Schulbegleiter: Fremdenführer durch Kinderseelen

Von: Mirja Ibsen
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Schulalltag: Für Schüler mit Einschränkungen kann er viele Hindernisse bergen. Schulbegleiter können helfen, sie zu überwinden. Foto: imago/F. Gaertner
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Karola Hülsmann ist als Schulbegleiterin der Lebenshilfe am Hückelhovener Gymnaisum aktiv. Foto: mib

Hückelhoven. Karola Hülsmann sieht jung aus, aber ganz so jung, dass sie auf die Schulbank der neunten Klasse des Gymnasiums Hückelhoven gehört, dann doch wieder nicht. Die 37-Jährige sitzt ganz hinten an der Wand alleine an einem Tisch, lächelt und hat einen ganz bestimmten Schüler im Blick. An anderen Orten würde man sie Integrationshelferin nennen, hier heißt sie Schulbegleiterin.

Die Aufgabe ist dieselbe: Sie ermöglicht einem Schüler trotz seines Handicaps, am Unterricht teilzunehmen. Es gibt Schulbegleiter, die tragen Tornister, schieben Rollstühle, öffnen Türen, lesen Aufgaben vor, halten ihre Schützlinge zur Konzentration an oder auf den Stühlen, begleiten sie an einen ruhigen Ort, wenn eine Auszeit nötig ist. Wie die Hilfe genau aussieht, hängt ganz davon ab, welche Besonderheit das Kind im Alltag ausbremst – eine motorische, eine geistige, eine sozial-emotionale.

In dieser Schulstunde kurz vor den Sommerferien sieht es für einen Unterrichtshospitanten nicht so aus, als ob irgendjemand Hilfe benötigt. Karola Hülsmanns jugendlicher Auftraggeber, Jeans und Strubbelhaar, unterscheidet sich nicht von seinen Mitschülern. Auch der Altersunterschied von zwei Jahren fällt nicht direkt auf. Er hat zwei Klassen übersprungen. Abitur könnte er mit 16 machen. Damit das klappt, ist Karola Hülsmann da. Denn dass es heute so reibungslos läuft, darin steckt viel Arbeit.

Früher hat es gereicht, dass ein Schulkamerad sich einen Stift ausborgen wollte und einfach nach dem Mäppchen von Jan (Name von der Redaktion geändert) griff, da flogen Schultaschen durch die Luft, wurden Stühle getreten, brach das Chaos aus. Für Jan muss alles strukturiert sein und seine Ordnung haben. Seine Schulhefte sind absolut korrekt geführt.

Aber er kann keine Din-A-4-Blätter in ein Din-A-4-Heft kleben. Weil die Ränder abstehen würden. Weil sie knicken würden. Das ist ein Problem. Das geht nicht. Also klebt er sie nicht ein. Für einen Lehrer kann das nach Arbeitsverweigerung aussehen. Er kann ihn für bockig halten. Er kann sich ärgern. Er kann sich aber auch an Karola Hülsmann wenden.

Sie ist so eine Art Fremdenführerin auf die ziemlich abgelegene Insel, die Jan heißt und auf der alle Geräusche gleich laut, alle Dinge gleich wichtig, nur weiche Stoffe gute Stoffe und Emotionen eine unbekannte Fremdsprache sind. Manchmal muss aber einfach nur ein Blatt ein wenig kleiner kopiert werden.

Bevor Jan die Diagnose Asperger-Autismus erhielt, musste ihn seine Mutter sehr oft von der Schule abholen. Scheinbar harmlose Situationen eskalierten. Er wurde gemobbt. Er wurde suspendiert. Er wechselte die Schulen. Er isolierte sich. Es war ein langer, schmerzhafter Weg für die Familie.

Ein Weg mit Kurven

Karola Hülsmanns Weg zu ihrem Job als Schulbegleiterin hat auch einige Kurven und Abzweigungen aufzuweisen. Als gelernte OP-Schwester arbeitete sie zuerst in der Chirurgie, dann in der Urologie, dann in der Orthopädie. Ihren Wechsel ins pädagogische Fach hat sie nicht bereut. Einfach sei der Job aber nicht: „Man darf sich das nicht so vorstellen: dann setze ich mich da eben mal hin.

