Polizisten immer öfter Opfer von Gewalt

Von: Rainer Herwartz
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Die Konfrontation mit Gewalt erleben Polizisten nicht nur beim Aufeinandertreffen mit Hooligans. Auch in der täglichen Arbeit hat der Respekt vor den Odnungshütern deutlich nachgelassen. Foto: dpa
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Polizeidirektor Friedhelm Hinzen, Abteilungsleiter Polizei (links), und sein Kollege Hauptkommissar Patrik Mensing zeigen, wie sich die Polizisten im Alltag schützen. Foto: Herwartz

Kreis Heinsberg. Rund 162 Polizeibeamte werden bundesweit an jedem Tag Opfer einer Gewalttat. Diese Zahl nennt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) alarmierend. Besonders bei Routineeinsätzen wie Verkehrskontrollen oder Einsätzen wegen häuslicher Gewalt hätten entsprechende Vorfälle deutlich zugenommen. Auch die Ordnungshüter im Kreis Heinsberg bleiben davon nicht verschont.

„Wir bewältigen im Kreis Heinsberg 27.000 Einsätze im Jahr. Hinzu kommt noch eine Vielzahl von Bürgerkontakten“, erläutert Polizeidirektor Friedhelm Hinzen, der Abteilungsleiter Polizei im Kreis. „Die Mehrzahl dieser Einsätze verläuft konfliktfrei. Dennoch gibt es eine Entwicklung, die uns Sorge bereitet.“ Hinzen unterteilt dabei auf der einen Seite „richtige Gewaltstraftaten“ gegen Polizisten von Schlägen bis hin zu Angriffen mit Waffen. Auf der anderen Seite stünden die „nicht tätlichen Angriffe“. Darunter versteht Hinzen Vorgänge wie das Bedrängen von ermittelnden Beamten, das Umzingeln, Anschreien oder die Androhung von Gewalt. „Diese aggressiven Verhaltensweisen bewegen sich unterhalb der Strafbarkeitsgrenze, machen mir aber gleichfalls Sorgen.“

69 Fälle von Gewalt 2013

Wurden im Jahr 2010 noch 50 Fälle von Gewalt gegen Polizeibeamte im Kreis registriert, so waren es im letzten Jahr 69. „Das bedeutet rund eineinhalb Fälle pro Woche. Mehr als einmal in der Woche wird also durch Gewalt ein Kollege verletzt“, verdeutlicht der Polizeidirektor die Lage. „Die Hemmschwelle vor der Anwendung von Gewalt ist deutlich niedriger als noch vor Jahren“, glaubt Hinzen. „Es herrscht ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft.“ Über die Gründe könne man wohl nur spekulieren. Fest stehe allerdings: „Entgegen der üblichen Meinung liegt die Zahl aggressiver Einzeltäter bei Menschen mit Migrationshintergrund deutlich niedriger als bei den Deutschen.“ Die typischen Gewalttäter seien männliche Deutsche, die alleine handelten, zwischen 21 und 30 Jahre alt seien und in vielen Fällen polizeibekannt oder vorbestraft. Auch spielten meist Alkohol oder Drogen eine Rolle.

„Ein Problem, das wir im Auge halten müssen, sind die psychischen Folgen eines gewaltsamen Übergriffs. Ein gebrochener Daumen heilt recht schnell, aber welche psychischen Folgen ein solcher Vorfall hat, lässt sich nur schwer einschätzen“, weiß Hinzen aus Erfahrung. Er selbst habe alle Funktionen bei der Polizei durchlaufen. Er war auf Streife, Dienstgruppenleiter und sogar Referent für Einsatzangelegenheiten beim NRW-Innenminister. Die Palette bei einem betroffenen Kollegen könne sich von einer Verunsicherung über Vermeideverhalten bei gefährlichen Situationen bis zu einer veränderten Frustrationstoleranz erstrecken. Letzteres führe dann möglicherweise zu einer Überreaktion.

Im Kampf gegen diesen imaginären Gegner habe sich in den letzten Jahren so einiges getan, sagt Hinzen, auch in den Köpfen der Polizisten. Wäre früher kaum jemand auf die Idee gekommen, eine psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen, weil er gegenüber den Kollegen Stärke demonstrieren wollte, so würden die Angebote heute stärker genutzt.

„NRW-weit gibt es eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch ein Team von Leuten, die psychosoziale Erstbetreuung leisten können. Ein Polizeiarzt, ein Psychologe und erfahrene Polizeibeamte gehören dazu.“ Auch in Heinsberg gebe es zwei speziell geschulte Ansprechpartner und Polizeiseelsorger zu diesem Zweck.

Damit es jedoch erst gar nicht zu derlei Situationen kommt, habe die Trainingsintensität für unterschiedliche Alltagsszenarien zugenommen. „Wir legen großen Wert darauf, dass die Kollegen zusammen trainieren, die auch draußen zusammenarbeiten müssen.“ Vier eigene Trainer beschäftigt die Kreispolizeibehörde hierzu, die aufwendig beschult wurden. Da wird auch schon einmal ein Gebäude in Geilenkirchen angemietet, um einen Amoklauf zu simulieren.

Rund 360 Polizisten

Rund 360 Polizisten versehen im Kreis Heinsberg ihren Dienst. „Mit diesem Personal können wir unsere Aufgaben gut wahrnehmen“, meint Hinzen. „Fakt ist aber, dass die Personalstärke in Nordrhein-Westfalen abnehmen wird. Ob sich das bei uns auswirkt, wissen wir noch nicht definitiv.“ Der Negativtrend setzt sich fort. Seit 1997 haben Bund und Länder bei der Polizei mehr als 15.000 Stellen abgebaut. „Wir haben schon Überlegungen, dass wir Innendienststellen aufgeben und nicht mehr besetzen zugunsten der operativen Aufgaben. Deshalb glaube ich, dass der Bürger es nicht bemerken wird“, ist Hinzen zuversichtlich. Einen Appell richtet er dennoch an die Bevölkerung: „Ich wünsche mir mehr Respekt für die Menschen, die in Uniform für die Sicherheit der Bürger sorgen.“

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