Schicksal der Flüchtlinge macht betroffen

Von: dawin/kalauz
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Völkerverständigung und Integration fest im Visier: Natürlich ist Mehmet Yilmaz in Hückelhoven auch regelmäßig einer der Besucher beim Fest der Kulturen. Foto: kalauz
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Lager an der türkisch-syrischen Grenze: Bislang sind rund 1,5 Millionen Menschen vor dem Terror der IS-Kämpfer geflüchtet. Foto: Stock

Hückelhoven. Die politisch angespannte Situation in der Türkei und an der Grenze zu Syrien lässt auch die im Kreis Heinsberg lebenden Mitbürger türkischer Abstammung nicht kalt. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen in Celle und in Hamburg haben gezeigt, dass der Konflikt auch außerhalb der Türkei präsent ist.

Müssen wir auch im Kreis Heinsberg mit ähnlichen Aktionen rechnen? Darüber und über die angespannte Situation in seinem Geburtsland, auch mit Blick auf die Bekämpfung der Terrormiliz, die sich Islamischer Staat (IS) nennt, sprachen wir mit dem Doverener Mehmet Yilmaz. Er stand viele Jahre an der Spitze des Verbandes Islamischer Kulturzentren (VIKZ) in Deutschland. Zwischenzeitlich hat er den Posten gegen den des Stellvertreters ausgetauscht, um sich verstärkt um „seine“ Moscheegemeinde in Hückelhoven kümmern zu können. Die Gemeinde zählt 300 zahlende Mitglieder, insgesamt besuchen die Moscheegemeinde an der Ludovicistraße etwa 1500 Mitbürger islamischen Glaubens.

Die Terrormiliz, die sich Islamischer Staat (IS) nennt, verbreitet Angst und Schrecken. Macht das den Muslimen, die in Hückelhoven leben, auch Angst?

Yilmaz: Selbstverständlich macht uns das hier auch Angst, was man von denen da in ihren Videos sieht.

Diese Terroristen tragen den Islam in ihrem Namen...

Yilmaz: Ich muss das in aller Deutlichkeit und Eindeutigkeit sagen: Unschuldige Menschen zu töten, zu foltern oder aus ihrer Heimat zu vertreiben, ist mit islamischen Werten, wie wir sie zu leben versuchen, nicht vereinbar. Wer das trotzdem tut, ist ein Verbrecher, der sich nicht nur an der Menschlichkeit, sondern auch an seiner Religion vergeht.

Wenn man die aktuelle Situation ansieht, dann unterstützt die Türkei die Kurden, die in der Stadt Kobane gegen die IS kämpfen, überhaupt nicht. Was sagt die Moscheegemeinde in Hückelhoven denn dazu?

Yilmaz: Wir leben hier in Deutschland, wir sind hier in Deutschland organisiert. Deshalb gilt unser Hauptaugenmerk den Problemen, die wir hier in Deutschland haben. Wir machen hier Bildungs- und Jugendarbeit. Deshalb halten wir uns als Gemeinde aus politischen Themen heraus und positionieren uns auch nicht zu politischen Problemen in der Türkei oder im Nahen Osten. Die Probleme dort müssen die Politiker dort oder die internationale Staatengemeinschaft lösen. Aber selbstverständlich macht uns das, was dort passiert, auch hier Sorgen. Und selbstverständlich können auch wir da nicht einfach drüber hinwegsehen.

Sie haben Verständnis für das Nichteingreifen der Türkei?

Yilmaz: Ich glaube, man sollte die Türkei beim Kampf gegen die IS nicht allein lassen. In ein Land reinzugehen, dort einzugreifen, das ist kein leichtes Unterfangen. Das weitaus größte Problem ist, wieder rauszukommen.

Die türkische Regierung hat ganz offenbar mehr Probleme mit den Kurden als mit den Dschihadisten. Wie viele der in Hückelhoven lebenden Muslime sind denn Kurden?

Yilmaz: Ich bin 1980 aus Ankara nach Deutschland gekommen, bin selbst kein Kurde. Aber wir haben auch kurdische Muslime in unserer Gemeinde. Die genaue Anzahl der kurdischen Muslime hier ist mir nicht bekannt. An dieser Stelle möchte ich deutlich sagen: In unserer Gemeinde in Hückelhoven hat es noch nie Probleme zwischen kurdisch- und türkischstämmigen Mitgliedern gegeben.