Man muss bereit sein, Fortbildungen zu machen, sich in das Thema einzuarbeiten. Man muss mit Kindern umgehen können. Man muss damit klar kommen, dass es gefühlte 24 Stunden laut ist. Manchmal beschäftigt einen ein Thema drei Tage lang. Manchmal muss man kämpfen“, sagt sie.

Fortbildungen hat sie bei ihrem Arbeitgeber, der Lebenshilfe Heinsberg, gemacht. Sie tauscht sich regelmäßig mit Kolleginnen aus. Aber nicht alles, was bei den anderen klappt, klappt auch bei Jan. „Kennst Du einen Autisten, kennst Du einen Autisten“, sagt Karola Hülsmann und betont das letzte „einen“. Dann lacht sie. Sie ist der Typ Mensch, dem es gelingt, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren und dabei auch noch die anderen im Blick zu haben.

„Kommst du nächstes Schuljahr wieder?“ Das sagt am Ende der Stunde nicht etwa ihr Schützling. Der geht einfach. Die anderen Schüler mögen die junge Frau mit dem blonden Pferdeschwanz auch. Sie erinnert sie an Bücher, an wichtige Termine, schlichtet Streit, ist immer als Ansprechpartner da, ohne parteiisch zu sein. Denn während die Klassenlehrerin ihre Klasse immer nur für einige Stunden sieht, ist die Schulbegleiterin immer dabei. Zwar hat sie laut Vertrag eine 25-Stunden-Woche, sie baut sich aber ein Stundenkonto auf, das sie in den Ferien abbaut.

„Heute im Sport lief es super“, sagt die Schulbegleiterin auf dem Flur zur Klassenlehrerin. Rebecca Drommler tauscht sich viel mit Karola Hülsmann aus. Die Pädagogin schätzt an ihr, dass sie nicht einfach der verlängerte Arm der Eltern ist, dass sie versucht, Situationen neutral zu bewerten. Was eben auch manchmal bedeutet, dass sie ihren Schützling bremst und die Position des Lehrers stützt.

Der muss sich ja auch um die anderen Schüler kümmern. Zwar sind auch Sozialpädagogenstunden vorgesehen, aber eine Doppelbesetzung in der Klasse ist selten.

Deshalb unterstützt Schulleiter Arnold Krekelberg den Einsatz von Schulbegleitern an seiner Schule. Ihm ist es auch wichtig, Eltern vor ihrer Schulentscheidung zu beraten. Meist sei das Gymnasium für Eltern allerdings nicht erste Wahl, weil sie gewisse Konflikte schon vorausahnen. Wer sich aber für sein Kind mit Förderbedarf für eine Schullaufbahn am Hückelhovener Gymnasium entscheidet, benötigt einen Schulbegleiter.

Ob der elfjährige Mats-Matti, der ab heute in die 6. Klasse des Hückelhovener Gymnasiums geht, heute jemand begleitet, stand bis zuletzt auf der Kippe. Obwohl er eine Begleitung bräuchte, obwohl alle Anträge gestellt, alle Genehmigungen erteilt sind. Es fehlt einfach an Fachpersonal. Auch Mats-Matti ist ein Asperger-Autist. Wie Jan macht er nicht viele Worte, um zu erklären, wie er auf eine mathematische Lösung kommt. Sie ist einfach da. Wie bei Jan, steckt für ihn der Alltag voller Hürden.

Dass er anders ist als andere Kinder, hat seine Mutter früh gemerkt. Früh hat sie sich Hilfe gesucht, früh hat sie sich um eine Begleitung gekümmert. Mats-Matti hat eine bekommen, sogar mehrere, aber aus den unterschiedlichsten Gründen hat es nicht funktioniert.

„Die Chemie zwischen Begleiter und Kind muss stimmen“, sagt auch Karola Hülsmann. Im vergangenen Schuljahr wurde klar, dass Mats-Matti nicht nur eine Ergänzungskraft, sondern eine pädagogisch geschulte Fachkraft benötigt. Die können aber nicht alle Träger anbieten. Der Fachkräftemangel in diesem Bereich ist groß. Familie Radomski hat zwar den Träger wieder gewechselt, aber der neue kann zurzeit auch nicht helfen. Deshalb sucht sie inzwischen auf eigene Faust.

Jan muss nicht suchen, er muss sich nur umdrehen. Wenn die Schulglocke schrillt, wird Karola Hülsmann heute wieder an dem Tisch hinten an der Wand sitzen.

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