Rettungsdienst setzt auf Deeskalation

Von: Rainer Herwartz
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Sie wollen nur helfen und müssen sich dennoch von Menschen nicht selten im Einsatz beschimpfen oder attackieren lassen: Rettungsdienst und Feuerwehr. Foto: imago/Steffen Schellhorn

Kreis Heinsberg. Beleidigt, bespuckt, geschlagen – und das bei der Ausübung eines Berufes, der für das gesellschaftliche Zusammenleben unabdingbar ist. Polizisten könnten hierzu schon lange ein trauriges Lied anstimmen. Der Respekt, der dem Berufsstand noch vor Jahrzehnten entgegengebracht wurde, ist verflogen.

Die Gründe sind vielschichtig und reichen von Erziehungsdefiziten im Elternhaus potenzieller Straftäter bis hin zu kulturellen Ursachen. Besonders fatal ist, dass sich diese unsägliche Entwicklung mittlerweile auch schon auf Feuerwehr und Rettungssanitäter ausgeweitet hat. Laut Statistik des Landeskriminalamts hat sich die Zahl der Übergriffe auf Rettungskräfte in Nordrhein-Westfalen pro Jahr von 2011 bis 2015 um mehr als 70 Prozent erhöht. Und eine Besserung ist nicht in Sicht.

Es habe „schon immer“ ein gewisses Gewaltpotenzial im Rettungsdienst gegeben, sagt Ralf Rademacher, der Geschäftsführer des Rettungsdienstes im Kreis Heinsberg. „Aber mit einem Stadt-Land-Gefälle.“

Rademacher, der den Rettungsdienst seit seiner Gründung am 1. August 2011 leitet, war vor seinem Betriebswirtschaftsstudium selbst gelernter Rettungssanitäter. In Neuss habe er sich seine ersten Sporen verdient. „Anfang der 90er Jahre bin ich selbst schon mit einer Pistole bedroht worden“, erinnert sich der 49-Jährige noch gut.

Gemeinsam mit einem Kollegen war er von der Familie eines unter Betäubungsmitteln stehenden jungen Mannes zur Hilfe gerufen worden. Als sie ihn ins Krankenhaus bringen wollten, habe er plötzlich die Pistole aus einer Schreibtischschublade gezogen und die beiden Rettungssanitäter angeherrscht, zu verschwinden. Da gab es dann auch nicht mehr viele Alternativen.

„Einzelfälle hat es auch auf dem Land schon früher gegeben, in der Stadt mit einer anderen Sozialstruktur nur eben häufiger.“ Seine Kollegen wüssten zum Beispiel von einer Geschichte aus den 80er Jahren zu berichten. Damals soll ein Sanitäter in Heinsberg sogar aus dem fahrenden Rettungswagen gesprungen sein, weil der Patient plötzlich ein Messer gezückt habe.

Zum Glück seien derlei Vorfälle im Kreis Heinsberg noch die Ausnahme. „Was sich geändert hat, sind die verbalen Attacken. Eine gewisse Respekt- und Distanzlosigkeit ist sicher auch bei uns angekommen. Dabei sind es gar nicht immer die unmittelbar Betroffenen, die herumkrakeelen, sondern die herumstehenden Freunde oder mittelbar durch den Einsatz Betroffene.“ Diese fühlten sich nicht selten gestört und ließen ihrem Unmut freien Lauf.

Diese zusätzliche Belastung für die Rettungsteams dürfte in den letzten Jahren ebenso zugenommen haben wie die Zahl der Einsätze generell. 14 Rettungswagen, vier Notarztwagen und sechs Krankentransportfahrzeuge würden täglich mit den 200 Einsatzkräften bestückt, erläutert Rademacher. „Damit bedienen wir rund 23 000 Rettungseinsätze im Jahr. Davon sind 7500 mit Notarzt und 8500 Krankentransporte.

Die Tendenz bei den Notfalleinsätzen ist steigend. Rund 7 bis 10 Prozent in den letzten Jahren. Nur ein Viertel dieser Steigerung lässt sich jedoch mit der älter werdenden Gesellschaft erklären. Ein anderes Faktum ist offenbar das gestiegene Anspruchsdenken.“

Auch die Notfallambulanzen in den Krankenhäusern erlebten dies, sagt Rademacher. „Es besteht der Anspruch: Es gibt einen Rettungsdienst und der Staat muss für mich sorgen“, glaubt der Rettungsdienst-Chef. Ob dieses Anspruchsdenken letztlich mit dem fehlenden Respekt vor der Arbeit des Rettungsdienstes korreliere, sei wohl eine philosophische Frage, meint er.

Doch wie schützen sich seine Mitarbeiter denn nun vor etwaigen Übergriffen? In manchen Unternehmen des Rettungsdienstes rücken die Sanis mittlerweile mit einer Stichschutzweste und Pfefferspray aus oder absolvieren Selbstverteidigungskurse.

„Wir setzen eher auf Deeskalation. Jeder Mitarbeiter im Einsatzdienst hat im letzten Jahr einen Tag Deeskalationstraining bei Polizeibeamten des Studieninstituts Niederrhein absolviert. Das war eine sehr gute Fortbildung. Es ging im Wesentlichen darum, die Sinne zu schärfen. Wann könnte eine Situation eskalieren, wie kann ich meinen Kollegen schützen, welche Rückzugsmöglichkeiten gibt es?“ Vieles spiele sich letztlich im Kopf ab, so Rademacher. „Das Hauptproblem ist, dass die Leute nach einem einschlägigen Erlebnis nicht mehr unbelastet in gewisse Gebiete einfahren. Es gibt da eine riesengroße Dunkelziffer.“

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