Spurensuche am höchsten und niedrigsten Punkt im Kreis

Von: Daniel Gerhards
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Höhen und Tiefen des Kreises Heinsberg: Der Gipfel der Berghalde in Übach-Palenberg (oben links) und das Ufer der Rur im niederländischen Grenzgebiet (oben rechts). Beim Anstieg auf die Abraumhalde passiert man den Wasserturm (unten rechts), das Wahrzeichen der Stadt. Und der Fluss hat heute vor allem eine Relevanz für Tourismus und Naherholung, vor allem bei Radfahrern ist er beliebt (unten links). Fotos (5): Daniel Gerhards Foto: Daniel Gerhards
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Bergbau in Übach-Palenberg: Jürgen Klosa spricht über die Bedeutung für die Stadt.
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Aachen. Hier folgt der Grundtext.
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Aachen. Hier folgt der Grundtext.

Kreis Heinsberg. Schmale Pfade verlaufen über schwarze Erde. Der Weg geht vorbei an verkohltem Holz in einer kleinen Feuerstelle und längst nicht mehr intakten Treppenstufen. Das steilste Stück des Anstieges liegt hinter uns. Nach 16 Minuten Fußweg haben wir ihn erreicht, den höchsten Punkt des Kreises Heinsberg.

Zwischen Sträuchern und Bäumen ragt ein Betonblock aus dem Boden. Darauf steht ein etwa vier Meter hohes Metallkreuz. Der Gipfel.

Nun ist der Kreis Heinsberg nicht gerade für seine Berge bekannt. Natürlich gibt es die steile Bergstraße in Hillensberg und den Burgberg in Heinsberg. Trotzdem ist der Kreis verglichen mit vielen anderen Landstrichen der Republik in erster Linie flach. Zum morgigen Welttag der Berge haben wir trotzdem nach der höchsten Erhebung und dem tiefsten Punkt des Kreises gesucht. Fündig geworden sind wir in Übach-Palenberg und Wassenberg. Zwischen ihnen liegen 137,8 Höhenmeter.

Der topographisch höchste Punkt des Kreises liegt auf einem vom Menschen gemachten Berg, auf der Abraumhalde der ehemaligen Zeche Carolus Magnus, 165,4 Meter über Normalhöhennull. Der tiefste Punkt befindet sich an der Rur, auf der Grenze zu den Niederlanden, 27,6 Meter über dem Meeresspiegel.

An diesem grauen Dezembermorgen möchte der Himmel über Übach-Palenberg nicht aufklaren. Der eisigkalte Wind lässt die letzten verbliebenen Blätter an den Bäumen rascheln. Der Berg ist geblieben von Carolus Magnus, der Zeche, die die Stadt Übach-Palenberg so sehr geprägt hat. „Die Zeche ist dafür verantwortlich, dass die Stadt Übach-Palenberg existiert“, sagt Jürgen Klosa, der sich als Autor intensiv mit Carolus Magnus auseinandergesetzt hat. Im 19. Jahrhundert habe man festgestellt, dass unter den Gemeinden Übach, Frelenberg und Scherpenseel Kohle liegt, sagt Klosa. Die Franzosen kamen, um sie aus der Erde zu holen. Arbeitskräfte zogen zu, moderne Bergmannssiedlungen entstanden. Man gründete eine Großgemeinde und erhielt später die Stadtrechte. Ohne Zeche wäre das nie so gekommen, meint Klosa. Wahrscheinlich hätten Geilenkirchen, Baesweiler und Herzogenrath den Kuchen unter sich aufgeteilt, sagt er.

An der Grenze zu den Niederlanden fällt etwas Sonne durch die dichten Wolken. Der nahe Effelder Waldsee befindet sich im Winterschlaf. Strand-Club, Campingplatz und Wakeboard-Anlage sehen verlassen aus. Eine Frau spaziert mit einem kleinen Kind vorbei, ein Radfahrer grüßt freundlich und auf einer Wiese an einem völlig einsam dastehenden Haus schauen zwei Ponys über den Zaun. Wir sind dem niedrigsten Punkt des Kreises ganz nah.

