Projekt Gips: Spielen, schreiben, gehen mit Handicap

Von: Helmut Wichlatz
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Die Welt aus Sicht eines Behinderten: Im Projekt Gips kommen Menschen mit Handicap in die Erkelenzer Europaschule und berichten von ihren Erfahrungen. Die Realschüler können an unterschiedlichen Stationen ausprobieren, wie sich der Alltag mit einer Behinderung bewältigen lässt. Foto: dpa
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Wie leben Menschen mit Behinderung? Norbert Voigt berichtet von seinen Erfahrungen. Foto: Wichlatz
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Klassenlehrer Steffen Jäger probiert das Damespielen ohne Hände. Foto: Wichlatz

Erkelenz. Steffen Jäger spielt Dame. Dafür muss er den Kopf weit über das Spielbrett beugen und gut zielen. Denn den Stein bewegt er mit einem Stock, an dem ein kleiner Magnet befestigt ist. Den Stock hat er an der Stirn angebracht. So wird eine Partie Dame zu einer Konzentrationsübung.

Wenn Jäger seinen Zug gemacht hat, gibt er das Stirnband mit dem Stock weiter, damit seine Mitspieler auch einen Zug machen können. Wie ist der Alltag mit einer Behinderung? Steffen Jäger ist der Klassenlehrer der Klasse 6d der Erkelenzer Europaschule. Er und seine Schüler wollten es wissen und am eigenen Leib erleben, wie Menschen mit Behinderung das Leben meistern. Dafür haben sie die Gruppe von Gips eingeladen. Das Team besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, sagt Norbert Voigt. Er ist seit einigen Monaten dabei. Voigt ist ein sehr engagierter Mensch, der es versteht, seine Anliegen anzubringen.

Spielerischer Zugang

„Gips S&L“ steht für „Gehandicapten Informatie Project Schoelen Spelen & Leren“. Der Verein, der das Projekt ins Leben gerufen hat, stammt aus dem niederländischen Kerkrade. Die Idee besteht darin, den Schülern aus kompetenter Sicht und spielerisch einen Zugang zum Thema „Handicap“ zu geben. Und zwar zunächst spielerisch. Dafür wird ein Parcours aufgebaut, bei dem es auch um Geschicklichkeit und Merkfähigkeit geht: um den Umgang mit dem Rollstuhl, das Schreiben in Blindenschrift oder mit dem Mund.

Seit rund vier Jahren engagiert sich der Verein auch auf der deutschen Seite der Grenze. Perry Geraedts kommt aus den Niederlanden und ist mit der deutschen Gips-Gruppe unterwegs. Er betreut die Station, in der die Schüler ihren Namen in Blindenschrift schreiben sollen. „Ich kann auch nicht Braille schreiben“, räumt er ein. „Aber Buchstabe für Buchstabe komme ich schon voran.“ Die Brailleschrift wird von stark Sehbehinderten und Blinden benutzt. Die Schrift besteht aus Punktmustern, die – von hinten in das Papier gepresst – mit den Fingerspitzen als Erhöhungen zu ertasten sind. Wichtig sei, dass es in Braille auch eine „Leertaste“ gebe, die das Lesen sehr erleichtert. „Sonst gibt es Bandwurmwörter.“

An einem anderen Tisch wird mit dem Mund geschrieben, was sich auch als durchaus anspruchsvoll herausstellt. An allen Stationen waren Gips-Mitglieder, die zeigten und erklärten. „Die Schüler sind meistens sehr aufgeschlossen“, sagt Sylvia Benz-Kohnen. Zwei- bis dreimal ist die Gruppe pro Woche an verschiedenen Schulen und in immer wechselnder Besetzung im Einsatz.

Sie ist seit rund vier Jahren dabei und sucht Menschen mit Behinderung, die bereit sind, über sich und ihre Erfahrungen zu sprechen. Menschen wie Willi Sonnenschein. Der 66-jährige ist an Parkinson erkrankt und wirkt auf die Schüler zuerst abwesend, weil er in sich zusammengesunken im Rollstuhl an seiner Spielestation sitzt. Vor rund zehn Jahren bemerkte der Lehrer, dass etwas nicht stimmte: „Es stellten sich Lähmungserscheinungen ein, die ich mir nicht erklären konnte.“ Die Diagnose habe ihn nicht umgehauen. „Ich habe mich schnell damit abgefunden und das Beste aus meiner Situation gemacht“, sagt er. Seine Klasse an der Oberbrucher Hauptschule hat er noch bis zum Abschluss unterrichtet, dann ging es nicht mehr. „Als dann im Verkehr die Frauen hinter mir gehupt haben, habe ich das Autofahren drangegeben“, scherzt er.

Kein Unterrichtsmaterial

Seit drei Jahren wohnt Willi Sonnenschein in einem Heim in Oberbruch. Am gesellschaftlichen und sozialen Leben nimmt der ehemalige Sportlehrer immer noch teil. An seiner Station bekommen die Schüler ein Stirnband aufgesetzt, an dem vorne ein Stab mit Magnet angebracht ist. Ohne Hände, aber mit viel Augenmaß, müssen sie die Spielsteine auf dem Feld bewegen. Da bekommt das Damespiel eine andere Qualität.

Steffen Jäger hat seine Schüler recht unvermittelt mit dem Projekt konfrontiert, betont er. Denn Unterrichtsmaterialien gibt es noch nicht.

Auf dem Flur können die Schüler sich blind mit dem Stock tastend orientieren oder mit dem Rollstuhl ihre Geschicklichkeit testen. Das beginnt schon beim Hinsetzen. Am Stuhl sollten die Bremsen angezogen sein, sonst landet man auf dem Po.

„Es ist wichtig, dass die Schüler ein Gespür dafür bekommen, wie Menschen mit Behinderung die Welt wahrnehmen und mit ihr umgehen“, sagt Jäger. Nach der spielerischen folgt bei einem zweiten Besuch die inhaltliche Annäherung. „Man kann uns alles fragen“, sagt Norbert Voigt. „Es gibt fast nichts, worauf ich keine Antwort weiß.“

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