirm integrieren, der visualisiert, in welchem Status sich die Produktion befindet, oder, sollte ein Fehler auftreten, zeigt, wo er liegt. Bis dahin wird es für den Studenten noch ein langer Weg. „Aber ich bin sehr optimistisch, dass er das schafft“, macht Hümmer Mut.

Außerdem habe Groß ja einen Anreiz: „Für einen Studenten ist es doch sehr schön, wenn er weiß, dass seine Arbeit einen praktischen Nutzen hat“, so Hümmer. Und natürlich profitiert auch Semco von der Arbeit des Studenten. Wenn es Alexander Groß gelingt, die Steuerung zu erneuern, dann bringt er dem Unternehmen bares Geld. Denn dann kann die alte Maschine noch ein paar Jahre länger die Scheiben blitzeblank putzen.

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