So wie die Zeche die Stadt Übach-Palenberg geprägt hat, prägt auch die Rur als wichtigster Fluss das Erscheinungsbild des Kreises. Wirtschaftlich wird er heute aber kaum genutzt. Einst profitierten die Korbmacher besonders in Hilfarth davon, dass an der Rur die für sie so wichtigen Weiden wuchsen. Heute will man den Fluss und den an ihm entlanglaufenden Rur-Ufer-Radweg vor allem in Sachen Tourismus und Naherholung nutzen.

Über die flachen Felder am Rurufer schweift der Blick immer wieder ab in die Ferne. Ein Schwarm Vögel zieht am Himmel vorbei. Es scheint so, als störe das die Gänse am Boden. Ihr Geschnatter klingt furchtbar aufgeregt. In die Ferne schauen lässt es sich vom Gipfel der Berghalde nicht. Büsche und Bäume versperren die Sicht. Man fühlt sich ein wenig wie von der Umgebung abgeschnitten.

So ähnlich müssen sich auch die französischen Direktoren der Zeche gefühlt haben, als sie in politisch heiklen Zeiten Kohle aus der Erde förderten. 1911 teuften die Franzosen, das heißt, dass sie einen senkrechten Schacht in den Boden gruben. 1917, als der erste Weltkrieg lief, begann die Förderung, sagt Klosa. „Warum nicht direkt auf einem Pulverfass?“, fragt er. 1914 wurde ein französischer Mitarbeiter der Zeche in Aachen erschossen, weil man ihn für einen Spion hielt. In den 30er Jahren wurden die Carolus Magnus beschlagnahmt und der französische Bergwerksdirektor vor die Tür gesetzt. „Man hatte ständig das Problem, das, was gefördert wurde, nach Frankreich zu bekommen“, sagt Klosa. Das war im Spitzenjahr eine Million Tonnen Kohle.

In den 50er Jahren rollte dann eine Welle von Zechenschließungen über die Niederlande. Sie erfasste auch Carolus Magnus. 1962 war Schluss mit der Kohleförderung in Übach-Palenberg. „Sie hat nur rund 50 Jahre existiert. Das ist nicht viel“, sagt Klosa. Was dann kam, sei eine „soziale Katastrophe“ gewesen. 3000 Menschen verloren ihre Arbeit. Viele Kumpel fanden auf den Gruben Adolf in Merkstein und Carl-Alexander in Baesweiler neue Arbeit, sagt Klosa. Es siedelte sich neue Industrie an. Vor allem Schlafhorst brachte Arbeitsplätze. „Der Strukturwandel ist sukzessive gelungen“, sagt Klosa.

Auch die Rur war im vergangenen Jahrhundert einem Wandel unterworfen. Sie wurde begradigt und Wehre wurden gebaut – auch auf dem 23,1 Kilometer langen Flussabschnitt im Kreis Heinsberg. In dieser Hinsicht würde der Wasserverband Eifel-Rur die Uhr gerne zurückdrehen. Denn heute möchte man den Fluss renaturieren. Er soll wieder natürlicher werden. Entlang des deutschen Rurlaufs gibt es 56 Wehre, wovon nach Ansicht des Verbands 44 zurück- oder umgebaut werden müssten, damit Fische ungehindert durch den Fluss wandern können. Wäre die Rur durchlässig, dann könnten Lachse – und andere Fische – wieder zum Leichen bis in den oberen Rurlauf bei Obermaubach wandern. Dafür müsste der Verband aber Land am Ufer des Flusses kaufen und das scheiterte bislang. Ob die Rur ihr Erscheinungsbild in Zukunft noch einmal verändert, ist also offen.

Geändert hat sich auch das Erscheinungsbild der Berghalde in Übach-Palenberg. Zunächst wurden zwei Spitzkegel aufgeschüttet, sagt Klosa. In den 80er Jahren sei die Halde noch einmal „umgepflügt“ worden, weil man an die niederflüchtige Kohle heranwollte, die noch in ihr lag. Danach blieb sie mit ihrer flachen Silhouette liegen. Ob das ewig so bleiben wird? „Ich würde meinen Kopf nicht darauf verwetten, dass die Halde in 100 Jahren noch existiert“, sagt Klosa. Wer könne schon wissen, ob man nicht irgendwann neue Grundstücke erschließen will und das Erdreich mit heute unbekannter Technik leicht abtransportieren kann.

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