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Realschüler erringen Landessieg beim Geschichtswettbewerb

Von: Nicola Gottfroh
Letzte Aktualisierung:
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Monatelange Recherche: Sechs Schülerinnen der Realschule Europaschule Erkelenz haben das Schicksal einer Jüdin, die in Terheeg versteckt, jedoch verraten und deportiert wurde aufgedeckt. Damit haben sie sich den Titel Landessieger beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gesichert. Tutorin Janine Geuer (hinten rechts) ist stolz.
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Toni Marcus ist 1944 in Auschwitz-Birkenau gestorben.

Erkelenz. Die ältere Dame auf dem alten, schon verblichenen Foto aus den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts blickt mit freundlichem Blick und einnehmendem Lächeln in die Kamera. Das Bild hat an einem sonnigen Tag einen Moment eingefangen, in dem sie sich sicher fühlte und mit einem kleinen Jungen an der Hand über einen Bauernhof schlenderte. Es ist einer der letzten Sommer, bevor die Nationalsozialisten ihr Lächeln und ihr Leben endgültig rauben.

Nun, 70 Jahre und viele Sommer später, haben sechs Schülerinnen der Realschule Europaschule Erkelenz unter der Leitung ihrer Lehrerin Janine Geuer das Schicksal der Frau auf der Fotografie aufgedeckt und die Ergebnisse ihrer umfassenden Recherchearbeit „Denunziert – verfolgt – ermordet. Frau Marcus. Das Schicksal einer jüdischen Frau im Nationalsozialismus“ beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten eingereicht. Unter 1321 eingegangenen Beiträgen ausgewählt, wurde die Arbeit der Schülerinnen von der Fachjury mit dem Landessiegertitel NRW ausgezeichnet.

Das Schicksal der aus Mönchengladbach stammenden Jüdin Toni Marcus, die in der NS-Zeit von der Landwirtfamilie Emonds auf deren Hof in Erkelenz-Terheeg versteckt, aber später von Regimetreuen verraten wurde, bewegte scheinbar auch die Expertenrunde. Dass die Schülerinnen Sarah Heyer, Carolin Maurin, Jacqueline Brockob, Hanna Jacobi, Anja Kremer und Katja Schöpgens das weitere Schicksal der Toni Marcus rekonstruieren konnten, das bis dahin im Dunkeln lag, würdigte die Jury mit dem Landessieg.

Nicht nur die Realschülerinnen und ihre Tutorin Janine Geuer sind stolz auf diesen Erfolg. Auch Schulrektor Willi Schmitz zeigte sich begeistert. „Diese Arbeit genügt wissenschaftlichen Standards – so eine Projektarbeit habe ich in den 30 Jahren meines Lehrer-Daseins noch nicht erlebt“, sagte er nach der Preisverleihung am Montag, die im Haus der Geschichte in Bonn stattfand.

Die Idee, das Schicksal der damals schon weit über 70 Lenze zählenden Seniorin aufzudecken, entstand bei einem Besuch im Stadtarchiv, dem Gedächtnis Erkelenz‘. Dort erinnerte sich Hubert Rütten an die Geschichte von Toni Marcus, erzählte den Mädchen, dass sie auf dem Bauernhof der Familie Emonds in Terheeg versteckt wurde – und setzte die Zehntklässlerinnen, die auf Themensuche für den Wettbewerb waren, auf die Spur der Verschollenen.

Eine erste Fährte konnte Lucia Skavron-Emonds legen. Die Tochter des Bauern, der Toni Marcus schützte, zeichnete ein Bild der Frau, die für die 16-jährigen Schülerinnen bis dahin nur ein Name gewesen war. Da Lucia Emonds selbst aber erst nach Kriegsende geboren wurde, kannte sie Toni Marcus nur aus Erzählungen. Ihre Brüder dagegen erinnerten sich gut an Toni Marcus, die auf dem Hof der Eltern als gute Seele und Zieh-Oma gelebt hatte. Sie halfen den jungen Frauen mit Daten und Fakten weiter, sich an die Fährte der Frau zu heften und ihr Schicksal aufzudecken.

