Schicksalsschlag verarbeitet: Nikolaus Schneider liest in Heinsberg

Von: Anna Petra Thomas
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Nikolaus Schneider und seine Frau Anne freuten sich nicht nur über die Begrüßung durch den evangelischen Pfarrer Sebastian Walde (rechts), sondern auch über den Besuch von Propst Markus Bruns (links) zu ihrer Lesung in der evangelischen Christuskirche. Foto: Anna Petra Thomas
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Viele Menschen suchten nach der Lesung noch das Gespräch mit Nikolaus und Anne Schneider und baten zugleich um eine Signatur im Buch. Foto: Anne Petra Thomas
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Als „schwere, aber wertvolle Kost“ würdigte Bürgermeister Wolfgang Dieder die Lesung von Nikolaus und Anne Schneider, bevor er sie bat, sich ins Goldene Buch der Stadt einzutragen. Foto: Anna Petra Thomas

Heinsberg. Wer hat es nicht schon einmal erlebt: Ein junger Mensch stirbt, und alle, die ihm und seinen Eltern nahe stehen, sind fast ebenso sprachlos wie die Eltern selbst. Da hat man auf Gottes Hilfe vertraut, hat ihn im Gebet um Hilfe gebeten, und doch ist es passiert.

Dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, und seiner Frau Anne widerfuhr genau dieses Schicksal 2005. In diesem Jahr starb ihre Tochter Meike, gerade einmal 22 Jahre alt, an Leukämie.

Die Theologiestudentin hatte während der Zeit ihrer Krankheit Tagebuch geschrieben, das nach ihrem Tod unter dem Titel „Ich will mein Leben tanzen“ veröffentlicht wurde. Der Bitte, zu ihrem Umgang mit der Trauer ebenfalls ein Buch zu schreiben, entsprachen Nikolaus und Anne Schneider gemeinsam mit einem ersten Werk. „Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist: Leben und Glauben mit dem Tod eines geliebten Menschen“ lautet der Titel des 2010 erschienen Buches. Mit diesem und ihrem zweiten gemeinsamen Buch „Vertrauen: Was uns in unsicheren Zeiten wirklich trägt“ waren die beiden Theologen zu einer Lesung in die evangelische Christuskirche nach Heinsberg gekommen.

Den Menschen nahe geblieben

Hier begrüßten sie Pfarrer Sebastian Walde und Martin Jordan. Walde erinnerte an das Wirken des Duisburgers als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland von 2003 bis 2013. Trotz aller oder vielleicht gerade wegen seiner Verantwortung sei der „Nikel“, so Schneiders Spitzname, jedoch immer noch den Menschen nahe geblieben, mit einem offenen Ohr und einem offenen Herzen. Er treffe Angela Merkel genauso gerne wie den Kumpel am Hochofen.

Als ihr „Lebensthema“ bezeichneten die beiden, was sie mitgebracht hatten: ihre Auseinandersetzung mit Sterben und Tod, mit dem Tod ihrer Tochter. „Seitdem ist das Leben anders geworden“, so Nikolaus Schneider. Er sei lange Gemeindepfarrer gewesen und habe auch junge Menschen beerdigt. „Aber wenn die eigene Tochter stirbt, hat das noch einmal eine andere Dimension.“ Ihr beider Glauben und Hoffen habe Risse bekommen. Narben seien geblieben. „Unsere Seelen sind und bleiben verletzt.“

„Wir haben die Trennung akzeptiert, aber nicht das Ende der Liebe“, so Anne Schneider. Die Trauer könne dafür das Band sein. „Wir lieben und glauben mit offenen Fragen, warum das sein kann“, fasste Nikolaus Schneider zusammen, bevor beide aus ihrem Buch lasen: Anne Schneider die Briefe, die sie an ihre verstorbene Tochter geschrieben hatten, Nikolaus Schneider seine Reflexionen dazu. Um die dritte Strophe des Bonhoeffer-Liedes „Von guten Mächten“ ging es da zum Beispiel in einem der Briefe. „Dankbar ohne Zittern“ den Kelch des Leids anzunehmen, wie dort steht, nein, das hätte sie nie gekonnt, so Anne Schneider.

Das Wort „Vertrauen“, zugleich der Titel des neuen Buches von Nikolaus und Anne Schneider, stand im Mittelpunkt des zweiten Teils der Lesung. „Vertrauen ist ein Grundstoff des Lebens, wie die Liebe“, erklärte Nikolaus Schneider. „Ohne Vertrauen ist Leben überhaupt nicht möglich.“ In Bezug gesetzt zu dem, was ihnen mit dem frühen Tod ihrer Tochter widerfahren ist, haben die beiden für sich den von Hilde Domin geprägten Begriff des „Dennoch-Vertrauens“ verinnerlicht.

Es ist „die entscheidende Kraftquelle, die Menschen hilft, das Leben in guten und in schweren Zeiten lieben zu können – das haben unsere Tochter Meike und wir in den schwersten Stunden erlebt“, schreiben die beiden. „Auch enttäuschte Hoffnungen, Tränen, Trauer und Traurigkeit konnten bei Meike und uns dieses widerständige Vertrauen nicht zerstören – weder in Bezug auf unsere Mitmenschen noch in Bezug auf Gott.“

Nikolaus Schneider übertrug diese Gedanken auch auf das Eheleben. Glauben und Vertrauen bräuchten eine dynamische Lebenshaltung. „Wir müssen sie wachsen lassen wie unser Leben selbst.“ Die Welt sei „mehr wie Licht an oder Licht aus. In den Graustufen stecken ganz viele Schätze.“

Anne Schneiders Blick ging auch kurz in Richtung feministischer Theologie. „Ich will nicht, dass Männer das für sich in Anspruch nehmen, Gott am Altar zu repräsentieren“, betonte sie. „Da bin ich froh, dass ich evangelisch bin.“ Die Kirche habe eine Schuldgeschichte Frauen gegenüber, erklärte sie.

Die Diskussion in großer Publikumsrunde war eher kurz. Aber nebenan im kleinen Kirchenraum nutzten viele Besucher der Lesung die Gelegenheit, sich nicht nur das Buch der beiden signieren zu lassen, sondern auch in einen ganz persönlichen Austausch zu kommen. Die lange Schlange, die sich so vor dem Büchertisch bildete, störte da niemanden.

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