Selfkant - Seit 60 Jahren als St. Martin unterwegs

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Seit 60 Jahren als St. Martin unterwegs

Von: Daniel Gerhards
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Nach 60 Jahren steigt er zum letzten Mal als St. Martin in den Sattel. Seff Lippertz ist beim St.-Martins-Zug in Süsterseel am 11. November noch einmal dabei. Los geht es um 18 Uhr an der Kirche. Foto: Daniel Gerhards

Selfkant. Wenn Josef „Seff“ Lippertz am 11. November sein Kostüm anzieht, sich in den Sattel schwingt und zum Martinsfeuer reitet, dann macht er das zum letzten Mal. Lippertz gibt seit genau 60 Jahren den St. Martin in Süsterseel. Und jetzt soll mal Schluss sein, sagt er.

Alles begann 1955. Damals war Seff Lippertz gerade 14 Jahre alt und erst seit ein paar Monaten aus der Volksschule entlassen worden. Sein Vater war der einzige Landwirt im Ort, der noch ein Arbeitspferd hatte. Darauf sollte der St. Martin reiten. Am Morgen des St.-Martins-Tages war aber längst noch nicht klar, dass Seff Lippertz am Abend auf diesem Pferd sitzen würde.

Umkleiden im Tante-Emma-Laden

Lippertz brachte das Pferd zum Tante-Emma-Laden in Süsterseel. Dort wurde der St. Martin immer von der Besitzerin des Ladens in die Bischofsrobe eingekleidet. Als Lippertz ankam, sagte man ihm, dass der St. Martin ausgefallen sei. Kurzerhand steckte man ihn in die Robe. Seitdem reitet er Jahr für Jahr an der Spitze des St.-Martins-Zuges.

Über das, was Lippertz in all den Jahren in seiner Rolle als St. Martin erlebt hat, könnte er ein Buch schreiben. Geschichten darüber hat er jedenfalls jede Menge zu erzählen. Zum Beispiel die, wie es dazu kam, dass eine neue Römeruniform angeschafft wurde.

Ende der 1990er Jahre war er zuletzt mit Bischofsrobe unterwegs. Damals hatte man ihm ein Pferd besorgt, dem all der Stress im St.-Martins-Zug mit Spielmannsleuten, Kindern und Laternen zu viel war. Das Pferd scheute etliche Male. Einige Mal blieb Lippertz im Sattel, obwohl das Pferd die Vorderläufe hochnahm. „Da bin ich ein Rodeo geritten. Irgendwann lag nur noch der Bischofsmantel auf dem Pferd – und ich lag drunter“, sagt Lippertz. Das muss ziemlich spektakulär gewesen sein: „Für ein Video von diesem Ritt hätte ich viel Geld bezahlt“, sagt Lippertz.

Nach diesem Sturz mottete Lippertz die Bischofsrobe ein. Im ersten Jahr danach lieh er sich einen Feuerwehrhelm in Tüddern. Um ihn nach einem Römerhelm aussehen zu lassen, war ein Straßenbesen darauf befestigt. Aber so leicht, lassen sich die Süsterseeler Kinder nicht beeindrucken. Sie fragten: „Was trägt der Mann denn da für einen Besen auf dem Kopf?“, erinnert sich Lippertz. Also kaufte er sich einen richtigen Römerhelm, einen Wams und Schwert.

Damit konnte er seine Rolle als St. Martin auch viel besser ausfüllen. Den neuen Mantel konnte er mit seinem Schwert teilen. Das ging vorher nicht. Er hatte immer so getan, als teile er den Bischofsumhang mit dem Offizierssäbel der Schützen.

Nur ein Detail für sein Kostüm hat er nie gefunden: das richtige Schuhwerk. Statt seiner normalen Reitstiefel hätte er gerne „Dschungelboots“ getragen. Die könne man an der Seite zuschnüren, so wie Römersandalen, sagt er.

Wie kommt man denn auf sowas? Dschungelboots? Diese Stiefel lernte Seff Lippertz während seiner zweijährigen Auszeit vom Selfkänter St. Martin kennen. 1961 musste er nach Papua, um für die Niederlande im „Dschungelkrieg“ gegen Indonesien zu kämpfen.

Lippertz, 74 Jahre, ist Niederländer, damals stand der Selfkant unter niederländischer Auftragsverwaltung, so kam es zum Marschbefehl für Lippertz. Er hat zwar für die Niederlande gekämpft, aber seine Heimat ist der Selfkant. Dort ist er geboren, in einem Haus aus dem 18. Jahrhundert, in dem er noch heute wohnt.

Wie groß die Verbundenheit mit seiner Heimat ist, ist daran abzulesen, dass er fast in allen Ortsvereinen Mitglied ist. Er ist Präsident bei den Schützen, war lange Chef der Feuerwehr und Ortsvorsteher.

Über die Süsterseeler Grenzen hinaus kam Lippertz aber nicht nur in seinem Beruf als Busfahrer. Als St. Martin trat er oft in Sittard, in einem Altenheim in Heinsberg und in Kindergärten in Süsterseel und Karken auf. Insgesamt müssten es mehr als 100 Auftritte gewesen sein, sagt er.

All die Jahre hat Lippertz viel Freude daran gehabt, den St. Martin zu spielen. „Das ganze Drumherum hat mir viel Spaß gemacht. Es ging mir immer darum, den Kindern eine Freude zu machen“, sagt er. Wenn Lippertz die St.-Martins-Tüten verteilt und hinter einem dicken Rauschebart kaum zu erkennen ist, nimmt er sich auch die Zeit, ein bisschen mit den Kindern zu sprechen.

„Manche Kinder nehmen das ganz locker. Andere werden dann ganz still, obwohl sie normalerweise ziemlich vorlaut sind“, sagt Lippertz. Dieser Kontakt mit den Kindern hat Lippertz dazu bewegt, immer weiter zu machen.

Aber jetzt soll Schluss sein. Es „soll“ Schluss sein. Fit genug ist Seff Lippertz noch. Aber er will jetzt einen Schlussstrich ziehen, sagt der 74-Jährige. „Sonst werde ich als St. Martin irgendwann in der Kutsche durch Süsterseel gefahren“, sagt er. So weit will er es nicht kommen lassen.

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