Russland-Krise: Sinken der Milchpreise trifft die Bauern

Von: Rainer Herwartz
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Der 45-jährige Milchbauer Manfred Cremer besitzt über 200 Milchkühe. Über die Qualität des Futters lässt sich die Menge der Milchproduktion beeinflussen. Foto: Rainer Herwartz
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Kreislandwirt Hans-Gerd Joeris steht nach 40 Jahren ohne eigene Kühe noch einmal im „Karussell“. Hier werden die Kühe gemolken.

Heinsberg. Die Proteste der Landwirte dürften vielen noch gut in Erinnerung sein. Tausende Liter Milch wurden 2009 demonstrativ auf einem Acker bei Aphoven ins Erdreich gekippt. Ähnliche Aktionen zogen sich damals durch die gesamte Republik. Grund waren die dramatisch gesunkenen Milchpreise. Auch jetzt könnte ein solches Szenario wieder drohen.

Bereits Ende des ersten Halbjahres erfuhr der Weltmarkt ein kurzzeitiges Milch-Überangebot und die Preise fur Standardprodukte gerieten unter Druck. Viele Molkereibetriebe sind nun zudem vom umfangreichen russischen Importverbot ausländischer Guter betroffen. Einige Discounter nutzten dies bereits, um die Preise zu senken. In Folge des Boykotts können allein die EU-Molkereien mehr als 200 Millionen Kilogramm Käse nicht mehr nach Russland exportieren. Das entspricht etwa zwei Milliarden Kilogramm Rohmilch.

„Was den Einfuhrstopp von Schweinefleisch angeht, haben die Russen schon Anfang des Jahres ihren Markt für westliche Produkte dichtgemacht“, sagt Heinsbergs Kreislandwirt Hans-Gerd Joeris. „Zur Begründung wurde die Afrikanische Schweinepest ins Feld geführt, die in Polen, Litauen und Lettland aufgetaucht war. Als Retourkutsche auf die EU-Sanktionen im Hinblick auf die Situation in der Ukraine werden jetzt auch Rindfleisch, Hähnchenfleisch, Obst, Gemüse und Milchprodukte aus der EU nicht mehr eingeführt.“

Dass die Handelsketten nun schon versuchten, die Einkaufspreise bei den Erzeugern zu drücken, weil ja deshalb in der EU ein Überangebot bestehe, ist für Joeris wenig schlüssig. Schließlich komme es mittelfristig nur zu einer Verschiebung von Warenströmen. Will sagen: „Wenn zum Beispiel jetzt Milch aus der EU nicht mehr nach Russland geliefert wird und sich Russland die Milch aus Neuseeland und Kanada beschafft, entsteht auf diese Weise ja dort eine Versorgungslücke bei den bisherigen Abnehmern dieser Länder. In diese Lücke würden dann mittelfristig europäische Milchkonzerne einspringen können.“

Kurzfristig allerdings, das räumt auch Joeris ein, könne es durchaus Probleme geben, „da ja Milch und Fleisch einem permanenten Produktionsfluss unterliegen und neugeborene Ferkel nun mal nicht gestapelt werden können“.

Manfred Cremer, Eigner von über 200 Milchkühen, kann dies bestätigen. „Aus dem Pool der Kontrakte, die die Molkereien für Käse, Butter, H-Milch, Joghurt oder andere Milchprodukte haben, erhalten wir unser Milchgeld. Wenn Aldi zum Beispiel nun den Preis senkt, bedeutet das, dass er kurzfristig auch für uns sinkt. Schon jetzt wurde bei einigen Molkereien der Auszahlungspreis um zwei Cent gesenkt. Im August lag der Basispreis bei mir noch bei 37 Cent. Wir schätzen aber, dass er für die Erzeuger noch weiter bröckeln wird.“

Um auch einem Nicht-Landwirten einmal zu verdeutlichen, welche Auswirkungen ein Preisverfall haben kann, skizziert Cremer ein Beispiel. „Würde der Liter Milch von 40 Cent auf 35 zurückgehen, also um fünf Cent, bedeutet das für eine Kuh, die etwa 8500 Liter Milch im Jahr gibt, einen Verlust von 425 Euro. Hinzu kämen die Mindereinnahmen beim Schlachtkuhverkauf von etwa 200 Euro, umgerechnet etwa 70 Euro pro Jahr Nutzungsdauer, sowie die geringeren Erlöse beim Kälberverkauf von etwa 50 Euro im Jahr.“

Grundsätzlich, so erklärt der 45-jährige Milchbauer, besäßen die Landwirte allerdings schon eine gewisse Erfahrung im Umgang mit den Wellentälern, die sie im Laufe der Jahre durchschritten hätten. „Wir müssen eben sehen, dass wir unsere Investitionen entsprechend ausrichten. Dringend nötig ist eine möglichst genaue Liquiditätsvorschau.“

Wie die Stimmungslage derzeit bei den Kollegen in den landwirtschaftlichen Betrieben sei? „Sie ist getrübt und man weiß nicht, wie tief der Milchpreis noch fällt, wie lange das Tief anhält und wie groß das Finanzloch wird.“

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