Nachdem sich die Schülerinnen ein Bild vom Menschen, der Mutter, der „jüdischen Katholikin“ Toni Marcus gemacht hatten, ging die Arbeit erst richtig los, es folgte eine monatelange Detektivarbeit.

Wie die Historiker wühlten sie sich nach Schulschluss fünf Monate lang durch Akten, konferierten mit Behörden und Ämtern. Und selbst die einfache Suche nach dem Namen in den historischen Unterlagen und bei Telefonaten mit Behörden stellte sich als schwierig heraus, denn Toni Marcus fand sich unter verschiedenen Namen. „Die Vielzahl von Vornamen, die Frau Marcus sich selbst gab, oder die sie von anderen Menschen bekam, machte die Suche nach ihr nicht leichter. In der Geburtsurkunde hieß sie Toni, sie selbst nannte sich später Maria Antonia und durch die Nazis kam der Pflichtname Sarah hinzu“, berichtet Tutorin Janine Geuer.

Oft seien sie in der Recherche schlicht und ergreifend steckengeblieben. Andere Male in der Sackgasse geendet, wenn sie auf die falsche Maria Marcus in den Unterlagen stießen und sich an ihre Fersen hefteten.

Und doch fanden die Schülerinnen kurz vor Abgabeschluss heraus, was genau mit Toni Marcus geschehen war. In einer Todesanzeige, die die Hoffnungen und den Glauben der Familie Emonds, dass die Freundin eines natürlichen Todes gestorben sei, zerschmetterte. Für die Schülerinnen zeichnete sich ein Schicksal ab, das den sechs jungen Frauen ganz nahe ging. Von der Familie Emonds wussten sie, dass Toni Marcus nie den Judenstern trug und deswegen im Juli 1942 von der Gestapo verhört wurde.

Kontakt verloren

Genau zwei Wochen nach dem Verhör, so erklärten die Zeitzeugen, sei sie nach Theresienstadt deportiert worden. Nach der Deportation verlor Familie Emonds den Kontakt zur guten Seele. Vermutlich, so glaubten sie, sei Toni Marcus in Theresienstadt aufgrund ihres hohen Alters gestorben.

Und bis diesen letzten Punkt konnten sie den Weg der Toni Marcus auch nachzeichnen. Allerdings, so haben die herausgefunden, kam es für Marcus schlimmer, als befürchtet: Zwar lebte und überlebte die Seniorin noch zwei Jahre in Theresienstadt, doch im Juli 1944 wurde sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Noch am Tage ihrer Ankunft wurde sie ermordet. „Vermutlich endete ihr Leben in einer Gaskammer“, sagt Schülerin Caroline Maurin. Das macht die Mädchen bei all ihrem Rechercheerfolg doch traurig.

„Sie hat uns bewegt. Wir hatten das Gefühl, so nah dran zu sein an Toni Marcus Schicksal. Da war zum einen die räumliche Nähe – immerhin hat sie in der Region gelebt. Vor allem hatten wir aber auch das Gefühl, Toni Marcus persönlich zu kennen“, sagt Hanna Jacobi. „Zudem hat uns das Schicksal ergriffen, weil sie einfach eine liebe, alte Dame zu sein schien“, erklärt Katja Schöpgens. Zum ersten Mal haben die Schülerinnen am Beispiel eines Menschen, den sie zu kennen schienen, erlebt, wie schrecklich die Zeit des Nationalsozialismus war. Für die Schülerinnen, die am Dienstag ihre Entlassfeier gefeiert haben, ist das Projekt nun abgeschlossen. Für Janine Geuer jedoch noch lange nicht. Sie wird im Staatsarchiv die Gestapo-Akte öffnen lassen, um herauszufinden, wer Toni Marcus verraten hat. „Um Lücken zu füllen“, sagt sie.

Die Landessieger haben nun die Chance, mit einem von 50 Bundespreisen ausgezeichnet zu werden.

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