Schuldnerberatung: Neue Raten trüben den Weihnachtsglanz

Von: Rainer Herwartz
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Wenn die Raten für diverse Kredite einen immer mehr in die Tiefe ziehen und der betroffene Schuldner regelrecht darin zu ertrinken droht, ist oft der Weg zur Schuldnerberatung die letzte Rettung. Foto: stock/bonn-sequenz
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Wolfgang Meier und Tonja Schreck wollen Betroffene vor dem Ertrinken in den Schulden bewahren. Foto: Herwartz

Kreis Heinsberg. „Süßer die Kassen nie klingeln, als zu der Vorweihnachtszeit“ – der abgewandelte Text eines beliebten Weihnachtsliedes beschreibt alle Jahre wieder zutreffend die Situation, die den Einzelhandel mehr oder minder jubilieren lässt. Die Geldbörsen so mancher Mitbürger stellt gerade diese Zeit jedoch vor eine Zerreißprobe, weil nicht selten nach jedem Euro gekramt wird, um die Lieben zum Fest mit einem hübschen Geschenk zu erfreuen.

Wer ohnehin schon auf seinem Konto in den Miesen hängt, kann sich da schnell in die Bredouille bringen. Das weiß auch Wolfgang Meier, der Leiter der Schuldner- und Insolvenzberatung, die vom des Diakonischen Werk des Kirchenkreises Jülich in Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Heinsberg betrieben wird. „Es ist nicht auszuschließen, dass eine größere Verführung zu neuen Ratengeschäften besteht“, glaubt er. „Das die Verschuldung durch die Weihnachtszeit und den Geschenkekauf einen zusätzlichen Ausschlag bekommt, können wir aber nicht feststellen. Wenn ein Konto nur kurzfristig überzogen wird, spricht man ja noch nicht von einer Überschuldung.“ Letztere sei langfristig angelegt, meist über mehrere Jahre hinweg.

Und dennoch: Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung werden in diesem Jahr zirka fünf Prozent der Deutschen (rund 3,4 Millionen) ihre Weihnachtsgeschenke auf Kredit kaufen.

„Wer permanent sein Girokonto überzieht und parallel dazu auch noch Kreditverpflichtungen bedienen muss, der sollte vielleicht einmal mit der Schuldnerberatung über das Pro-blem reflektieren. Niemand muss sich bei uns rechtfertigen, warum er in die Situation geraten ist. Es geht hier nicht um die Schuldfrage, sondern darum, Lösungswege aufzuzeigen.“

Und das ist offenbar immer wichtiger, den die Fallzahlen der Schuldner- und Insolvenzberatung haben sich 2012 gegenüber den Vorjahren erhöht. Die Zahl betroffener Haushalte stieg insgesamt zwischen 2010 und 2012 von 1506 auf 1625. „Ich denke, dass unser Wirtschaftssystem Schulden produziert“, sagt Meier unumwunden. „Es lebt davon, dass Konsumgüter hergestellt werden - und die müssen unters Volk.“

Doch nur etwa zehn Prozent derer, die Schulden haben, kämen am Ende in die Beratungsstelle. „Dass die Zahl der Neuaufnahmen dennoch steigt, liegt auch daran, dass wir als Beratungsstelle die Bescheinigungen für die Pfändungsschutzkonten, die kurz P-Konten genannt werden, ausstellen. Auf diesen gibt es einen geschützten Grundfreibetrag in Höhe von 1028,89 Euro.“

Liege eine Pfändung auf dem Konto und gingen monatlich mehr Einnahmen auf dem Konto ein, müsse dieser übersteigende Betrag von der Bank an den Gläubiger abgeführt werden, erläutert Schuldnerberaterin Tonja Schreck. Falls nun der Schuldner unterhaltspflichtig für Kinder oder einen Ehegatten sei, könne die Schuldnerberatung den Freibetrag mit der P-Konto-Bescheinigung erhöhen.

380 wurden im letzten Jahr ausgestellt. 110 mehr als noch im Jahr zuvor. „Arbeitnehmer, die gesamtgesellschaftlich den größten Anteil stellen, stellen ihn auch mit 40,6 Prozent bei der Schuldnerberatung“, sagt Meier. Der Anteil der arbeitslosen Ratsuchenden nehme in den letzten Jahren jedoch stetig zu und sei in der Schuldnerberatung deutlich überrepräsentiert. Während im Kreis Heinsberg 7,4 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung im Januar 2013 arbeitslos gemeldet waren, sind in der Beratungsstelle 34,4 Prozent der Kunden arbeitslos.

Obwohl die Ursachen meist vielschichtig seien, weiß Wolfgang Meier nur zu gut: „Ein einziger Fehler auf der Ausgabenseite kann schon eine Überschuldung produzieren.“ Beziehungstrennungen, Scheidungen oder der missglückte Versuch einer Selbstständigkeit ließen sich dabei von den übrigen Faktoren abgrenzen. „Denn hier ist die Ursachenfindung leichter.“

Letztlich gehe es darum, dem Schuldner Lösungswege aufzuzeigen, und der wiederum müsse die Bereitschaft haben, diese anzunehmen. „Da ist natürlich jede Menge Konfliktpotenzial enthalten“, sagt Meier. „Wer möchte zum Beispiel schon gerne sein Häuschen aufgeben.“ Die Einsicht in das vielleicht Unabänderliche sei manchmal halt schmerzhaft. „Wir lassen zunächst den Schuldner einen Fragebogen ausfüllen, bei dem es schon einmal zu einem Erweckungserlebnis kommt, wenn Einnahmen und Ausgaben detailliert gegenüber gestellt werden.“

Wer bei all der Rechnerei nun jedoch glaubt, dass er bei der Schuldnerberatung auf ehemalige Banker oder Steuerexperten treffe, wird überrascht sein. Denn das komplette Team setzt sich aus Sozialarbeitern und Sozialpädagogen zusammen. „Die Klienten kommen ja erst, wenn ein bestimmter psychischer Druck erreicht ist, mit dem sie nicht mehr fertig werden“, beschreibt Tonja Schreck die Lage. „Dann sind wir als Sozialarbeiter gefragt, um den Druck abzubauen und sinnvolle Handlungen aufzuzeigen.“ Dazu könne denn durchaus mal gehören, die Ratenzahlung einzustellen, da ja durch den Gesetzgeber große Teile der Einkünfte gesichert seien, ergänzt Meier. Am besten dürfte es jedoch sein, auch in der Vorweihnachtszeit erst gar keine neuen Ratenverpflichtungen einzugehen.

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