Sorgen und Ängste der Menschen bleiben

Von: Stefan Klassen
Letzte Aktualisierung:
7434457.jpg
Vor Immerath stehen sie schon, die Stahlkolosse von RWE Power. Doch zumindest die Ortschaft Holzweiler werden die Schaufelradbagger nicht mehr zu Leibe rücken, so viel ist seit gestern klar. Foto: Stefan Klassen

Erkelenz. Es ist bereits hell, die Uhr zeigt 7, als in Kuckum beim Vorsitzenden der Bürgerinitiative Stop-Rheinbraun, Hans-Josef Dederichs, das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist zu dieser frühen Stunde Reiner Priggen, Fraktionschef der Grünen im Landtag. Er hat eine Nachricht parat, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre.

Das rot-grüne Kabinett in Düsseldorf, so Priggen, berate noch am Freitagmorgen über die Zukunft des umstrittenen Braunkohletagebaus Garzweiler II. Laufe alles glatt, so erfährt Dederichs, dann werde der Tagebau verkleinert, die Ortschaft Holzweiler mit ihren rund 1300 Einwohnern bleibe von den Schaufelradbaggern verschont. „Was für eine Nachricht! Dafür hätte ich mich gerne auch mit Sirenen wecken lassen“, sagt Dederichs. Denn: Priggens Ankündigung sollte sich wenige Stunden später bewahrheiten.

„Ein harter Kompromiss“

Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe. Am späten Nachmittag versammeln sich auf Einladung des Ortsvereins der Erkelenzer Grünen sowohl Parteifreunde als auch Tagebaugegner, Tagebauanwohner, Bürger aus den Umsiedlungsorten. Direkt aus Düsseldorf kommt Fraktionschef Priggen nach Erkelenz, um den Bürgern vor Ort die von der Landesregierung getroffene Entscheidung zu erläutern. Behutsamer Applaus.

Priggen tritt vor die Menschen, spricht von einem „harten Kompromiss“. Denn klar ist auch: Der sogenannte Umsiedlungsabschnitt 3 wird umgesetzt. Für die zum Erkelenzer Stadtgebiet gehörenden Ortschaften Kuckum, Keyenberg, Berverath, Unter- und Oberwestrich bedeutet dies das endgültige Aus. 1600 Menschen werden ihre Heimat verlieren – „und zwar zügig und ohne langwierige Verfahren“, sagt der Fraktionschef.

Und zugleich gebe es nun „die politische Zusage, dass Holzweiler bestehen bleibt“. Bis 2015 wolle die Landesregierung eine dementsprechende Leitentscheidung treffen, in der dies festgeschrieben werde. Diese beinhalte dann auch, dass neben Holzweiler auch Gut Hauerhof und Dackweiler erhalten bleiben. Wieder Applaus. Doch Euphorie sieht anders aus.

Sektkorken knallen

Einige Bürger konfrontieren Reiner Priggen nämlich mit Sorgen, Nöten, Ängsten, Fragen. Was, so fragt die Kuckumerin Gabi Clever, ist beispielsweise mit Garantien und Entschädigungen, falls sich RWE mitten in der Umsiedlung plötzlich komplett aus dem Tagebaugeschäft zurückziehe? Priggen kann „die Sorgen verstehen, es gibt aber keinen Anlass, an den von RWE gemachten Zusagen zu zweifeln“.

„Hat RWE rechtliche Möglichkeiten, gegen die Entscheidung des Landes vorzugehen?“, sorgt sich Hans-Willi Peters, Sprecher des Bürgerbeirats der fünf nächsten Umsiedlungsorte. „Wir sind der Meinung, dass dies die Politik zu entscheiden hat“, sagt Priggen mit Blick auf das kürzlich getroffene Urteil des Bundesverfassungsgerichtes. „Was ist mit finanziellen Rückstellungen bei RWE für den Tagebau?“, fragt Stephan Pütz aus Immerath, der vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt hatte. Priggen sagt zu, dies herausfinden zu wollen.

Der Grünen-Fraktionschef will die vielen Themen, die die Menschen am Tagebaurand offensichtlich auch weiterhin beschäftigen, „mit nach Düsseldorf nehmen. Es gibt noch ganz viel zu tun.“ Er kündigt an, „dass wir auf jeden Fall bis weit vor der nächsten Landtagswahl 2017 alles klar haben, was die Umsiedlung angeht“. Und Holzweiler drohe kein Schaufelradbagger mehr. Das sei die freudige Erkenntnis eines „für mich stark vertakteten, ereignisreichen Tages“.

Und dann knallen doch die Sektkorken.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert