Schüler navigieren sich durch Lernbüros

Von: Mirja Ibsen
Letzte Aktualisierung:
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Teamarbeit: Phillip Derbot (rechts) und Marco Cortes lernen im Deutsch-Lernbüro Kommaregeln. In der Gesamtschule Oberbruch können sie selbst entscheiden, wann sie einen Test schreiben wollen. Foto: mib
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In der Gesamtschule Oberbruch können Schüler selbst entscheiden, wann sie einen Test schreiben wollen. Foto: mib
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In der Gesamtschule Oberbruch können Schüler selbst entscheiden, wann sie einen Test schreiben wollen. Foto: mib
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Bitte aufzeigen: In der Gesamtschule Oberbruch können Schüler selbst entscheiden, wann sie einen Test schreiben wollen.

Heinsberg-Oberbruch. „Die Pausen!“ Na, das kam spontan. Die Antwort auf die Frage, was ihm an seiner Schule gefalle, hätte wohl von jedem beliebigen Schüler an jeder beliebigen Schule gleich lauten können. Lea Oeben lacht. Was die Zwölfjährige sonst so von ihrer Schule erzählt, ist allerdings doch ein wenig anders.

Wie anders, das interessiert 24 Hospitanten brennend, die an diesem Vormittag die städtische Gesamtschule in Oberbruch besuchen. Sie sind Referendare, Schulleiter oder Lehrer von anderen Schulen, und sie sehen sich nicht nur die frisch renovierten Räume in dem Gebäude an der Parkstraße 21 an, sie schauen den Schülern über die Schulter, fragen die Lehrerkollegen aus, blättern in den Schulheften. Das geht. Das stört nicht. Das sind die Schüler gewohnt. Es ist schon die siebte große Besuchergruppe, die sich die Schule ansieht, die seit einem Jahr besteht.

Erzählstau abbauen

Schulleiter Peter Ruske und sein Stellvertreter Bernhard Bonus erklären gerne, was sie wie und warum anders machen. Als sie vor einem Jahr den Eltern erzählten, was sie alles vorhaben, hatten sie noch nichts: keine Schule, keine Schüler, keine Stühle. Das Schulkonzept entstand nach einem Besuch der Gesamtschule Aachen 4. Mit einem Laptop auf den Knien saßen sie auf dem Aachener Marktplatz und schrieben auf, was sie alles anders machen wollten.

Ein Konzept ohne Klassen und Kurse – das ihrer Meinung nach so viele Verlierer generiert –, ein Konzept, mit wenig Wechsel der Fachlehrer, um die Schüler nicht zu überfordern, ein Konzept, das mit Lob und Wertschätzung arbeitet, ein Konzept, das jedes Kind als Förderschüler sieht.

Das erste Jahr ist fast zu Ende, die ersten Zeugnisse, die neben Noten auch einen ausführlichen Bericht enthalten, werden geschrieben, aber noch sammelt das Kollegium Erfahrung. „Es gibt immer noch etwas zu tun. Wir sind noch nicht fertig“, sagt Bonus und lacht. Was gut ist, bleibt, Schlechtes wird aussortiert.

Bleiben wird der gemeinsame Anfang, mit dem der Schultag um 8.10 Uhr beginnt. „Da haben wir gute Erfahrungen mit gemacht“, sagt Bonus. Da kann in den Klassen der Erzählstau vom Wochenende abgebaut werden, der Schülerrat tagen, soziales Verhalten geübt oder der Navigator gepflegt werden. „Der Navigator, das ist so etwas wie ein Hausaufgabenheft“, erklärt Lea, da könne sie reinschreiben, welche Aufgaben sie schon geschafft habe, welche sie noch machen muss, welche Ziele sie sich setzt und worauf sie stolz ist.

Auch die Lehrer schreiben da rein, zum Beispiel wie gut der Schüler mitgearbeitet hat, ob er Regeln eingehalten hat, seine Hefte in Ordnung hält und so weiter. Das erleichtere hinterher die Notenfindung, sagt Klassenlehrer Bonus. Yannik Sylla (12) findet den Navigator gut: „Früher haben mich meine Eltern immer gefragt, was ich in der Schule gemacht habe. Jetzt zeige ich ihnen einfach den Navigator.“

Hospitant Thomas Schöbben, der an der Gesamtschule Aldenhoven Deutsch und Geschichte unterrichtet, gefällt besonders die Ausstattung der Schule. Nicht die Multimediatafeln, die in jedem Klassenzimmer hängen, haben es ihm angetan. Nein, die Einzeltische, an denen die Schüler konzentrierter arbeiten können und die Schülerspinde, in denen Bücher und Hefte verschwinden, so dass mehr Platz im Klassenraum ist. „Das sind gute Grundvoraussetzungen“, sagt er. Er wäre gerne den ganzen Tag geblieben, um die Schule in Aktion zu erleben. Dass die Schüler immer so brav und leise arbeiten wie in den Lernbüros, kann er sich einfach nicht vorstellen.

Lernen im 60-Minuten-Takt

Im Deutsch-Lernbüro sitzen gerade Phillip Derbot (11) und Marco Cortes (10). Nicht ganz still. Sie üben Kommaregeln. Als der Gong erklingt, sehen sie nicht einmal auf. Denn der Gong gehört zur Hauptschule, mit der sich die Gesamtschule das Gebäude teilt. Die Gesamtschüler lernen in einem anderen Takt. Phillip und Marco haben sich für das Fach Deutsch für die nächsten 60 Minuten entschieden, weil sie da noch einen Baustein abarbeiten müssen. Es hätte aber auch Englisch oder Mathe sein können. In der Lernbürozeit können sie selbst entscheiden, woran sie bearbeiten wollen. Natürlich müssen irgendwann alle Fächer im Navigator farbig markiert sein. Geschafft, bedeutet das.

Klare Strukturen

So frei das System auch klingt: Alle Richtlinien der Bezirksregierung werden eingehalten, versichert Bonus. Und es gibt klare Strukturen, die seien besonders wichtig, sagt Schulleiter Ruske. Es gebe viele Lern- und Lehrerkontrollen. Und weil gerade so viele Lehrer vor ihm sitzen und ihm wie im guten alten Frontalunterricht lauschen, was an seinem Unterricht so anders ist, macht Bonus ein wenig Werbung. Das Team braucht nämlich noch neue Leute. Mathe ist gefragt. Ein Seufzer aus den Referendar-Reihen verrät: Mindestens eine Bewerberin hat er schon – und die kommt vermutlich nicht wegen der schönen Pausen.

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