Preisgekrönte Spurensuche geht weiter

Von: Helmut Wichlatz
Letzte Aktualisierung:
6738276.jpg
Dem Nazi-Terror auf der Spur: Sarah Heyer, Janine Geuer, Carolin Maurin, und Jacqueline Brockob (von links nach rechts). Foto: Stefan Klassen

Erkelenz. Am Ende stand die Gewissheit, dass Toni Marcus in Auschwitz ermordet wurde. Damit fand eine Forschungsarbeit über die Frau, die während der Nazidiktatur in Erkelenz-Terheeg Zuflucht bei der Landwirtsfamilie Emonds fand, ein trauriges Ende.

Sechs Schülerinnen der Europaschule hatten sich unter der Leitung von Geschichtslehrerin Janine Geuer bei einem bundesweiten Geschichtswettbewerb Marcus‘ Geschichte angenommen und so ihr Schicksal aufgedeckt. Dafür wurden sie nun von Bundespräsident Joachim Gauck mit einem Preis ausgezeichnet.

Im Laufe der fünfmonatigen Beschäftigung mit dem Schicksal von Toni Marcus nahm diese für die Schülerinnen immer mehr Gestalt an. Sie lernten bei ihren Recherchen eine lebensfrohe Frau kennen, der das Schicksal wegen ihrer Religionszugehörigkeit übel mitspielte. Sie stammte aus Mönchengladbach, wo ihre Eltern ein Modehaus betrieben, das in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. Sie selbst hat sich allem Anschein nach nie als Jüdin gesehen. Nach einer Begegnung mit dem Geistlichen Josef Emonds war sie zum Katholizismus übergetreten. Diesem Selbstverständnis folgend, trug sie auch keinen Judenstern – was ihr letztlich zum Verhängnis wurde.

Bis nach Theresienstadt

Nachdem sie aus Erkelenz fliehen musste, weil sie denunziert worden war und die Familie Emonds nicht in Gefahr bringen wollte, wurde sie noch im Zug festgenommen und interniert. Bis Theresienstadt konnten die Emonds ihre Spur verfolgen und Kontakt halten. Dann brach die Verbindung ab und die Ungewissheit blieb.

„Die quälende Ungewissheit ist wahrscheinlich schlimmer als das Wissen um das Schicksal eines Freundes“, betont Janine Geuer. Auch für die Schülerinnen war es wie ein Abschied. „Ich hatte das Gefühl, als sei eine gute Bekannte gestorben“, erklärt Sarah Heyer. Durch die Recherche hatten sie ein Bild von Toni Marcus gewonnen und Sympathien aufgebaut. Natürlich wurde die Forschung auch von der Hoffnung begleitet, dass sie es „irgendwie geschafft“ haben könnte. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch Jacqueline Brockob beschreibt es als „bedrückenden Moment“, als Tonis Name auf einer der Todeslisten der Vernichtungslager gefunden wurde. Die Arbeit habe auch ihr Bild von den Mitmenschen verändert.

Aufwändige Recherchen

Nazi-Deutschland habe sonst immer nur weit in der Vergangenheit und anderswo stattgefunden. Nun folgten die Schülerinnen seinen brutalen und kaltblütigen Spuren im kleinen Dorf bei Erkelenz. Sie endeten in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau.

Für ihre Arbeit „Vertraute Fremde. Nachbarn in der Geschichte“ gingen Sarah Heyer, Jacqueline Bockob und ihre Mitschülerinnen Hanna Jacobi, Katja Schöpgens, Anja Kremer und Carolin Maurin teilweise mit detektivischem Eifer ans Werk. Denn Frau Marcus hatte mehrfach ihre Vornamen geändert, zuletzt trug sie unter dem Zwang der Nazis den jüdischen Pflichtnamen „Sarah“. Oft führten Fährten in Sackgassen und zu falschen Personen. Auch in Terheeg hatten sich die Realschülerinnen umgehört und nach Zeitzeugen gesucht, fanden aber kaum jemanden, der Auskunft geben konnte und wollte.

Dennoch: „Durch Toni hat die Geschichte ein Gesicht bekommen“, ist sich Jacqueline sicher. Sie hat nach dem Wechsel auf das benachbarte Cusanus-Gymnasium in Erkelenz Geschichte als Hauptfach gewählt.

Realschulleiter Willi Schmitz ist sehr stolz auf seine ehemaligen Schülerinnen. Und ein bisschen neidisch. „Ich hätte gerne mitgeforscht und habe mich über den Stand des Projekts informiert, so oft ich konnte“, sagt er. „Die Arbeit war sehr spannend.“ Die selbstständige Erforschung der jüngeren Geschichte hält er für einen guten Weg, um der jüngeren Generation Wissen und Verständnis zu vermitteln. Angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit der Schüler, die an dem Bundeswettbewerb teilgenommen hatten, Gymnasiasten der Sekundarstufe 2 waren, mache die Leistung der Mädchen noch bemerkenswerter.

Für Janine Geuer geht die Arbeit weiter. Sie will den Tätern, die Toni Marcus damals denunziert haben, nachträglich einen Namen und ein Gesicht geben. „Erst dann ist die Arbeit beendet.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert