Kreis Heinsberg - Seltene Schätze der Schützen zum Schießen

Seltene Schätze der Schützen zum Schießen

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
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Bereits 70 Jahre im Einsatz: die Armbrust der Porselener Schützen. Schießmeister Heinz Wilms erzählt, dass früher die Blattfeder eines Volkswagens als Bogen diente. Sie wurde aber inzwischen ausgetauscht.
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Altes Schätzchen: Walter Haken hat die alte Armbrust der Wegberger St.- Antonius-Schützen lange aufbewahrt. Wegen des ideellen Wertes hat er sie jetzt aber Brudermeisterin Eva Maria Wunner gegeben.

Kreis Heinsberg. Schütze kommt von Schießen. In den meisten Bruderschaften muss einen Vogel abschießen, wer ein König werden will. Nur in Wegberg-Harbeck nicht, da wird der König „ausgekuckt“. Das hat dort seit über 50 Jahren Tradition.

Und das geht so: Die alten Königinnen und Könige nehmen an einem Tisch Platz, schauen sich im Festzelt um, stecken die Köpfe zusammen, tuscheln und dann gibt es drei Kommandos: 1. Köpfe senken. 2. Köpfe heben. 3. „Wir gucken den neuen König aus.“ Dann zeigen alle gemeinsam auf den neuen König und die neue Königin. Ganz ohne Knall und Fall. Das liegt aber auch daran, dass die Harbecker zwar eine Kirmes feiern, aber ein Heimat- und kein Schützenverein sind.

Bogen, Griff, Sehne

Schützen schießen. Die meisten der 108 Schützenbruderschaften im Kreis Heinsberg zielen heute mit Luftdruck- oder Kleinkaliberwaffen auf den hölzernen Vogel. Elf Schützenvereine greifen allerdings zur Armbrust. Auch das hat Tradition, und zwar eine lange. Oft schießen sie mit alten Schätzchen.

In Wegberg ist jetzt die Armbrust wieder aufgetaucht, mit der die Schützen nach dem Zweiten Weltkrieg geschossen haben. Nach dem Krieg verboten die Alliierten den Schützen nämlich der Gebrauch von Feuerwaffen. Die Armbrust der St.-Antonius-Schützen war schlicht: Bogen, Griff, Sehne. Sie erfüllte ihren Zweck. Als die Wegberger Schützen wieder Schusswaffen benutzen durften, taten sie es. Nach der Armbrust fragte keiner mehr.

Wie und wann genau sie auf dem Dachboden eines Klinkumer Dachdeckers landete, weiß Walter Haken nicht, aber er weiß noch, wie ihn dieser Dachdecker – ein Kunde seines Vaters – fragte, ob er Interesse an der Waffe habe. Walter Haken hatte, denn Waffen aller Art faszinieren ihn. „Ich habe sie geschliffen, gestrichen, die Umwicklung neu und die Macken beigemacht“, erzählt er. Lange hing die Armbrust als Dekoration in seinem Schlafzimmer. Das war vor seiner Hochzeit, also muss es gut 55 Jahre her sein, rechnet er. Danach verstaute er sie gut. Als ausgerechnet seine Nachbarin, Eva Maria Wunner, Brudermeisterin der St.-Antonius-Schützen wurde, erinnerte er sich an sie.

Natürlich wurde das historische Stück feierlich übergeben, aber im Prinzip wechselte es nur Straßenseite und Hausnummer. Jetzt ist das mattschwarz glänzende Unikat wieder im Besitz der Wegberger Schützen und wird einen Ehrenplatz bekommen.

Die Armbrust der Porselener Schützen ist auch so ein altes Schätzchen, auf das Heinz Wilms gut aufpasst. Das ist eine seiner Aufgaben als Schießmeister der St. Rochus-Schützenbruderschaft. Schließlich ist das Bolzenschussgerät auch noch im Einsatz, und das seit ziemlich genau 70 Jahren. Schützenbruder Theo Schlicher ließ sie 1947 anfertigen. Sie bestand aus einem Holzschaft, einem Schloss, einem Stahlseil und der Blattfeder eines Volkswagens. Die Verschleißteile wurden im Laufe der Jahre aus Sicherheitsgründen ersetzt, auch die VW-Blattfeder, aber der Holzschaft ist original.

Die Armbrust, die die Kempener St.-Katharina-und-St.-Josef-Schützen verwenden, ist jüngeren Datums, denn die Bruderschaft ist erst 2004 wieder zur Armbrust-Tradition zurückgekehrt, erzählt Christian Heuter, Präsident der Bruderschaft. Grund waren die strengeren Vorschriften für Schießanlagen. Die werden nämlich sehr schnell an den Stand der Technik angepasst. Vor allem, wenn irgendwo ein Unfall geschieht, erklärt Fred Schützendorf, Sachgebietsleiter im Waffenrecht der Kreispolizeibehörde Heinsberg.

Er ist derjenige, der gemeinsam mit einem externen Sachverständigen die Schießstände der Schützen begutachtet und Genehmigungen erteilt. Und weil Armbrüste Schusswaffen gleichgesetzt sind, ist er auch für sie zuständig.

Für einen Schießstand für Kleinkalibergewehre gibt es 22 Bedingungen, die erfüllt sein müssen, bevor er sein Okay gibt. Nur eine davon ist, dass die Geschossfänge mit einer fünf mal fünf Meter großen Folie ausgelegt sein müssen, damit kein Blei ins Gewässer gelangt. Einfach in die Mülltonne entsorgen darf man die Munition auch nicht. Bei der Armbrust werden die drei bis sechs stumpfen Bolzen, die geschossen werden, immer wieder eingesammelt.

Wie ist der Zustand der Bolzen? Wie ist der Stand errichtet? Das und 16 weitere Punkte überprüft Schützendorf mit dem Sachverständigen bei Armbrustschießanlagen regelmäßig, und zwar alle sechs Jahre. Niemand darf gefährdet werden. Dafür ist auch der Schießmeister zuständig, der einen speziellen Schießmeisterschein absolvieren muss.

Geschossen wird übrigens nicht aus der Hüfte. Die Armbrust wird ebenso wie das Gewehr in eine Halterung eingespannt, damit nichts wackelt oder zu weit daneben geht. Das Zielen ist die Kunst.

In Hilfarth haben die St.-Marien-Schützen auch vor dem Krieg mit der Armbrust geschossen. Heute tun sie es nur mit einer neueren Armbrust. „Wir wollten nie etwas anderes“, sagt Vorsitzender Olaf Lengersdorf, weil das ihre Tradition sei. Und Tradition erhalten, das sei ja schließlich das, was die Schützen wollen. Es heiße doch „Glaube, Sitte, Heimat“, sagt Lengersdorf, der leidenschaftlich gerne hölzerne Vögel von Stangen holt. Viermal war er schon König, einmal Kaiser und einmal Bezirksschützenkönig. Aber Schütze sein, das ist nicht nur schießen, sagt er.

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