Ausschreitungen wie in Celle oder in Berlin muss man hier also nicht befürchten?

Yilmaz: Mit Sicherheit nicht. Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass es überhaupt keine Probleme gibt. Wir sind hier alle davon überzeugt, dass jeder, egal welche Nationalität er hat, zunächst einmal Mensch ist. Rasse und Aussehen sind nur äußere Merkmale. Niemand hat sich seine Rasse aussuchen können; das ist Gottes Wille. Aber jeder ist und bleibt Mensch.

Wie es aussieht, kann das innertürkische Kurdenproblem zu mehr als nur den bisherigen Protesten in den Städten führen. Das muss doch die Türken im Kreis Heinsberg auch interessieren?

Yilmaz: Ich glaube nicht, dass es in der Türkei zu einer Art Bürgerkrieg kommen wird. Die da jetzt protestieren, das ist eine Minderheit. Die meisten Kurden und die meisten Türken auch sind friedliche Menschen.

Aber es berührt euch doch. Wurde das zum Beispiel schon einmal in einem Freitagsgebet thematisiert?

Yilmaz: Selbstverständlich berührt uns das, und natürlich macht uns das auch Sorgen. Und selbstverständlich wird darüber geredet – aber nur im Privaten. Im Freitagsgebet wird über das nicht gepredigt. Wir haben zum Beispiel am 19. September in unserer Gemeinde an der bundesweiten Aktion mit dem Motto „Muslime gegen Hass und Unrecht“ teilgenommen. An diesem Tag beschäftigte sich das Freitagsgebet mit dem Thema „Frieden“. Grundsätzlich werden im Freitagsgebet in unserer Gemeinde keine politischen Themen aufgegriffen.

Wie groß ist die Moscheegemeinde in Hückelhoven eigentlich?

Yilmaz: Wir haben rund 300 beitragszahlende Mitglieder, insgesamt haben wir etwa 1500 Muslime in Hückelhoven, die unsere Gemeinde besuchen.

Aber die diskutieren doch auch über die aktuelle politische Situation in und um ihr Heimatland?

Yilmaz: Natürlich. Aber nicht in der Moschee. Wir sind eine religiös geprägte Gemeinde. Politische Diskussionen – ja selbstverständlich. Aber im privaten Kreis. Wir diskutieren in der Moschee ja auch nicht über Fußballspiele. Aber ich räume ein: Die augenblickliche politische Situation in der Türkei beschäftigt uns Türken in Deutschland natürlich sehr. Das ist ein sehr sensibles Thema.

Sensibel in welcher Weise?

Yilmaz: Wie viele Türken, die so lange wie ich in Deutschland leben, bin ich deutscher Staatsbürger, ich habe auch nur eine Staatsangehörigkeit, nur den deutschen Pass. Ich fühle mich, wie übrigens etwa die Hälfte meiner Gemeindemitglieder auch, in erster Linie also als Deutscher, aber mit türkischer Abstammung. Wir lesen zum Beispiel auch deutsche Tageszeitungen. Aber natürlich sind wir auch emotional von dem Konflikt und von den Schicksalen der Menschen betroffen, die sich jetzt in der Nachbarschaft der Türkei abspielen. Man darf nicht vergessen: Die Türkei hat bisher schon mehr als 1,5 Millionen Flüchtlinge, die aus Syrien über die Grenze geflohen sind, aufgenommen.

Viel mehr als wir hier in Deutschland...

Yilmaz: Ja. Wir fordern ein stärkeres Engagement für die Notleidenden. Unsere Religion lehrt uns, Unterdrückten zu helfen, für ihr Leben, ihr Hab und Gut einzustehen. Flüchtlinge aus diesen Ländern dürfen nicht allein gelassen werden. Sie brauchen unsere Solidarität und wohlwollende Aufnahme.

Wir müssen also derzeit im Kreis Heinsberg nicht mit solchen Aktionen wie in Celle oder in Hamburg rechnen?

Yilmaz: Nochmals: Nein. Muslime dürfen sich von extremistischen Fanatikern nicht verleiten lassen, sie müssen ein waches Auge haben. Der Koran lehrt, dass einer, der einen Menschen tötet, gleich wer er ist, die ganze Menschheit tötet. Gewalt, Hass und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit haben im Islam keinen Platz. Die Botschaft des Islam ist Frieden. Frieden mit sich selbst, Frieden mit der Umwelt und Frieden mit der ganzen Schöpfung.

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