Probleme an der Erkelenzer Handballbasis

Von: Daniel Gerhards
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Ist der Handball in der Krise? Die Antwort ist nicht einfach. Die Verantwortlichen vom TV Erkelenz sehen viele Probleme. Engagierte Trainer könnten Kinder und Jugendliche trotzdem begeistern. Fotos: Daniel Gerhards Foto: Daniel Gerhards

Erkelenz. Schön war‘s. „Wintermärchen“ 2007: Deutschland gewinnt das Finale der Handball-Weltmeisterschaft 29:24 gegen Polen. Der Jubel ist groß, die Begeisterung riesig. Im Fernsehen ist die Weltmeisterschaft ein Ereignis.

Thorsten Frings, Handballtrainer beim TV Erkelenz, sieht das Endspiel live in der Köln-Arena. Acht Jahre ist dieser Erfolg der Männer des damaligen Bundestrainers Heiner Brand nun her. Die Vereine an der Basis haben nicht profitiert. Ein Handball-Boom ist ausgeblieben. Ein Erklärungsversuch: „Die großen Turniere finden ja immer im Winter statt. Da geht man nicht nach draußen, macht kein Public Viewing und kein Autokorso“, sagt Frings.

Deshalb müssten die Handballvereine die Kinder immer noch aktiv von der Straße holen, sagt Jürgen Sorgalla, Abteilungsleiter Handball beim TV Erkelenz. „Nach dem Weltmeistertitel gab es zwar ein paar Anmeldungen, aber nicht übermäßig viele“, sagt Sorgalla.

Aber das ist nur ein Aspekt des Nachwuchsproblems des deutschen Handballs. Bei den Minis, also den Kleinsten Handballern des TV Erkelenz, gibt es einen Übungsleiter, der 19 Kinder zusammen mit einer Mutter trainiert. Zu wenig für ein Training, bei dem die Kinder in kleinen Gruppen unterschiedliche Übungen machen können, sagt Frings.

Das heißt, wenn nun viel mehr Kinder zum Handball kommen würden, bräuchten die Vereine erstmal weitere Trainer. Derzeit laufe die Mitgliederwerbung ausschließlich über „Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Frings: „Wenn wir richtig Werbung machen würden, würden uns die Kinder die Bude einrennen.“ Dann stünde der Verein vor einem Trainer-Problem.

Übungsleiter zu finden, sei schwierig. Die müssten die nötige Zeit und den Spaß an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben, sagt Sorgalla. Ganz nebenbei sollten sie auch noch etwas vom Handball verstehen. Die meisten Trainer seien ehemalige Spieler des TV oder Eltern von aktiven Kindern. Der Verein legt viel Wert darauf, dass die Übungsleiter gut ausgebildet sind. Deshalb übernimmt er die Kosten für die Trainer-C-Lizenz. Das sind 680 Euro pro Übungsleiter.

Erschwert werde die Jugendarbeit auch durch immer neue Vorgaben des Verbands. So werden zum Beispiel in der F-Jugend die Tore nicht gezählt. In der E-Jugend dürfen die Abwehrspieler nicht in die Hälfte des Gegners. „Der Schuss geht nach hinten los. Damit verliert man Jugendliche“, sagt Frings. Besonders talentierte Spieler würden ausgebremst. Frings will deshalb demnächst ein F-Jugend-Team für den Spielbetrieb in der E-Jugend melden.

Dann müssen die Kinder zwar gegen etwas ältere antreten, „aber sie wollen nicht ohne Tore spielen“, sagt Frings. Die Trainer müssen sich, dann den Kopf darüber zerbrechen, wie sie die Kinder bei der Stange halten – eine harte Nuss für starke Typen.

Noch schwieriger sei der Sprung von der A-Jugend zu den Senioren. Denn in der A-Jugend müsse man noch eine offensive Manndeckung spielen. Das sorgt für schnelle Tore. Aber bei den Erwachsenen würden meist die von den Profis und der Nationalmannschaft bekannten 6-0- oder 5-1-Deckungen gespielt, bei denen die Verteidiger am Kreis auf die Angreifer warten. Und dabei gehe es richtig zur Sache. „Die Härte kommt erst bei den Senioren so richtig dazu“, sagt Frings, der auch Athletiktrainer der 1. Herrenmannschaft ist. Die Spieler, die grade aus der Jugend kommen, wüssten gar nicht, wie sie richtig – hart und fair – zupacken sollen.

Trotz aller Schwierigkeiten laufe es beim TV gut: Von den knapp 200 aktiven Mitglieder der Handballabteilung spielt der bei weitem größte Teil in der Jugend. Und die Nachwuchsmannschaften seien erfolgreich. Das liege am Engagement seiner Mitstreiter, sagt Sorgalla. Bei den Mädchen und weiblichen Jugendlichen sind alle Altersklassen besetzt. Bei den männlichen Teams sieht es bei den jüngeren gut aus: viele Teams liegen auf vorderen Tabellenplätzen.

Dafür gibt es keine A-Jugend und keine C-Jugend. Deshalb fehle auch „frisches Blut“ für die 1. Herren-Mannschaft, die in der Landesliga spielt. Das führt wiederum dazu, dass dieses Vorzeigeprojekt des Erkelenzer Handballs ab und an von Personalsorgen geplagt ist. Zum letzten Liga-Spiel trat das Team nur zu fünft an. Dass es gegen vollzählige Gegner eine ordentlich Klatsche gab, ist nicht verwunderlich.

Davon dass nach der WM, die seit Donnerstag in Katar läuft, eine Handball-Euphorie ausbricht, ist nicht auszugehen. Schließlich sind die Spiele nicht einmal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen. „Das ist traurig“, sagt Frings. Denn so verliere der Sport weiter an Popularität. Von wegen „Wintermärchen“.

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